Was heißt „intakt“?

Erstellt: 4. Juli 2020, 00:00 Uhr

Zu „Kinder und Jugendliche als rares Gut“ vom 30. April:

Der Bericht beginnt folgendermaßen: „Eine bessere Bildung, die keinen zurücklässt, und mehr Ganztagesbetreuung, die Frauen den Weg in die Berufstätigkeit ermöglicht: Das sind, neben der Entwicklung eines besseren Zusammenlebens von Jung und Alt, etwa in Mehrgenerationenhäusern, wesentliche Aufgaben, um dem demografischen Wandel und seinen Folgen zu begegnen.“ Toll, dem stimme ich voll und ganz zu.

Im Bericht wird dann noch darauf eingegangen, dass „junge Menschen drohen, zu einer Minderheit zu werden“, „… die Jugendhilfe gefordert (ist), mehr soziale Kompetenzen zu fördern“. Über allem stehe der Leitgedanke: „Keiner darf verloren gehen – wegen der Jugendlichen selbst, aber auch mit Hinblick auf den drohenden Fachkräftemangel.“

Das finde ich auch und würde es in Zukunft gerne noch mehr unterstützen. Einer der genannten Zielkonflikte, der beschrieben wird und sich auftut, ist die Verteilung der finanziellen Ressourcen zwischen Alt und Jung. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, und die Finanzierung der Corona-Krise vereinfacht die finanzielle Situation nicht.

Aber dann, im letzten Absatz, wird darauf hingewiesen, dass wir einen drastischen Ausbau im Enzkreis von ganztagsbetreuenden Plätzen nicht notwendig haben. Argumentiert wird mit den meist intakten Familien, die im Enzkreis leben. Hier sehe ich einen Widerspruch zu dem vorher Geschriebenen und auch zu der Realität, wie ich sie als Mutter im Enzkreis erlebe. Außerdem werden die sogenannten intakten Familien gegen Familien ausgespielt, die ein Ganztagsangebot nutzen. Auch intakte Familien brauchen Betreuungsmöglichkeiten und diejenigen, die Probleme haben, werden außen vor gelassen und die Kinder dieser Familien noch weiter benachteiligt.

Ich frage mich auch, was „intakt“ heißt. Dass die Frau den Beruf hinten anstellt – mit allen Konsequenzen bis zu Altersarmut – oder die Doppelbelastung von Beruf und Kindererziehung meistert? Auf dem Land also das traditionelle Frauenbild hochlebt? Hinterfragen kann man auch: Wie wird „ländlicher Raum“ definiert? Der Raum, in den immer mehr Städter ziehen, da der Wohnraum noch erschwinglicher ist? Und ist der Enzkreis nicht auch geprägt von städtischen Strukturen? Im Enzkreis findet man beides – ländliche sowie städtische Strukturen.

Vielleicht muss es nicht immer ein Ganztagsangebot sein, aber selbst eine Betreuung bis 14 oder 15 Uhr ist oftmals nicht möglich. Flexible Angebote gibt es meist nicht. Meines Erachtens müsste man sich hier nur mit dem entsprechenden Fachpersonal, von Erziehern und Erzieherinnen bis zu Lehrern und Lehrerinnen, zusammensetzen und austauschen. Diese Fachkräfte arbeiten oftmals an ihrer Leistungsgrenze, um benachteiligte Kinder und Jugendliche zumindest teilweise mitzunehmen. Dass Kinder – egal, ob im Schul- oder Kitakinder – die Erzieher und Lehrer brauchen, hat nochmals Corona gezeigt. Es geht um mehr als Wissensvermittlung, sondern, wie beschrieben, um die vielbeschworenen sozialen Kompetenzen, und die benötigen alle Bevölkerungsschichten und Familienkonstellationen.

Welcher Ansatz wird nun verfolgt, um die oben erwähnten Personen konkret zu unterstützen? Und bitte: Holt direkt die Kinder und Jugendlichen ab! Überlastete Eltern gehen erfahrungsgemäß nicht zu Elternangeboten, manchmal aus Zeitmangel oder auch wegen Überforderung. Das zeigen praktische Erfahrungen aus der Vergangenheit. Ach ja, eigentlich sollte ich mir diesen Satz verkneifen, aber ist es nicht witzig, dass dieser Bericht von Männern interpretiert und entsprechende Maßnahmen von Männern entschieden und vorgestellt werden?

Sandra Maleck, Maulbronn

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