Standortfaktor

Erstellt: 27. Februar 2019, 00:00 Uhr
Standortfaktor Standortfaktor

Wegfall einer Praxis verdeutlicht das
akute Problem des Ärztemangels

Man stelle sich vor: Der eigene Hausarzt schließt von heute auf morgen die Praxis und teilt das nur durch einen Aushang mit. Das klingt erst einmal für viele unvorstellbar. Doch genau so geht es nun den Patienten eines Mühlacker Allgemeinmediziners. Die Frage, an wen sich die nun hausarztlosen Mühlackerer wenden können, wird nicht nur im Internet heiß diskutiert. Oft fallen einem auf Anhieb mehr Mediziner ein, die einen Aufnahmestopp ausgerufen haben, als solche, deren Kapazität nicht erschöpft ist. Da kann man nur sagen: Wohl dem, der einen Hausarzt hat!

Wie viele Patienten der Arzt betreut hat, ist im Moment nicht bekannt. Aber eine Leserin, deren Familie aus sechs Personen besteht, hat im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet, wie lange sie selbst für vermeintlich schnelle Erledigungen in der Praxis hatte warten müssen: Wenn man „nur schnell“ ein Rezept abholen wollte, sei man manchmal bis auf die Straße Schlange gestanden und habe viel Zeit mitbringen müssen. Diese Beschreibung soll aber keineswegs als Kritik an dem Arzt verstanden werden, sondern nur bestätigen, was man auch in anderen Praxen oft erlebt: Ein Arzt muss sich um zu viele Patienten gleichzeitig kümmern – und kann dennoch nur einen nach dem anderen behandeln.

Entsprechend verständlich ist es, wenn Mediziner abwinken und erklären, dass sie keine Kapazität mehr für weitere Patienten haben. Denn jeder wünscht sich einen Arzt, der hinhört und sich auch mal mehr als zwei, drei Minuten Zeit nimmt. Schließlich möchte man sich, wenn es um die eigene Gesundheit geht, gut aufgehoben fühlen.

Doch damit dieses Gefühl überhaupt aufkommen kann, benötigt man erst einmal einen Hausarzt. Das gilt für die Patienten, die nun vor verschlossenen Türen stehen, wie für viele neu Zugezogene, die oft in langwieriger Suche von einem Arzt zum anderen fahren, in der Hoffnung, irgendwo doch noch aufgenommen zu werden. Mit Blick auf das Alter einiger Ärzte in der Region ist klar, dass noch mehr Praxisschließungen bevorstehen – und die ärztliche Versorgung sich, wenn keine Übernahmen glücken, weiter verschlechtert. Zweifelsohne: Das Praxissterben ist kein neues Phänomen, aber sinnvolle Lösungen lassen nach wie vor auf sich warten.

Wenn sich die medizinische Versorgung insbesondere im Hausarztbereich nicht schlagartig verbessert, wird sie bald der wichtigste weiche Standortfaktor sein: Kann ich in die Region ziehen oder bin ich dann von der medizinischen Versorgung abgehängt? Keine schöne Vorstellung. Aber vielleicht schon bald keine Zukunftsmusik mehr.

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