Des Sängers neue Kleider

Hinter den Kulissen des Theaters Pforzheim – Teil eins der neuen Serie porträtiert die Maßschneiderin Uta Weinhart

Von Carolin Becker Erstellt: 28. Dezember 2015, 00:00 Uhr
Des Sängers neue Kleider Die Kostüme im Theater leben manchmal gefährlich. Dieses Kleid hat die ereignisreiche Handlung mit Löchern auf der Rückseite bezahlt, die in der Schneiderei ausgebessert werden. Foto: Becker

Nur zwei Stockwerke sind es, die Bühne und Schneiderei voneinander trennen. Doch von Glamour ist in dem hellen Raum, in dem Uta Weinhart arbeitet, wenig zu spüren. Dabei sind es Menschen wie sie, die hinter den Kulissen den Darstellern erst zu einem strahlenden Auftritt verhelfen. Ihnen ist unsere neue Serie gewidmet.

Pforzheim. Ich hab’ nichts anzuziehen. Nirgendwo wird dieser Satz seltener zu hören sein als hier in der Schneiderei, wo schon im Flur Kleiderständer an Kleiderständer stehen, wo in Schränken kistenweise Handschuhe gelagert werden, wo im – Achtung: kleinen! – Fundus mehr Hemden, Hosen, Röcke und Mäntel auf ihren Einsatz warten, als eine Kaufhausabteilung bieten könnte. Dafür, dass der Bestand weiter wächst und gepflegt wird, ist unter anderen Uta Weinhart zuständig.

Die Maßschneiderin lebt am Theater ihren Traum aus Kindertagen. „Genäht habe ich schon früh, sobald ich mit den Füßen das Pedal erreichen konnte“, erinnert sich die 49-Jährige an den Beginn einer Leidenschaft, die zunächst den Puppen, bald aber auch Menschen aus Fleisch und Blut zu neuen Kleidern verholfen hat. Dass mittlerweile Sänger, Schauspieler und Tänzer ihre Werke tragen, sei wunderbar. „Das wünschen sich wohl viele Schneider“, schwärmt Uta Weinhart von der Vielfalt ihrer Arbeit. Abwechslung sei garantiert, kein Tag gleiche dem anderen. „Man kommt mit Dingen in Berührung, die einem sonst fremd bleiben würden“, verweist sie auf historische Kostüme oder besonders bunte Kreationen, wie sie gegenwärtig im Märchen „Geschichten aus 1001 Nacht“ gefragt seien. „Da haben wir sogar Lampenschirme und Trichter verarbeitet, was durchaus eine Herausforderung darstellt. Schließlich muss das Ergebnis tragbar sein“, berichtet Uta Weinhart, die bereits in ihrer Heimat Halle in Sachsen-Anhalt vom Theatervirus befallen wurde, an Weihnachtsaufführungen mitwirkte und gern Gedichte auswendig lernte.

Heute macht sie sich mit ihren Kollegen in Damen- und Herrenschneiderei auf die Vorgaben der Ausstatter einen Reim. „Es bleibt trotzdem Raum für Kreativität. Wenn es etwa darum geht, ein schwarzes Kleid aufzuwerten, sind wir in der Umsetzung recht frei, solange es zum vorgegebenen Stil passt“, sagt die Mutter einer elfjährigen Tochter, die neben ihrem Halbtagsjob am Theater auch teilselbstständig arbeitet. Das Nähen für private Zwecke sei mit dem Arbeiten für die Bühne allerdings nur teilweise vergleichbar. Die Verarbeitung unterscheide sich stark. „Alles, was hier entsteht, muss robust sein und schnell geändert werden können“, erläutert die Schneiderin mit Wahlheimat Grunbach. Reichliche Nahtzugaben sorgten dafür, dass die Kleidung an Nutzer unterschiedlichen Formats angepasst werden kann.

Wenn doch einmal ein Reißverschluss der eingesprungenen Schauspielerin einen Streich spielt oder das Samtkleid dem seiner Trägerin verordneten Robben auf der Bühne Tribut zollt, kommt wieder Uta Weinhart ins Spiel, deren Mann als Bühnentechniker ebenfalls Theaterluft atmet.

Neu anfertigen, reparieren, Kostüme aus dem Fundus oder gespendete Kleidung umgestalten: Dieser Dreiklang bestimmt die Arbeit in der Schneiderei, wo, was die Maschinen angeht, Zuverlässigkeit Trumpf ist. Uta Weinhart sitzt an einem von ihr heiß geliebten Industrienäher, von dessen Tempo und Genauigkeit sie schwärmt. Andere Maschinen kämen dann zum Einsatz, wenn für Jerseywaren oder Trikots fürs Ballett dehnbare Nähte benötigt würden. Doch auch Handarbeit pur ist immer wieder gefragt, etwa wenn sich die Auszubildende Kim Aileen Böcher dem filigranen Kopfschmuck für die Darstellerinnen in der Operette „Die Csárdásfürstin“ widmet. Jedes Stück erhält nicht nur neckische Federchen, sondern auch ein Namensschild, das die Zuordnung zur Darstellerin ermöglicht. Ebenfalls markiert sind die Strumpfhosen, die an Uta Weinharts Arbeitsplatz bereitliegen. Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass die zahllosen Hemden und Hosen aus dem kleinen Fundus rasch zum passenden Akteur finden. Mehr Raum beanspruchen die weniger alltäglichen Stücke, für die eigens ein Abschnitt einer Fabrikhalle angemietet wurde. Insgesamt mögen bis zu 30000 Kostüme ihres Einsatzes auf der Bühne harren.

Stichwort Bühne: Vermisst Uta Weinhart den Applaus, den die Träger ihrer Werke ernten? „Nein“, versichert sie, „denn wenn es Beifall gibt, heißt das, dass wir alle unsere Arbeit gut gemacht haben. Was kann uns Besseres passieren?“

Carolin Becker

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