„Zuhören gehört zum Dialog“

Erstellt: 23. September 2011, 23:00 Uhr
„Zuhören gehört zum Dialog“ Nicolas Pyrtek (re.), der zweitjüngste Teilnehmer, freut sich ebenso wie der zweitälteste Freiburg-Fahrer, Franz Stocker aus Illingen, auf den Papst.

Mühlacker. Sonntagmorgen, 4.30 Uhr. Warum sollte ein Elfjähriger um diese Uhrzeit freiwillig in einen Bus steigen, auf jede Menge Schlaf und das übliche Freizeitprogramm verzichten, um als Teil einer bunt gemischten Reisegruppe einen Tagesausflug nach Freiburg zu unternehmen – halbstündiger Fußmarsch inklusive? Für Nicolas Pyrtek aus Mühlacker ist die Antwort klar: „Ich möchte den Papst ganz nah sehen.“ Der junge Ministrant der Herz-Jesu-Gemeinde hat sich deshalb gemeinsam mit seiner 21 Jahre alten Schwester und weiteren knapp 80 Christen, die zum großen Teil aus Mühlacker und Illingen kommen, einen Platz im vom Dekanat gecharterten Bus gesichert. „Seit Anfang Juli wurde die Fahrt beworben, und nach zögerlichem Beginn, als wir uns noch fragten, ob es überhaupt für einen Bus reicht, stieg die Nachfrage so stark an, dass wir zuletzt sogar eine Warteliste einrichten oder Interessenten an andere Veranstalter verweisen mussten“, berichtet Dekanatsreferent Christoph Knecht. Die jüngsten Teilnehmer seien um die zehn, die ältesten zwischen 70 und 80 Jahre alt. Die 15 Ministrantinnen und Ministranten in der Gruppe kämen in den Genuss eines Extraplatzes in der Nähe der Altarinsel.

Bis aber schließlich alle Gottesdienstteilnehmer spätestens um 9 Uhr ihre Plätze in vorgegebenen Planquadraten auf dem Flugplatzgelände eingenommen haben werden, haben nicht nur sie einen weiten Weg hinter sich gebracht, sondern im übertragenen Sinn auch die Organisatoren von der Geschäftsstelle des Dekanats. „Unsere Mitarbeiterin Theresia Oppold hatte vor allem mit den zunächst rigiden Sicherheitsvorschriften aus Freiburg zu tun“, blickt Christoph Knecht zurück. „So mussten von allen Teilnehmenden Geburtsdatum und Geburtsort erfragt werden. Später wurden diese Regelungen dann gelockert.“ Doch die Mühe lohne sich: „Eine Fahrt zu einem Papstbesuch ist natürlich etwas Einmaliges“, betont Knecht und ist sich darin einig mit Pfarramtssekretärin Alexandra Wundschuh, die sich gemeinsam mit ihren 17, 14 und zwölf Jahre alten Kindern nicht nur auf die Stimmung freut, sondern auch darauf gespannt ist, „was uns der Papst zu sagen hat“.

Und das sei eine ganze Menge, betont Christoph Knecht. „Der Papst besucht Deutschland in einer schwierigen Zeit“, verweist der Dekanatsreferent auf Missbrauchsskandale und den Rückgang des traditionellen kirchlichen Lebens in den Gemeinden. Da tue eine Ausrichtung auf das Wesentliche gut. Für Politik und Gesellschaft könne der Papstbesuch überdies Anlass sein, „über die Grundlagen nachzudenken, die sie selbst nicht schaffen können, und bei aller – oft berechtigten – Kritik an der Kirche ihre Stimme nicht einfach abzutun“.

Die im Vorfeld geäußerte Kritik an der Rede Benedikts XVI. vor dem Bundestag respektiere er, sagt der Mühlacker Dekan Claus Schmidt, der morgen die Fahrt nach Freiburg leiten wird. Unterschiedliche Ansichten in dieser Angelegenheit seien durchaus normal. Persönlich könne er die Entscheidung zahlreicher Abgeordneter, dem Auftritt fernzubleiben, jedoch nicht nachvollziehen. „Zuhören gehört zum Dialog“, findet Schmidt.

Genau zuhören wird der Dekan auch beim morgigen Gottesdienst, der um 10 Uhr beginnt. „Ich freue mich darauf und hoffe auf gute Begegnungen und eine Stärkung auf unserem Weg als Gemeinde“, schaut er voraus. Dass Claus Schmidt mit nach Südbaden fährt, bedeutet freilich nicht, dass in der Mühlacker Herz-Jesu-Kirche morgen früh die Messe ausfallen muss. Zwar sei kein Public Viewing oder Ähnliches vorgesehen. Die Daheimgebliebenen, ist Schmidt überzeugt, würden aber auch so mit den Teilnehmern am Gottesdienst in Freiburg „im Gebet in Verbindung stehen“. Schon im Voraus habe er die Sonntagspredigt genutzt, um die Menschen auf den Papstbesuch einzustimmen, und natürlich werde er auch im Nachhinein die gewonnenen Eindrücke weitergeben.

Der Gewinn der Reise, davon ist auch der elfjährige Nicolas überzeugt, wird über das ausgeteilte Pilgerheft hinausgehen. „Ich werde Spaß haben“, stellt er im Vorfeld klar. Die älteren Mitfahrenden mögen es anders formulieren, doch ein gutes Maß an Neugier und erwartungsvoller Stimmung verbindet die Teilnehmer. Insofern baut der Pontifex, Kritik hin oder her, ganz der lateinischen Wortbedeutung entsprechend Brücken: zwischen Mühlacker und Freiburg, zwischen Jung und Alt.

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