Ganz Ohr

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil fünf: Tontechnikerin Yue Liu

Von Carolin Becker Erstellt: 2. Januar 2016, 00:00 Uhr
Ganz Ohr Yue Liu an ihrem Mischpult, von dem aus sie das Geschehen auf der Bühne genau im Blick und vor allem im Ohr hat. Gerade wird für die Operette „Die Csárdásfürstin“ geprobt. Foto: Becker

Gute Zuhörer können mit diesem Pfund im Umgang mit ihren Mitmenschen wuchern. Yue Liu hat auf ihrem besonderen Talent ihre berufliche Karriere aufgebaut, die sie im Oktober als Tontechnikerin nach Pforzheim geführt hat.

Pforzheim. HiBu, SeBu, Port, Insp, VorL, VorR, Grab, SUB: Wer diese Abkürzungen schon verwirrend findet, sollte den Blick gar nicht erst auf die unzähligen Hebel und Knöpfe, Schieberegler, Leuchtanzeigen und Anschlüsse richten, mit denen das Mischpult darüber hinaus aufwartet. Yue Liu hingegen lässt ihre Finger flink und elegant wie eine Klaviervirtuosin, die sie nebenbei hobbymäßig auch noch ist, über ihr Instrument fliegen. Und ein Instrument ist dieses Wunder der Technik wirklich, denn die Frau, die es bedient, sorgt damit für den guten Ton im Theater Pforzheim.

Tontechnikerin lautet die Bezeichnung des Vollzeitjobs, den die 27-Jährige im Herbst angetreten hat, und im Begriff treffen sich die beiden Leidenschaften der Chinesin: Sie habe ein Faible für Technik und gleichzeitig eines für Musik, erläutert sie, weshalb sie nach ihrem Bachelor-Abschluss in ihrer Heimatstadt Peking den Weg nach Deutschland eingeschlagen hat: „Dort ist der klassische Musikbetrieb am besten in der Welt.“ 2012 verließ sie China, wo sie sich zuvor im Goethe-Institut mit der neuen Sprache hatte vertraut machen lassen, um an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg ihre Studien fortzusetzen. Den Master hat sie mittlerweile in der Tasche und zudem während eines langen Praktikums am Staatstheater Nürnberg Theaterluft und Erfahrungen in sich aufgesogen. In Pforzheim steht sie nun gemeinsam mit einem Kollegen in der Verantwortung und hat einen entscheidenden Anteil daran, dass das Publikum in den vollen Genuss des Geschehens auf der Bühne kommt. „Wichtig ist, dass die Zuhörer den Text gut verstehen können. Dazu tragen wir mit unserer Technik bei“, nennt Yue Liu die grundsätzliche Maßgabe, an der sie sich orientiert. Doch gehe es längst nicht nur darum, einen bestimmen Dezibelwert zu erreichen. Auch die Klangfarbe, die Höhen und Tiefen könnten bei Bedarf moduliert werden – wichtig etwa, wenn ein Schauspieler stimmlich angeschlagen oder gegen Ende der zweiten von kurz hintereinander stattfindenden Vorstellungen schon ein wenig müde sei. „Ich höre ganz genau zu, wie der Ton für die Zuschauer klingt“, sagt die junge Frau, die dabei zusätzlich zur Wunderwelt der Maschinen auf ein Geschenk der Natur bauen kann: ihr absolutes Gehör, das ihr unter anderem Informationen über die exakte Tonhöhe vermittelt. Die Anforderungen an die Tontechniker, die sich im Vorfeld mit musikalischem Leiter respektive Regisseur abstimmen, seien im Theaterbetrieb höchst unterschiedlich, verweist Yue Liu auf die spezifischen Gegebenheiten der einzelnen Sparten und Produktionen. Die Darsteller im derzeit gespielten Wintermärchen „Geschichten aus 1001 Nacht“ etwa trügen sogenannte Mikroports am Körper. Doch nicht nur auf deren Funktion achte sie während der Vorstellung, die sie von ihrem Platz hoch oben gegenüber der Bühne aus verfolgt. Im Märchen gelte es zudem, fast 30 Musikzuspielungen auf den Punkt genau zu starten. „Bei meiner persönlichen Premiere war ich da schon ein bisschen aufgeregt“, erzählt die Tontechnikerin. Mittlerweile habe sich jedoch eine gewisse Routine eingestellt. Doch auch wenn eine Produktion schon 20-mal gelaufen sei, klinge jede Vorstellung anders. „Das hängt unter anderem damit zusammen, wie viele Menschen im Zuschauerraum sitzen“, erläutert die Expertin, von der dann Flexibilität gefordert ist. Nicht nur an ihrem Mischpult, sondern auch an den mannshohen Geräten in ihrem Rücken kann sie Einfluss auf die Mikrofone nehmen, die beispielsweise bei der Operette „Die Csárdásfürstin“ geschickt ins Bühnenbild integriert werden und so erlauben, dass auch der weiter hinten postierte Chor gut zu hören ist. Viel weniger zu tun als bei der aus tontechnischer Sicht besonders aufwendigen „West Side Story“ gibt es bei Opern wie Verdis „Nabucco“. Die Sänger setzen hier allein auf die Tragfähigkeit ihrer Stimmen, eine einzuspielende Bühnenmusik fordert die Expertin nicht heraus. „Langweilig wird es mir trotzdem nicht“, versichert die Chinesin. „Ich finde die Musik unheimlich schön.“

Die Kehrseite ihrer Liebe zum Theater ist das Heimweh, das sich viele Tausend Kilometer entfernt von den Eltern nicht immer herunterregeln lässt wie ein zu lauter Ton. „Zuletzt war ich im Februar 2014 zu Hause und habe das Frühlingsfest miterlebt, das bei uns so wichtig ist wie hier Weihnachten“, erzählt sie. Traurig wirkt sie dabei nicht. Nach langen Arbeitstagen warte im neuen Heim immerhin die Ukulele auf die Musikbegeisterte – und die Aussicht auf weitere Herausforderungen im Beruf. „Meine Arbeit macht mir großen Spaß“, betont Yue Liu, schließlich könne sie nicht nur ihr technisches Wissen, sondern auch eigene Vorstellungen einfließen lassen und so ein Stück weit Teil der dargebotenen Kunst werden.

Keine Kunst ist für sie das Deuten der geheimnisvollen Abkürzungen. HiBu stehe schlicht für Hinterbühne, SeBu für Seitenbühne, und auch die anderen Buchstabenkombinationen bezögen sich auf konkrete Positionen der Mikros auf und an der Spielfläche. Wer immer dort hineinsingt oder -spricht, darf gewiss sein: Hoch oben an ihrem Mischpult ist Yue Liu ganz Ohr.

 

Die bisherigen Folgen unserer neuen Serie und Videos zu einigen Beiträgen sind unter www.muehlacker-tagblatt.de zu finden.

Carolin Becker

Redakteurin E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

Carolin.Becker@muehlacker-tagblatt.de

Weiterlesen

Familienfest zum Weltkindertag

Pforzheim (pm). Zum diesjährigen Weltkindertag lädt der Deutsche Kinderschutzbund Pforzheim-Enzkreis am Sonntag, 23. September, zum großen Kinder- und Familienfest ein, das von 12 bis 16 Uhr an der Tunnelstraße 33… »