Vom Stotterer zum Slammer

Enzgärten: 18-Jähriger aus Backnang begeistert das Publikum auf der Leseinsel des Mühlacker Tagblatt

Von Thomas Eier Erstellt: 3. Juni 2015, 16:45 Uhr
Vom Stotterer zum Slammer Beifall für Kai Bosch: Der 18-Jährige aus Backnang verpasst beim vierten Dichterwettstreit auf der Gartenschau-Leseinsel haarscharf die Traumnote fünfmal 10. Fotos: Deeg

Ein orientierungsloser junger Single, der seinen Freitagabend gefrustet auf dem Sofa verbringt – was nach Trübsal und Herzschmerz klingt, kann besonders amüsant sein. Zum Beispiel, wenn der 18-jährige Kai Bosch beim Poetry Slam auf der Leseinsel des Mühlacker Tagblatt in eigener Sache philosophiert.

Mühlacker. „Die selbstironischen Sichtweisen eines außergewöhnlichen Jugendlichen“ hat der Gymnasiast aus Backnang sein selbst aufgelegtes Buch „Laberaffe“ überschrieben, und der trockene Galgenhumor ist es, der dem Elftklässler beim Auftritt auf der Gartenschau einen ungefährdeten Sieg beschert; mit einem Traumwert von 49 von 50 möglichen Punkten, die fünf freiwillige Juroren aus dem Publikum auf der überfüllten Leseinsel vergeben.

Drei Typen von Singles gibt es, hat Kai Bosch festgestellt: die überzeugten, die nachts mehr Spaß haben als tagsüber, die frisch getrennten, die noch mit ihrem Los hadern, und die unfreiwilligen, die dauerhaft auf die Rolle des guten Kumpels festgelegt sind, während die Freunde mit ihren Mädels Party machen. Wenig überraschend hat der Protagonist ein „lebenslanges Abo von Geburt an“ auf die Variante drei, die ihm einen weiteren Freitagabend vor dem Fernseher beschert, während die Kollegen mit den fadenscheinigsten Ausreden aufwarten. Während alle dem Wochenende entgegenfiebern, sei sein Lieblingstag der Montag: „Da sind alle mies drauf, da kann ich mich voll mit identifizieren.“

Klingt nach Mitleidspunkten, doch die hat Kai Bosch nicht nötig. Zwölf Wochen kam er zu früh zur Welt, leidet von Geburt an unter Tetraspastik und den damit verbundenen körperlichen Einschränkungen. Keine perfekten Voraussetzungen für eine Bühnenkarriere, zumal der Backnanger, der bei den Eltern wohnt und ein sozialwissenschaftliches Gymnasium besucht, noch im vergangenen Jahr kaum einen verständlichen Satz formulieren konnte. Erst im Sommer habe er in einem Intensivkurs die Kasseler Stottertherapie absolviert, mit Übungen zwei Wochen lang elf Stunden täglich – und mit durchschlagendem Erfolg. Auf der Plattform der Leseinsel präsentiert sich ein cooler und selbstbewusster Senkrechtstarter der Szene, der die Jury und das restliche Publikum problemlos für sich vereinnahmt. Sein 13. Poetry Slam bei traumhaftem Wetter am Ufer der Enz ist alles andere als ein schlechtes Omen – Kai Bosch setzt sich als letzter von vier Teilnehmern locker an die Spitze.

Angereist ist er gemeinsam mit der 16-jährigen Freundin und Kollegin Julia alias „Chris“, die aus Klingen bei Backnang stammt und im jugendlichen Alter mit verblüffend tiefgründigen Betrachtungen zum Liebeskummer und anderen Verletzungen 38 Punkte verbucht. Platz drei geht an Autorin und Sängerin Carola Bräuner aus Niefern, die bei ihrer Premiere mit Mundart und einem Einblick in die Männerwelt 40 Punkte ergattert, während Lokalmatador Volker Henkel, der Berichterstatter und „Fotomoment“-Fotograf unserer Zeitung, mit einer innigen Liebeserklärung an die Dauerliebe beeindruckt. Lohn dafür: 42 Punkte und Platz zwei, wobei „vh“ das Halbfinale ohnehin schon sicher hatte.

Neu dabei in der nächsten Runde ist Kai Bosch, der sich auf Anhieb zu einem der Favoriten aufgeschwungen hat. Allerdings kommt der Erfolg nicht von ungefähr, wie sich im Gespräch nach dem Wettstreit zeigt. Mit seiner „zynischen Comedy“ hat der 18-Jährige, der erst im November erstmals ans Mikrofon getreten war, vor drei Wochen in Konstanz die baden-württembergischen Meisterschaften der Slammer in der Altersklasse U 20 für sich entschieden. Nächste Woche reist er nach Regensburg zu den deutschsprachigen Meisterschaften mit Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – und Mühlacker, wo ein Freund wohnt, den er am selben Abend noch besuchen will, ist dafür eine Art von Generalprobe.

„Aufgeregt bin ich immer. Aber nur vorher“

Zum Hobby Poetry Slam – der Dichterschlacht – ist Kai Bosch wie Mitstreiterin Chris über einen Workshop an der Schule gekommen, wo mit Nikita Gorbunov ein Meister der Zunft zu ersten Versuchen animierte. „Und dabei“, sagt Kai mit einem Schmunzeln, „hab’ ich mich wohl nicht ganz schlecht angestellt.“ Erst hat er als Zuhörer in die Szene reingeschnuppert, dann auf Anhieb voll eingeschlagen.

In seinem Roman erzählt der 18-Jährige, der inzwischen zweimal monatlich slammt, die fiktive Geschichte eines Jugendlichen, der die Charakterzüge des Autors trägt, und in seinen Beiträgen auf der Gartenschau verpackt er den alltäglichen Irrsinn in treffsichere Anekdoten. Zum Beispiel, wenn er seinen fehlenden Orientierungssinn beschreibt, der dazu führt, dass er in kürzester Zeit dasselbe Mädchen nach demselben Weg befragt, weshalb er prompt für betrunken gehalten wird. Von der räumlichen Orientierung kommt er zur nebulösen beruflichen Orientierung und zur sexuellen Orientierung – und was die betrifft: Gut, dass bald wieder Montag ist.

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