Zug der Erinnerung hat Verspätung

Erstellt: 30. November 2007, 00:00 Uhr
Zug der Erinnerung hat Verspätung Blick in die Vergangenheit als Mahnung für die Zukunft: Der „Zug der Erinnerung“ fährt in den Mühlacker Bahnhof ein.

Mobile Ausstellung zur Deportation von Kindern macht Station in Mühlacker – Güterverkehr genießt Vorrang

Mühlacker – Der Güterverkehr hatte Vorrang auf den Gleisen der Deutschen Bahn. Deshalb ist der „Zug der Erinnerung“ gestern mit über 90 Minuten Verspätung in den Mühlacker Bahnhof eingefahren. Mehrere Schulklassen mussten frierend an der Bahnsteigkante warten, ehe sie die mobile Ausstellung besichtigen konnten, die die Verschleppung zehntausender Kinder zwischen 1940 und 1944 dokumentiert.

VON FRANK GOERTZ

Exakt hatte das „Bündnis gegen Rechts“, das den Zug nach Mühlacker geholt hat, den Aufenthalt geplant. Alleine 18 Schulklassen hatten sich angemeldet.

 Damit es kein Gedränge in den engen Waggons gibt und jeder sich in Ruhe mit den eindringlichen Schautafeln beschäftigen kann, wurden die Gruppen auf den ganzen Tag verteilt. Doch die Bahn hat den Stundenplan in den Morgenstunden durcheinander geworfen, weil sie auf ihren Gleisen dem Güterverkehr Vorrang eingeräumt hat und den Ausstellungszug auf seinem Weg von Tübingen nach Mühlacker mehrfach an verschiedenen Bahnhöfen aufgehalten hat. „Dahinter steckt doch System!“, schimpfte Tanja Schmidt-Boss vom Aktionsbündnis gegen Rechts. „Auch bei dem Zugstopp in Vaihingen am 22. November hat uns die Bahn eine Verspätung eingebrockt“, berichtet Peter Heyckendorf, der die dortige Aktion organisiert hatte.

Opfer und Täter bekommen ein Gesicht

Auf jeden Fall genießt der Zug der Erinnerung auf den Bahngleisen nicht unbedingt Priorität – und das in zweifacher Hinsicht. Die Bahn hatte sich geweigert, der Ausstellung auch in deutschen Bahnhöfen Raum zu geben. Eine „historische Ausstellung“ gehöre in das Eisenbahnmuseum in Nürnberg, lauteten die Bedenken. Also haben sich die Organisatoren der bundesweiten Initiative für eine pragmatische Lösung entschieden. Sie haben das Schienennetz von der Deutschen Bahn gemietet, auf dem der Zug –  er ist Anfang November in Frankfurt gestartet – bis zur Gedenkstätte Auschwitz rollt, wo er am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime, erwartet wird. Dabei stoppt er in über 30 Städten, um an die Deportationen in die Vernichtungslager zu erinnern, die unter anderem von der Reichsbahn mit minutiöser Genauigkeit organisiert wurden.

 „Die Infrastruktur der Bahn wurde pervertiert“, erklärte gestern Mühlackers Oberbürgermeister Arno Schütterle vor den wartenden Schulklassen. „Die Massenvernichtung wurde bis ins kleinste Detail geplant.“ Der Zug der Erinnerung zeige mit erdrückender Deutlichkeit und Gegenständlichkeit, was Gewaltherrschaft sei.
 „Der große Vorteil der Ausstellung ist ihre Authentizität“, findet auch THG-Lehrer Jürgen Gorenflo, der gestern mit dem Neigungskurs Geschichte der Klasse 13 die Ausstellung besichtigt hat. Auf verschiedenen Schautafeln bekommen die jungen Opfer der Naziherrschaft ein Gesicht, indem ihre Lebenswege und die Wege ihrer Deportation nachgezeichnet werden. Aber auch die Täter – vom Reichsverkehrsminister über die SS bis hin zu den Logistikplanern der Reichsbahn – bleiben in einem weiteren Abteil nicht unerwähnt. Das dritte und letzte Abteil hält eine Rechercheeinheit bereit: Computer und Handbibliothek laden zur Spurensuche ein. Noch immer wartet das Schicksal vieler Kinder auf Aufklärung.

„Niemand hat das Recht zu vergessen“

„Vielleicht werden sich einige fragen: Warum noch ein Zug der Erinnerung ?“, erklärte Pfarrer Theodor Tröndle von der Paulusgemeinde, kurz bevor der Zug in Mühlacker einfuhr. „Niemand hat das Recht zu vergessen, so lange die Opfer und die Kinder und die Enkelkinder der Opfer nicht vergessen können. Jede Generation wird daran gemessen, ob und wie sie bereit ist, aus der Vergangenheit zu lernen.“ Wobei der Blick in die Vergangenheit den Weg in die Zukunft vorzeichne: „Wie ein Ruderer, der mit dem Blick zurück seine Ruder bewegt und sich so seinem Ziel nähert.“

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