WETTSKANDAL: Die Spur führt in den Südwesten

Erstellt: 13. März 2006, 00:00 Uhr
WETTSKANDAL: Die Spur führt in den Südwesten Sportfreunde Masic (beim heutigen Training): "Bester Mann auf dem Platz"

Dominick Kumbela vom Regionalligaclub FC Rot-Weiß Erfurt hatte voriges Wochenende Besuch aus der Pfalz, die dem gebürtigen Kongolesen zur Heimat geworden ist. Das Treffen sei ein „Anwerbungsversuch“gewesen, sagte der Erfurter Manager Stephan Beutel gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Der 21-jährige Kumbela war in der Winterpause von der zweiten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern nach Thüringen gewechselt, seine Besucher wollten alles über seinen neuen Verein wissen, erzählt Beutel. „Es ging um Rot-Weiß“, so der Manager. Wie es um die Finanzen des Clubs bestellt sei, wie gut manche Spieler begütert seien.

Kumbela habe sich auf nichts eingelassen, sagt Beutel. Als Anfang dieser Woche die Ermittler des hessischen Landeskriminalamtes (LKA) auf der Erfurter Geschäftsstelle aufkreuzten, habe der junge Stürmer von diesem Treffen berichtet.

Beutel glaubt, dass es kein Zufall gewesen sei, dass Kumbela angesprochen wurde. Der Erfurter Manager vermutet, dass der neue Wettskandal im deutschen Fußball seine Wurzeln in Südwestdeutschland hat. Dort säßen die Typen, die Spiele manipulieren wollten.

Auch der zweite Spieler, dessen Namen bisher im Zusammenhang mit dem neuen Wettskandal genannt wurde, hat Beziehungen nach Südwestdeutschland: Adnan Masic, Torwart des Zweitligisten Sportfreunde Siegen, hat einen Wohnsitz in Mannheim. Vor dem heutigen Morgentraining der Siegener, wurde er von Fahndern des LKA verhört. „Danach hat er allerdings ganz normal am Training teilgenommen“, sagte Siegens Pressesprecher Alexander Jakob SPIEGEL ONLINE.

Fünfstellige Summe geboten

Masic wird vorgeworfen, vor zwei Wochen beim Auswärtsspiel in Rostock Tore zugelassen und damit die 0:2-Niederlage der Sportfreunde in Kauf genommen zu haben. „Jeder weiß, dass ich beim Spiel gegen Rostock der beste Mann auf dem Platz war. Ich konnte bei den zwei Toren nichts machen. Ich habe mit dem Wettskandal nichts zu tun. Das ist alles großer Blödsinn“, sagte der Bosnier der Nachrichtenagentur ddp.

Allerdings gab Masic gegenüber dem LKA-Leuten zu, dass er einen des Quartetts, gegen das mitterweile Haftbefehl erlassen worden ist, kennen würde. „Ich habe ein paar Freunde da. Ich weiß aber nicht, was die machen. Das geht mich nichts an. Ich kann mit allen, auch mit Journalisten, darüber reden, aber das heißt nicht, dass ich was damit zu tun habe“, so der Torwart.

Ein weiterer Fall betrifft direkt einen südwestdeutschen Verein: Spieler des Regionalligaclubs Stuttgarter Kickers seien angesprochen worden, sagte Kickers-Manager Joachim Cast der „Stuttgarter Zeitung“. „Unsere Spieler haben sich vorbildlich verhalten und die Kontaktaufnahme umgehend dem Verein gemeldet“, so Cast.

Auslöser aller Ermittlungen waren die Geständnisse eines Spielers vom 1. FC Eschborn, einem Verein der Regionalliga Süd. Wie der Spieler heißt, will Thorsten Schröder nicht verraten, „zum Schutz des Spielers“, wie der Eschborner Vizepräsident zu SPIEGEL ONLINE sagt. Ende November vorigen Jahres sei besagter Spieler privat angesprochen worden, sich an Spielmanipulationen zu beteiligen. Wie viel Geld dem Akteur angeboten wurde, bleibt Schröders Geheimnis.

Der hessische private Radiosender FFH will aber herausgefunden haben, dass einem Eschborner Abwehrspieler von zwei Männern 40.000 Euro geboten worden seien, damit er dafür sorge, dass die Partie der Eschborner gegen Tabellenführer FC Augsburg deutlich verloren geht. Die Männer hätten auf das Spiel im Ausland gewettet. Im Falle einer Weigerung sei dem Akteur Gewalt angedroht worden, schreibt der Sender auf seiner Internetseite.

Die Begegnung wurde bisher noch nicht ausgespielt, weil sie bisher immer dem schlechten Wetter zu Opfer gefallen ist.

Schon nach wenigen Minuten habe der Regionalligaprofi das Gespräch abgebrochen und sich an die Eschborner Vereinsführung gewandt, berichtet Schröder. Eschborn wiederum habe sofort den Deutschen Fußball-Bund (DFB) über diesen Vorgang informiert. Und von dort ging der Fall an die Frankfurter Staatsanwaltschaft.

„Es geht um große Kriminalität“

Insgesamt geht es im neuen Wettskandal um fünf Spiele, bei denen versucht worden sein soll, das Ergebnis zu manipulieren, „um bei Sportwetten hohe Gewinne zu erzielen“, wie es der Frankfurter Oberstaatsanwalt Thomas Bechtel formuliert.

Spielern seien für erwünschte Ergebnisse mehrere tausend Euro versprochen worden, in mindestens einem Fall habe ein Spieler das Geld angenommen. Zu den beteiligten Vereinen und Spielern wollte Bechtel „auch zum Schutz der Betroffenen“ nichts sagen. Gegen vier Personen wurde am Montag im Zusammenhang mit dem neuen Wettskandal Haftbefehl erlassen.

Auch der DFB hält sich mit Einzelheiten zurück. „Nach Absprache mit der Staatsanwaltschaft werden wir keine Details der Ermittlungen mitteilen“, so Pressesprecher Harald Stenger zu SPIEGEL ONLINE. Die Vermutung, dass meist Defensivspieler angeworben wurden, will der Eschborner Schröder nicht bestätigen.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat heute die Geschäftsführer der 36 Profivereine schriftlich über ihre Erkenntnisse im Wettskandal informiert. Nach dem Stand der Ermittlungen stünden im Lizenzspielerbereich, also in der Bundesliga und der Zweiten Liga, lediglich Masic und das Spiel Hansa Rostock gegen Sportfreunde Siegen unter Manipulationsverdacht, heißt es in dem Schreiben. Damit sind neben der Zweitliga-Partie vier Spiele der beiden Regionalligen im Fokus der Ermittler.

Theo Zwanziger, Geschäftsführender Präsident des DFB, kündigte eine „saubere Aufklärung“ der Angelegenheit an überrascht mit wechselnden Analysen der Angelegenheit. Einerseits sagte er: „Mit der Dimension des Falles Hoyzer ist dies nicht zu vergleichen, aber wir nehmen die Sache sehr ernst. Alle sollen entsprechend bestraft werden, denn sie gehören nicht zu uns.“

Im ARD-Morgenmagazin klang Zwanziger noch etwas anders: „Es geht nicht um Manipulation im Sport allgemein, es geht auch um große Kriminalität, um möglicherweise Bandenkriminalität im Zusammenhang mit dem Betrugstatbestand“.

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