Ausgetheilt

Von Thomas Eier Erstellt: 5. Dezember 2018, 00:00 Uhr

Der Start in den Advent verläuft nicht
immer nur friedlich und harmonisch

„O schöne, herrliche Weihnachtszeit, Was bringst du Lust und Fröhlichkeit!

Wenn der heilige Christ in jedem Haus

Theilt seine lieben Gaben aus.“

Im deutlichen Kontrast zur Lyrik eines Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) stehen die jüngsten Nachrichten aus Pforzheim, wo zum Start in die Adventszeit nicht überall und jederzeit Friede und Herzlichkeit herrschten und zum Leidwesen der Polizei statt milder Gaben auch wüste Beschimpfungen und harte Schläge „ausgetheilt“ wurden. Mehrfach trübten am vergangenen Wochenende betrunkene Randalierer und aggressive Streithähne die Atmosphäre der Besinnlichkeit, die auch gerne mal in promillebedingte Besinnungslosigkeit mündet. Sozusagen als Krönung des Ganzen eskaliert auf dem Weihnachtsmarkt ein Streit am Imbissstand zum blutigen Schlagabtausch, bei dem Kontrahenten verschiedener Generationen und Nationalitäten mit Holzlatten und Gürteln aufeinander einprügeln – Motto: Hier fühlt sich jeder reich beschenkt, wird ihm nur kräftig eingeschenkt.

Ersetzt sind Lust und Fröhlichkeit durch Frust, Gewalt, Gehässigkeit: Hoffmann von Fallersleben wäre entzückt, während ein Dutzend uniformierte Friedensengel samt Hund die Situation bereinigen müssen. Nur gut, werden sich die Gäste und Organisatoren in Mühlacker nach fünf erfolgreichen Tagen denken, dass unser Weihnachtsmarkt von Auswüchsen dieser Art verschont geblieben ist, und schließlich gilt: Am Ende kriegt jeder seine Bratwurst, oder worum es auch immer ging.

Über die Gründe der Ausraster gibt es nur Spekulatius, und vielleicht ist es ja so, dass uns Gewaltausbrüche in der Vorweihnachtszeit umso nachhaltiger stören, weil in diesen Tagen unser Bedürfnis nach Harmonie besonders ausgeprägt ist. In diesem Sinne wirkt eine Bierzeltschlägerei auf dem Weihnachtsmarkt komplett daneben, selbst wenn den Beteiligten das christliche Prinzip der Rücksichtnahme und Nächstenliebe fremd erscheinen mag. Als Einstimmung aufs Fest im Familienverbund den Knüppel aus dem Sack zu holen, ist jedenfalls eine sehr spezielle Art, sich zwischen Adventskränzen, Kerzenlicht und Krippenfiguren zu amüsieren.

Drängler und Schläger passen zum Weihnachtsmarkt wie’s Christkind zum Hooligantreffen, doch dass ein Vorfall wie in Pforzheim aufhorchen lässt, ist wiederum auch ein versöhnliches Zeichen – sind wir bei allen Begleiterscheinungen der modernen Weihnacht demnach doch nicht nur abgestumpfte Zyniker, die alle Exzesse akzeptieren.

„O schnöde, brenzlige Weihnachtszeit,

Was bringst du Verdruss und Tätlichkeit.

Wenn unheiliger Gast ohne jeden Graus,

Theilt seine lieblosen Hiebe aus.“

Der Dichter dreht sich im Grab um, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung. Auch das ist der Advent 2018.

Thomas Eier

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