Realer Horror

Von Thomas Eier Erstellt: 6. März 2018, 00:00 Uhr
Realer Horror Realer Horror

Täter von Mühlacker sucht sich
seine Plattform im Internet

Als wäre alles nicht schon schlimm genug. Da endet eine Flucht aus Syrien für eine Familie in einer Tragödie, die Mutter verliert im vermeintlich sicheren Deutschland ihr Leben, und vier Kinder, die ohnehin genug mitgemacht haben, müssen ohne Eltern aufwachsen. Doch dann taucht im Internet auch noch ein Bekennervideo auf, in dem der Vater und Täter, der sich dafür mit dem Smartphone gefilmt hat, die kurz zuvor geschehene Tat rechtfertigt und sich selbst zum Opfer stilisiert. Entstanden ist das 15-minütige Machwerk – den 13-jährigen Sohn im Schlepptau – sozusagen live inmitten des Geschehens auf dem Weg vom Tatort zum Ort der Festnahme am Bahnhof. Damit das Ganze noch grausiger wirkt, hält der Täter, der sich selbst geschnitten hat, mehrfach seine blutüberströmte Hand ins Bild.

Ein realer Horrorfilm, der sich am Wochenende in Windeseile über Facebook und Youtube verbreitete und auf entsprechende Resonanz stieß; bis hin zu einschlägigen Foren, die den Fall genüsslich und in menschenverachtender Weise aufgriffen. „Todesacker – Mühlacker: Syrer filmt Schlachtung seiner Frau“ lautete eine Internet-Schlagzeile, die dem Zynismus die Krone aufsetzt.

Was tun mit dem Video? Während der unbedarfte Nutzer das Selbstbekenntnis mehr oder minder geschockt konsumiert und es an heftigen Reaktionen – in die eine oder die andere Richtung – nicht mangelt, stellt sich für alle, die dem Urheber womöglich eine zusätzliche Plattform bieten, die Frage nach der Verantwortung. Schließlich wird ein Opfer angeklagt, das sich nicht mehr wehren kann. Außerdem gibt es vier minderjährige Kinder, und der Umstand, dass der Sohn seinem Vater scheinbar zur Seite steht, ändert nichts daran, dass alle vier ebenfalls Opfer sind, die ihr Leben lang unter den Folgen der Tat leiden werden.

Was tun? Dem Täter ein neues Forum geben? Das Video verschweigen?

In einem Fall, der in der Region bislang einzigartig ist, gibt es keine vorgefertigten Schemata, an denen sich eine lokale Tageszeitung für ihre Berichterstattung orientieren könnte. Es gibt nur die Möglichkeit, sich über den Reiz des Spektakulären hinaus etwas länger Gedanken zu machen über Entwicklungen bedenklicher Art. Neben dem Phänomen, wonach Zeugen schwerer Unfälle lieber filmen als zu helfen, ist Mord und Totschlag längst zum beliebten Stoff im Internet geworden, den man per Knopfdruck mit anderen teilen kann.

So hat sich der Täter von Mühlacker in jener Zeit, bis Facebook und Co. reagierten, zigfach reproduziert, während am Tatort noch die Spurensuche lief. Der Täter hat sein Plädoyer in eigener Sache bereits gehalten – lange vor der Gerichtsverhandlung und ohne kritische Nachfragen zu seiner eigenen Rolle.

Thomas Eier

Redaktionsleiter E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

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