AfD: Klare Absage an Humanismus

Alternative für Deutschland eröffnet in Pforzheim mit Dr. Frauke Petry den Landtagswahlkampf und bläst ins nationalkonservative Horn

Von Frank Goertz Erstellt: 2. November 2015, 00:00 Uhr
AfD: Klare Absage an Humanismus Dr. Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD, glänzt als Star des Wahlkampfabends vor brauner Holzvertäfelung in der Schwarzwaldsängerhalle. Fotos: Hansen

Die Alternative für Deutschland (AfD) bläst bundesweit zur „Herbstoffensive“ und hat am Samstag in Pforzheim ihren Landtagswahlkampf eröffnet. Der Philosoph Dr. Marc Jongen und AfD-Bundessprecherin Dr. Frauke Petry aus Dresden sorgten in der Schwarzwaldsängerhalle für nationalkonservative Akzente.

Pforzheim. Zufällig war der Ort für den Wahlkampf-Startschuss sicher nicht gewählt. Die AfD kann sich in Pforzheim auf ihre Anhänger verlassen. Bei der Europawahl 2014 fuhr sie in der Goldstadt mit 15,4 Prozent ihr bundesweit bestes Ergebnis ein, und bei der jüngsten Kommunalwahl holte die Partei 10,8 Prozent in Pforzheim und damit vier Sitze im Gemeinderat. Wenn man der Atmosphäre in Brötzingen Glauben schenken mag, ist diese Zustimmung alles andere als abgebröckelt. Weit über 400 Menschen wollten in der voll besetzten Halle hören, was die AfD-Vertreter zum Thema Nummer eins in Deutschland zu sagen haben. Angekündigt war die Rede von Frauke Petry mit dem Titel: „Asylpolitik 2015 – Politikversagen in Deutschland“.

Zuvor durften sich Dr. Bernd Grimmer, Landtagskandidat im Wahlkreis Pforzheim, und der Transportunternehmer Bernd Gögel, der die AfD-Farben im Enzkreis vertritt, präsentieren. Zeit genug hatten sie auf jeden Fall, denn Frauke Petry, die ihre Gegner als „Wolf im Schafspelz“ charakterisieren, war noch auf dem Weg von Hamburg nach Pforzheim. In der Hansestadt stand sie am Vormittag bei einer Kundgebung plötzlich 1300 Gegendemonstranten gegenüber. „Der Antifa-Mob hat uns eingekesselt“, schimpfte Petry Stunden später in Pforzheim.

Demonstranten standen auch vor der Schwarzwaldsängerhalle. Aber sie wirkten mit ihren teils bunten Plakaten mit Schriftzügen wie „Gegen Ausländerfeindlichkeit“ wie ein verlorenes Häufchen und mussten sich „Diskussionsangeboten“ der AfD-Anhänger stellen. Polizisten beobachteten die Szenerie aus einigen Metern Entfernung – präventiv deeskalierend.

Deeskalation war allerdings nicht das Thema in der Halle. Schließlich geht es um die Zukunft Deutschlands, eines Staats, der nach Lesart der AfD zerfällt, der seine Grenzen nicht sichere und den Marc Jongen in einem Atemzug mit „failed states“ wie Afghanistan und Somalia nannte.

Der Philosoph aus Karlsruhe sorgte für Stimmung, nachdem Grimmer und Gögel versucht hatten, sich mit mehreren Themen von Bildung bis Energie breit zu positionieren und dabei nur einzelne Nadelstiche in Richtung Flüchtlingsthema setzten, indem sie beispielsweise auf den Knopf „die Flüchtlinge nehmen den Deutschen Arbeitsplätze weg“ drückten. Dafür gab es schon verhaltenen Beifall.

Marc Jongen blieb es vorbehalten, das aktuelle Kern-Thema der AfD ausführlich anzusprechen. Er legte mit dem Asylthema los, kam in drei Sätzen, ohne Luft zu holen, vom „Alptraum“ über die „Flüchtlingskrise“ zur „Flüchtlingskatastrophe“.

„Du musst noch aggressiver sprechen“, forderte ihn ein untersetzter Anfangsechziger lautstark aus der hinteren Reihe auf. „Ich bin ein höflicher Mensch, ich komme von der Hochschule“, kokettierte der Philosoph. Er wolle informieren statt agitieren, schob er, ohne mit der Wimper zu zucken, hinterher und machte im nächsten Satz deutlich, warum Informationen so wichtig seien: „Die Hauptmedien und die politische Kaste desinformieren doch nur.“ Und damit hatte der Assistent von Professor Dr. Peter Sloterdijk an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung endgültig begonnen, seinen Zuhörern einen Einblick in die Büchse der Pandora zu geben. Allerdings brauchte er fast geschlagene 20 Minuten, um endlich das L-Wort – „Lügenpresse“ – auszusprechen. Vorher hatte er jedoch schon festgestellt, dass die großen Zeitungen und die Fernsehkanäle gleichgeschaltet seien, und mit Bildern wie dem des „toten Jungen an der türkischen Küste“ nur eins im Sinn haben: die Menschen und die Staatsmacht zu manipulieren.

Marc Jongen offenbarte auch enorme Kenntnisse der deutschen Seele und erklärte, warum Pegida im Osten der Republik so gut ankommt, im Westen dafür weniger: „Der Osten hat mehr Erfahrung mit Unterdrückung gemacht.“ Und jetzt wehrten sich die Menschen, nachdem der Regimezustand der Bundesrepublik eher an die DDR oder die Sowjetunion erinnere als an ein freies Land.

Plötzlich schieben sich schwarze Security-Kräfte in den Saal, in ihrer Mitte eine kleine Frau mit brünetten kurzen Haaren, der Star des Abends – endlich angekommen aus dem Kessel von Hamburg. Jongen präsentiert noch schnell sein Idealbild des Staates, in dem für Humanismus kein Platz sei, zieht das Titelbild der Spiegel-Ausgabe vom 29. August „Dunkles Deutschland – helles Deutschland“ aus der Tasche, um die „Lügenpropaganda der Medien“ zu beweisen – und überlässt Frauke Petry die Bühne.

Sie wirkt auf den ersten Blick wie die nette Sekretärin von nebenan, vertritt aber in Wirklichkeit die Abteilung Attacke. Von Politikern hält die 40-Jährige allerdings wenig: „Sie haben die Bindung zum Volk verloren und interessieren sich nicht dafür, was der Bürger will.“ Mit Politikerschelte alleine ist es jedoch nicht getan. Petry empfiehlt ihren Wahlkämpfern, sich nicht auf einzelne Themen festlegen zu lassen. Zur Diversifizierung gehöre auch das Thema Bildung. Petry: „Da kann man mit wenig Aufwand viel punkten.“

Wie Marc Jongen skizzierte auch Frauke Petry ihr Idealbild des Staates, der sich durch drei Kriterien auszeichne: Staatsgebiet (Grenze), Volk (Staatsbürgerschaft) und Staatsgewalt (Gesetze). Der Zustand des deutschen Staates ist laut Petry dem Verfall anheim gegeben. Die Grenzen werden nicht gesichert, außerdem gebe Deutschland es aus der Hand, wie sich das Volk zusammensetze, und die Kanzlerin selbst breche Gesetze, wenn sie Flüchtlinge aus Budapest nach Deutschland hole. Deshalb habe die Alternative für Deutschland Angela Merkel auch schon wegen „Schleuser-Tätigkeit“ angezeigt.

Am Ende des Abends hatten die AfD-Wahlkämpfer ihr vernichtendes Urteil gefällt: Der Patient Deutschland ist halbtot, totales Demokratieversagen.

Aktuellen Meinungsumfragen zufolge kommt die Alternative für Deutschland derzeit bundesweit auf eine Zustimmung von 8,5 Prozent, Tendenz steigend. Die Veranstaltung in Pforzheim hat dabei gezeigt, dass es zu kurz greifen könnte, sie wie Vize-Kanzler Sigmar Gabriel auf den rechten Rand zu reduzieren. In einer Fragerunde am Ende der Veranstaltung bekannten sich gleich mehrere ehemalige CDU-Mitglieder und -Mandatsträger offen zur AfD und schüttelten Frauke Petry begeistert die Hand.

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