Heimatlos

Erstellt: 5. Oktober 2018, 00:00 Uhr
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Was ist das denn bitte für ein Geburtstagsgeschenk? So ein 100-Tonnen-Lärmgerät reißt mein Winterquartier ab, und das, ohne mich zu fragen?

 

Ich hab’ ja auch mal eine Kälteperiode lang versucht, im Rathaus zu leben. Aber das war nix für mich. Wirklich. Da ging es irgendwie zu bürokratisch zu. Das ist jetzt nicht böse gemeint, schließlich ist das die Aufgabe der Zweibeiner, die dort arbeiten, aber es war einfach nicht so gemütlich. Zumal ich als Ente ein echter Langschläfer bin, was sich mit den Arbeitszeiten im Rathaus schwer vereinbaren lässt, wo alle früh anfangen, um dann teilweise im Büro – Achtung: gehässig! – wieder einzunicken. Außerdem schwebte dort die Verantwortung für das Wohl und Wehe Mühlackers wie ein Damoklesschwert über mir. Deshalb hab’ ich im Mühlehof Quartier bezogen. Da konnte ich tun und lassen, was ich wollte, hatte Platz zum Watscheln und Fliegen und durfte nach Belieben Besuch empfangen.

 

Doch damit ist es pünktlich zu meinem vierten Schlüpftag vorbei. Das tut weh. Da will ich mich gar nicht mehr an den Dürrmenzer Herbstmarkt vor vier Jahren erinnern, als ich unter großem Jubel das Scheinwerferlicht der Welt erblickte. Damals habt ihr mir zu verstehen gegeben, dass ich zu euch gehöre. Oder war das nur Marketing-Blabla?

Apropos Werbung: In Maulbronn gibt es jetzt sogar eine eigene Luxusherberge für Tauben. Erst dachte ich, das sei eine dufte Sache, doch bevor das zum Hotel wird, ist es ein Jahr lang wie Knast, weil die Tiere so lange nicht richtig in die Freiheit dürfen. Aber: Sie haben immerhin ein Dach über dem Kopf. Und das, weil sie Schmutz machen. Weil man das Kloster vor ihnen schützen will. Ich selber räume sogar Dreck auf und sammle jede Feder, die sich löst, ein. Dafür bin ich jetzt heimatlos. Das ist von der Logik her wirklich schwer verständlich.

 

Immerhin wurde der Anfang gemacht, um bezahlbaren Wohnraum für Menschen, die wenig Geld haben, zu schaffen. Vielleicht ist in der klammen Stadtkasse auch noch der ein oder andere Euro für altgediente und nahezu ausrangierte Gartenschau-Maskottchen übrig. Das mag sehr frustriert klingen, aber im Moment bin ich halt traurig. Der Mühlehof-Abriss soll zwar als Aufbruch verstanden werden, aber die Frage, wohin
– und was folgt –, ist nicht wirklich beantwortet. Also muss nicht nur der Steuerzahler, sondern auch eure Lieblingsente abwarten und Tagblatt lesen.

 

Bis bald, dann hoffentlich mit guten Neuigkeiten aus neuer Unterkunft, euer

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