Wortschatz

Von Carolin Becker Erstellt: 7. September 2018, 00:00 Uhr
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Warum eine Fachtagung längst nicht nur für Experten wichtig ist

Eine Patouà-Fachtagung in Serres. Da mag man fragend die Augenbrauen nach oben ziehen und einige Sekunden später das Blatt mit der Ankündigung zur Seite legen. Eine Sache für Spezialisten, hochkarätig sicherlich, aber nur für einen kleinen Kreis relevant. Sollen sich die Experten damit auseinandersetzen, wie die Sprache klang, die die Waldenser vor mehr als 300 Jahren mit in ihre neue Heimat gebracht haben und die hier – von Flurnamen und einem Patouà-Platz in Serres abgesehen – weitgehend der Vergessenheit anheimgefallen ist. Sollen Wissenschaftler aufzeigen, welche Anstrengungen in den Herkunftsregionen unternommen werden, um das Erbe lebendig zu halten. Gut und schön, doch warum sollte sich der Alteingesessene darum scheren?

Die Schwäbin, die das Blatt im Begriff ist wegzulegen, zögert. Könnte es um mehr gehen als um den Zungenschlag der Zuwanderer von einst und ihrer Nachfahren, um mehr als um das Analysieren grammatikalischer Unterschiede? Ist nicht die Sprache mehr als manch äußerlicher Besitz Ausdruck der Identität, birgt sie nicht ein immaterielles Erbe, eine geistige DNA gewissermaßen? Und was ist zu tun, wenn dieses Erbe verloren zu gehen droht?

Häufig genug hört die Schwäbin Verwandte und Freunde mit deren Nachwuchs nur noch Hochdeutsch reden. Der Bulldog heißt Traktor, das Weckle Brötchen, und statt ein Bonbonle zu lutschen, wird genascht. Die Ohren bluten angesichts dieses selbst auferlegten Verlusts an sprachlichem Reichtum, der umso unsinniger erscheint vor dem Hintergrund, dass zweisprachige Erziehung von allen Experten gepriesen wird. Der eigene Dialekt sollte da der Sprachentwicklung im Wege stehen?

1952 starb der letzte Patouà-Sprecher in Serres. 66 Jahre später lockt die Aussicht, mehr über den vergessenen Schatz zu erfahren, längst nicht nur Experten an. Wird es irgendwann eine Tagung geben, in der sich die Teilnehmer erklären lassen, wie noch anno 2018 die letzten Schwaben geklungen haben?

Wie passt der Wunsch nach dem Bewahren der Tradition zusammen mit der Forderung nach Integration, mit der sich über die Jahrhunderte hinweg und bis in die Gegenwart hinein längst nicht nur die Waldenser konfrontiert sahen? Beides gehört untrennbar zusammen. Das Eingliedern darf nicht bedeuten, die eigenen Wurzeln zu kappen. Denn wer wie Treibgut orientierungslos auf dem Meer der Geschichte driftet, wird an fremden Gestaden keine neuen Bindungen eingehen können. Das bedeutet nun nicht, dass jeder Waldensernachfahre alte Vokabeln pauken, jedes schwäbische Kind mit „Häberle und Pfleiderer“ beschallt werden sollte. Wünschenswert wäre jedoch, sich für den Reichtum der eigenen und anderer Kulturen zu öffnen. Dann wird aus dem Wortschatz ein Schatz der Erkenntnis.

Carolin Becker

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