Im Reich der Farben

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil vier: Bühnenmalerin Vanessa Kluge

Von Carolin Becker Erstellt: 31. Dezember 2015, 00:00 Uhr
Im Reich der Farben Vanessa Kluge an ihrem Arbeitsplatz. Von hinten grüßt die Nürnberger Kaufmannsfrau Elsbeth Tucher, die früher den 20-Mark-Schein zierte und ein ideales Motiv für eine Prüfungsarbeit abgab. Foto: Becker

Theater – das ist eine Welt jenseits der Welt, die den Zuschauer auf wunderbare Weise aus dem Alltag entfliehen lässt. Doch hinter der perfekten Illusion steckt handfeste Arbeit, wie sie etwa die junge Bühnenmalerin Vanessa Kluge leistet.

Pforzheim. Es war ein „Tag der offenen Tür“ am Heidelberger Theater. Nicht mehr und nicht weniger. Und es war der Tag, von dem an sich die zehnjährige Vanessa über ihre künftige Berufswahl keine Gedanken mehr machen musste. Wie in Stein gemeißelt stand es fest: Das Mädchen würde einmal Bühnenmalerin werden.

Aus dem Mädchen ist inzwischen eine erwachsene Frau geworden, und ihr Traum ist Realität geworden. Vanessa Kluge zählt zum Quartett, das im Malersaal des Theaters Pforzheim die Vorstellungen des Bühnenbildners mit jeder Menge Farbe und noch mehr Engagement in die Tat umsetzt. „Ich habe hier Bühnenmalerin gelernt und bin vor zwei Jahren übernommen worden“, berichtet die 24-Jährige, die aus Sinsheim stammt. Mit 14 habe sie ihr erstes Praktikum absolviert und in der Folge „stur auf mein Ziel hingearbeitet“. Einfach sei der Weg dahin nicht gewesen. „In der Schule wird viel verlangt“, blickt sie auf ihre Ausbildungszeit zurück. Auch jetzt im Beruf sei wesentlich mehr gefordert, als das Talent zum Malen und Zeichnen auszuleben. „Man muss ein Auge für Formen und Farben haben, aber auch geduldig und körperlich belastbar sein“, verweist Vanessa Kluge auf schwere Wände, die es zu schleppen gelte.

Solche Bestandteile der entstehenden Kulissen kennzeichnen das Bild im Malersaal, wo an den Wänden Variationen berühmter Gemälde die Blicke auf sich ziehen. „Das sind meist Prüfungsarbeiten“, erläutert Vanessa Kluge, weshalb das Publikum die Schmuckstücke nicht zu sehen bekommen hat. Anders die dreidimensionalen Hingucker der Bühnenplastiker, die an frühere Produktionen erinnern.

Damit am Ende eine stimmige Kulisse entstehen kann, greifen am Theater viele Rädchen in unterschiedlichen Werkstätten ineinander. „Wir sind gewissermaßen die letzte Etappe auf dem Weg zur Fertigstellung“, schildert die 24-Jährige den Moment, in dem die zu bemalenden Elemente aus der Schreinerei in den Malersaal gebracht werden. Ganz unterschiedlich sei, was das Team gestalterisch zu leisten habe. Mal gelte es schlicht, Wände schwarz oder weiß anzustreichen, dann wieder müsse in die malerische Trickkiste gegriffen werden, um Materialien wie Holz oder Marmor täuschend echt nachzuahmen. „Wie erzeugen wir eine Verputzstruktur, ohne dass die Wände zu schwer und unhandlich werden?“, nennt Vanessa Kluge eine aktuelle Fragestellung. Hier sei durchaus Kreativität gefordert. Ansonsten aber würden die Vorstellungen des Bühnenbildners, die in verkleinerter Form vorlägen, auf die große Fläche der Kulissen übertragen – unter anderem mit überdimensional anmutenden Pinseln. „Sehr aufwendig war ,Die Fledermaus‘“, denkt die Bühnenmalerin an eine Produktion in ihrem ersten Lehrjahr zurück, die mit barocken Elementen, Engeln und Porträts nicht gegeizt habe. „Das hat großen Spaß gemacht“, sagt Vanessa Kluge. Sie liebe es seit Kindertagen, detailreich abzuzeichnen. „Als ich erfahren habe, dass es diesen Beruf gibt, war mir klar, dass ich unbedingt in die Richtung gehen wollte.“ Angenehmer Nebeneffekt: „Wir dürfen uns manche Proben anschauen, schon um zu sehen, ob eventuell noch etwas nachgebessert werden muss“, sagt die Bühnenmalerin, die von den kurzen Wegen schwärmt: „Längst nicht an jedem Theater befinden sich die Werkstätten direkt an der Spielstätte.“

Nichtsdestotrotz wird sie Pforzheim wohl zum Ende der Spielzeit den Rücken kehren. Ihr Vertrag laufe aus, sie sei auf Jobsuche. „Man muss, was den Arbeitsort angeht, flexibel sein. Stellen sind rar“, begründet Vanessa Kluge, weshalb sie ihre Fühler bis nach Amsterdam ausstreckt. Schließlich setzt sie, wenn sie nicht gerade an einer Kulisse arbeitet, nicht auf Illusionen. Doch die Liebe zur Welt jenseits der Welt ist ihr die Ungewissheit wert.

Carolin Becker

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