Sender-Stadt

Von Thomas Eier Erstellt: 6. März 2020, 00:00 Uhr
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Für die Rettung des Wahrzeichens
braucht es jetzt ein kleines Wunder

Man könnte fast trübsinnig werden, stünde nicht das Frühjahr vor der Tür. Im tristen Dauerregen eines grauen März-Tages 2020, geprägt durch die Ausbreitung des tückischen Coronavirus, läutet eine Landesbehörde im fernen Karlsruhe das Ende des Mühlacker Wahrzeichens ein. Unserem Sendermast bleibt, wenn nicht ein Wunder
geschieht, nur noch eine Gnadenfrist.

Für das Wunder wäre mangels Mäzen die Stadt beziehungsweise deren Gemeinderat zuständig, die angesichts der nach wie vor ungeklärten Fragen entweder a) den SWR zu einem Aufschub unbestimmter Dauer bewegen oder aber b) die bislang unkalkulierbaren Risiken einer Übernahme in Kauf nehmen müssten. Letzteres gilt als ausgeschlossen, weil es nicht nur um die Kosten, sondern auch um die Sicherheit
und die Haftung im Unglücksfall geht.

Ein Aufschub? Fraglich, denn während der SWR bislang wenig Bereitschaft zeigte, der Stadt bei den Bedingungen für einen Verkauf des Geländes entgegenzukommen, das er einst geschenkt bekam, zeugen die bisherigen Signale aus Mühlacker eher von Unentschlossenheit als vom unbedingten Willen, den Sendermast zu erhalten. Auf die zugegebenermaßen dreiste Forderung der Anstalt, zur Sanierung ihres Eigentums möge die Stadt einen Vorschuss von 60000 Euro für neue Spannschlösser überweisen, reagierte die Gemeinderatsmehrheit mit einer Absage, und während die Bedenkenträger Rolf Leo (Freie Wähler) und Veit Kibele (FDP) in dieser Woche in ihren Haushaltsreden ihr Nein zum Kauf nochmals unmissverständlich bekräftigten, gab es andersherum kein klares Bekenntnis.

Insgesamt erweckte die Senderstadt, deren Bevölkerung ähnlich gespalten erscheint wie der Gemeinderat, gegenüber den auswärtigen Instanzen nicht den Eindruck, wonach der stählerne Namensgeber eine echte Herzensangelegenheit sei, und von daher kann es keinen überraschen, dass in Karlsruher Bürostuben emotionslos nach Aktenlage entschieden wird. Der Mast, heißt es, sei ein Kulturdenkmal, doch dieses zu erhalten, heißt es, sei dem SWR nicht zuzumuten. Weshalb es aus Sicht des Laien, den rechtliche Spitzfindigkeiten weniger kümmern, am Ende keine große Rolle spielt, ob der Sender als ausgewiesenes Denkmal gefällt wird oder nicht.

Die Rettungschancen, seien wir ehrlich, sind höchstens noch marginal, und falls sich nicht spontan doch noch eine breite Front von Übernahmebefürwortern im Ratssaal formiert, werden wir den Sender womöglich schneller los als das Coronavirus. „Schöne“ Aussichten an einem tristen Tag Anfang März 2020.

Thomas Eier

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