Ein Mann, ein Textbuch

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil zwei: Souffleur und Regieassistent Erik Munkler

Von Carolin Becker Erstellt: 29. Dezember 2015, 00:00 Uhr
Ein Mann, ein Textbuch Erik Munkler mit dem Textbuch zu „Hamlet“. Damit kann er den Akteuren, sollten diese in der Probe hängenbleiben, rasch das passende Stichwort liefern. Foto: Becker

Der Mann in Reihe eins ist kein penibler Kritiker, kein Lehrer, kein Spion aus einem anderen Haus. Der Mann in Reihe eins lässt seinen Blick zwischen Textbuch und Bühne hin und her wandern, um den Schauspielern notfalls über einen Hänger hinwegzuhelfen. Der Mann in Reihe eins ist Souffleur – und mehr.

Pforzheim. Flüstern oder hauchen, so etwa lässt sich das französische Verb „souffler“ übersetzen, das jener Tätigkeit zugrunde liegt, die der Laie gern im Souffleurkasten verortet. Erik Munkler indes verbirgt sich nicht in einem in den Bühnenboden eingelassenen Versteck. „Heute geht man offener mit der Arbeit des Souffleurs um“, sagt der 46-Jährige, der im vergangenen Jahr in eben jener Funktion zum Team des Theaters Pforzheim stieß und mittlerweile zusätzlich auch als Regieassistent aktiv ist.

Darauf, dass er einmal Bühnenluft atmen würde, deutete die Vita des Sohns einer Landwirtsfamilie aus der Eifel zunächst nicht hin. Den Beruf des Zollbeamten ließ er hinter sich, arbeitete unter anderem auf dem Bauernhof der Eltern und im Gartenbau. Mit 39 Jahren schließlich entdeckte er die Liebe zum Theater, in dem der Spätberufene inzwischen nach verschiedenen Regiehospitanzen und einer festen Stelle an der Württembergischen Landesbühne Esslingen Fuß gefasst hat. Schon dort arbeitete der Quereinsteiger als Souffleur. „Dabei handelt es sich um keinen klassischen Ausbildungsberuf“, berichtet Erik Munkler von einem bunt gemischten Kollegenkreis, zu dem ehemalige Künstler ebenso zählten wie Lehrer, Erzieher oder Menschen mit anderem Hintergrund, die die Begeisterung für die Welt der Bühne eine. Verzichtet Pforzheim auch seit einiger Zeit auf einen Souffleur im Musiktheaterbereich, so sind die Dienste Munklers in der Sparte Schauspiel gerade bei Stücken im Großen Haus durchaus gefragt. „Es ist psychologisch von Bedeutung und gibt den Darstellern ein gutes Gefühl, wenn für eine gewisse Absicherung gesorgt ist. Schließlich ist einer vielleicht gerade gesundheitlich angeschlagen oder ein anderer erst kurzfristig eingesprungen. Manch einer kündigt dann im Vorfeld an: Heute brauche ich dich garantiert“, erzählt der Souffleur, der längst nicht nur bei den Vorstellungen zum Einsatz kommt, wo er entweder in der ersten Reihe sitzt oder, für die Zuschauer unsichtbar, hinter dem Portal am Bühnenrand steht.

Am Rand der Spielfläche und doch mittendrin begleitet er auch die Proben wie aktuell für das Schauspiel „Hamlet“, das im Februar Premiere feiern wird. Gerade in der Frühphase der Arbeit, die sich über mehrere Wochen erstreckt, sei es für den flüssigen Fortgang der Probe sehr hilfreich, wenn er bei Bedarf den Text in Erinnerung rufen könne. Hier wie später in der Vorstellung richte er seinen Blick immer abwechselnd auf Textbuch und Schauspieler. „Im besten Fall weiß ich schon vor dem Darsteller, dass ein Hänger droht“, beschreibt Erik Munkler das Gespür, das für seinen Beruf unerlässlich ist. Konzentration werde ebenfalls permanent gefordert. „Da gilt es, aufmerksam und trotzdem locker zu bleiben.“ Wichtige Grundvoraussetzung sei darüber hinaus eine tragende Stimme. Schließlich müsse das Stichwort im ungünstigsten Fall von der Zuschauerreihe eins bis hin zum vielleicht gerade im hinteren Bereich der Bühne postierten Schauspieler hörbar sein. Dann bekomme zwar auch das Publikum mit, dass die Hilfe des Souffleurs vonnöten ist, doch trete ein solcher Fall sehr selten ein. An „höchstens vier Einsätze“ im Verlauf der kompletten letzten Spielzeit erinnere er sich, bescheinigt der Wahl-Pforzheimer den Akteuren große Textsicherheit.

Ist der Souffleur, der Professionalität der Darsteller auf der einen und dem technischen Fortschritt auf der anderen Seite geschuldet, ein vom Aussterben bedrohter Beruf? Zumindest werde in diesem Bereich gespart, sagt Erik Munkler, für den die Soufflage nicht das einzige Standbein darstellt. Seit der laufenden Spielzeit ist er auch als Regieassistent in Pforzheim tätig. „Das Portfolio umfasst die gesamte Organisation rund um die Proben“, umreißt der 46-Jährige sein Aufgabenfeld, das er als Schnittstelle zwischen Regie, Darstellern und den einzelnen Gewerken von Schneiderei bis Maske bezeichnet.

Wer feilt wann und wo an welcher Szene? Wie lassen sich Überschneidungen verhindern? Erik Munkler jongliert mit vielen Faktoren, wenn er die Pläne erstellt, die für den nächsten Tag bis um 13 Uhr im Künstlerischen Betriebsbüro abgegeben sein müssen. Das nötige Fingerspitzengefühl bringt er ohnehin mit, und wenn er über seine Arbeit spricht, schwingt die Begeisterung für das Theater in seiner sonoren Stimme mit – ganz und gar nicht gehaucht oder geflüstert.

 

Folge eins unserer neuen Serie und ein Video dazu sind auf unserer Homepage unter www.muehlacker-tagblatt.de zu finden.

Carolin Becker

Redakteurin E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

Carolin.Becker@muehlacker-tagblatt.de

Weiterlesen

Mobilität: Region schneidet schlecht ab

Pforzheim/Enzkreis (pm). Pforzheim und die Region Nordschwarzwald belegen in Baden-Württemberg laut Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), den letzten Platz in Bezug auf die nachhaltige Mobilität: SIE MÖCHTEN DEN… »