Nach Messerattacke im Zug: Drogentherapie als letzte Chance

Von Isabel Hansen Erstellt: 12. August 2017, 00:45 Uhr

Pforzheim/Illingen. Mit einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten, in dessen Rahmen er in eine Entziehungsanstalt eingewiesen wird, gab die Auswärtige Große Strafkammer des Landgerichts Karlsruhe in Pforzheim dem Mann, der eine Frau am 8. Februar nachts in einem menschenleeren Regionalexpress mit einem Messer attackiert hat und in Illingen geflüchtet ist, noch eine letzte Chance, sein Leben zu ändern.

Im Alter von 14 Jahren hat der heute 30-Jährige seine mehr als steile Drogenkarriere begonnen. Er hat ein ellenlanges Vorstrafenregister, mit teils einschlägigen Vergehen, für das Staatsanwalt Dominik Franzki eineinhalb Stunden benötigte, um die 26 Einträge aufzulisten. Vor allen Dingen aber scheint der Mann unverbesserlich zu sein, was zahlreiche abgebrochene Therapien nahelegen. Ein Fall also für eine Sicherheitsverwahrung zum Schutz der Allgemeinheit, wie sie der Anwalt der Nebenklägerin, Daniel Häuser, in seinem Plädoyer forderte ?

Schwere Persönlichkeitsstörung

und geringe Intelligenz

Die Auswärtige Große Strafkammer des Gerichtes entschied anders und verurteilte den Angeklagten zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe, auf die die bisherige Untersuchungshaft ebenso angerechnet wird wie der anschließende Aufenthalt in einer Entziehungsanstalt. Bleibt ein Rest von sieben Monaten und zwei Wochen, die der Mann tatsächlich im Gefängnis absitzen muss, bevor er in eine geschlossene Einrichtung wechselt, die ihm nun wirklich helfen soll, von seiner Sucht loszukommen – auch wenn der Angeklagte selbst dafür eigentlich, zumindest zu Prozessbeginn, gar keine Notwendigkeit sah. Richter Andreas Heidrich konnte sich noch gut daran erinnern, wie der Angeklagte im Brustton der Überzeugung erklärte, dass eine Therapie für ihn nicht infrage komme.

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Seine Chance wider Willen verdankt der Angeklagte dem psychiatrischen Gutachter Dr. Michael Schulte, auf dessen Einschätzung sich das Gericht stützte. „Das Urteil drängt sich bei dem Fall nicht sofort auf“, gab Richter Heidrich zu. „Wenn aber ein Sachverständiger, der selbst Patienten in geschlossenen Anstalten behandelt, einer erneuten Therapie, nun aber in einer spezialisierten Entziehungsanstalt, Erfolgsaussichten bescheinigt, vertraue ich dieser Bewertung“, so Heidrich. Gleichzeitig habe Dr. Schulte schlüssig erklärt, warum die bisherigen Therapien, die sich auf die Behandlung der Sucht konzentrierten, bei Patienten, die wie der Angeklagte eine schwere Persönlichkeitsstörung kombiniert mit geringer Intelligenz haben, nahezu zwangsläufig scheitern mussten.

Wohl auch deshalb verzichtete Richter Heidrich bei der gestrigen Verkündung des Urteils auf die obligatorische Ermahnung in Richtung des Angeklagten, diese nun wirklich letzte Chance zu nutzen. Der Angeklagte dagegen wirkte bei der Urteilsverkündung nahezu unbeteiligt, ließ die Augen durch den Saal schweifen, konnte das Gesagte vielleicht nicht wirklich verstehen. Seine letzten Worte, mit dem er den Verzicht auf Rechtsmittel erklärte, lauteten: „Das passt schon so.“

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