Dreiakter führt zum „Erlenbach-Center“

Kultur oder Konsum: Abstimmung im Gemeinderat wird zur Glaubensfrage – Pläne des Architekten überzeugen Mühlehof-Gegner

Von Thomas Eier Erstellt: 25. Juni 2015, 00:00 Uhr
Dreiakter führt zum „Erlenbach-Center“ Ersatz für den Mühlehof: Neben dem Rathaus (li.) soll ein Gebäude mit drei Stockwerken, einer klaren Gliederung und einem Innenhof entstehen.Animation: M. Niedzielski

Mode statt Mozart, Schuhe statt Schumann, Müller statt Musikverein: In der Mühlacker Stadtmitte kündigt sich nach dem Beschluss des Gemeinderats vom Dienstagabend das Ende des Kulturbetriebs an. Dann, wenn die Pläne der Investoren für ein Einkaufszentrum am Mühlehof-Standort Realität werden.

Mühlacker. Kultur oder Konsum? Am Ende einer jahrelangen Diskussion, der sich in dieser Woche eine weitere stundenlange Debatte anschloss, stand insbesondere für die Gegner des „Erlenbach-Centers“ fast so etwas wie eine Glaubensfrage: Soll die kulturelle Vielfalt im Zentrum der Stadt dem schnöden Mammon geopfert werden? Können klingelnde Kassen die Opernarien der Frick-Gala ersetzen?

Die Befürworter eines Neuanfangs sehen die Sache nüchterner, zumal der Mühlehof-Saal wegen massiver Mängel beim Brandschutz ohnehin kurz vor der Schließung steht. In einem Schauspiel in drei Akten steuert somit die Gemeinderatssitzung unaufhörlich auf das Votum für Krause und Co. als vorläufigen Höhepunkt einer unendlichen Geschichte zu. Akt eins: Der Sachverständige für den Brandschutz erteilt jeder weiteren Gnadenfrist für den Gottlob-Frick-Saal, den kleinen Saal und die Foyers ohne „erhebliche“ Investitionen in Umbauten und Technik eine deutliche Absage. Konsequenz daraus: Der Mühlehof-Saal wird nach dem ADAC-Ball im Januar 2016 unweigerlich geschlossen, der Kulturbetrieb muss sich Ausweichquartiere wie den Uhlandbau suchen. Akt zwei: Der Gemeinderat erteilt jeglichen Investitionen in den Brandschutz im Mühlehof im laufenden Haushaltsjahr eine Absage. Wobei die Bühnen-Bewahrer in Reihen der SPD und Freien Wähler nicht zu Unrecht anmerken, es sei bislang, was die notwendigen Ausgaben für Brandmeldeanlage und andere Verbesserungen betrifft, keine „Hausnummer“ bekannt – worüber also soll an dieser Stelle entschieden werden?

Die Antwort folgt im dritten und entscheidenden Akt: Eine Mehrheit lehnt den Vorstoß der SPD für neue Planungen für eine Kombination aus Einkaufen und Kultur ab und gibt – wie bereits aktuell berichtet – grünes Licht für das „Erlenbach-Center“ der Investoren Krause und Ten Brinke, die mit dem architektonischen und inhaltlichen Konzept des Stuttgarter Architekten Marek Niedzielski punkten können. Er hat dem Anschein nach auf alle baulichen Herausforderungen eine Antwort, bis hin zum Erhalt der Mühlehof-Tiefgarage und dem Einbau weiterer 80 Stellplätze auf der Ebene des einstigen Minimal-Markts. Die Decke darüber, die als Bodenplatte fürs neue Gebäude dient, wird auf die Ebene des Kelterplatzes abgesenkt, damit die neuen Märkte ebenerdig und barrierefrei erreichbar sind.

Ein klar gegliederter Komplex mit drei Stockwerken in der Höhe des Rathauses, der sich zur Fußgängerzone hin mit einem Innenhof öffnet: Niedzielskis Vorstellungen sind, unabhängig von den grundsätzlichen Bedenken des Kultur-muss-im-Zentrum-bleiben-Lagers, ein klarer Gegenpol zur kolossalen Wirkung des 1982 eröffneten Mühlehofs, den der Stuttgarter Fachmann kurzerhand in die „70er Jahre“ einordnet. Die Aussichten auf Müller, Deichmann und Co. erscheinen den Anhängern des Investorenkonzepts zudem als Mittel zur Belebung des Zentrums und der Fußgängerzone verlockender als eine neue Stadt- oder Kulturhalle, die tagsüber in aller Regel verwaist wäre. 19 zu 13 – mit der Abstimmung erlebt der spektakuläre dritte Akt sein dramatisches Finale. Für den Mühlehof fällt, wenn die Investoren mit Müller und den Modeketten einig werden, im Herbst 2016 der Vorhang.

Der Epilog besteht an diesem Abend in der Präsentation des Einzelhandelsgutachtens, das alte Forderungen erneuert und den im „Erlenbach-Center“ vorgesehenen Branchenmix ein Stück weit stützt (siehe Artikel auf dieser Seite).

Grandios oder grausig? Die Bewertung des Dargebotenen durch die kommunalpolitischen Darsteller fällt, je nach Perspektive und Position, unterschiedlich aus. Das Trio der Investoren zieht von dannen und hat im Gepäck die Aufgabe, in einem klar umrissenen Zeitfenster einen soliden und möglichst nachhaltigen „Gemischtwarenladen“ (Stadtrat Rolf Leo) für das Mühlacker Zentrum zusammenzustellen.

Was aber, wenn ihre Bemühungen scheitern sollten und die ganzen Pläne platzen? „Dann“, sagt Oberbürgermeister Frank Schneider, der für das Investorenkonzept gestimmt hat, „gibt es zwei Varianten: einen Abriss des Mühlehofs und den Bau einer neuen Kulturhalle am Standort oder aber eine Sanierung des Mühlehofs auf eigene Kosten.“ Was aus Sicht des Rathauschefs ein Nachspiel wäre, auf das er und die Stadt gerne verzichten könnten.

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