Wenn kleine Jungs plötzlich lieb werden

Erstellt: 29. April 2006, 00:00 Uhr
Wenn kleine Jungs plötzlich lieb werden Album und Sticker ganz fest im Blick: Das Fieber ist wieder ausgebrochen – Panini-Bilder erobern Fußball-Deutschland.

Das Panini-Sammelalbum ist wieder da – In Deutschland werden fleißig Bilder gesammelt und getauscht:

Endlich gibt es sie wieder: 30 Millionen Tüten werden in den kommenden Wochen und Monaten über die Ladentheke gehen. Die Rede ist von den Panini-Fußballbildern mit allen WM-Stars von A wie Akale – der ja bekanntlich für die Elfenbeinküste spielt, bis Z wie Zidane. Ich bin süchtig danach. Angefangen hat alles 1986. Die WM in Mexiko stand vor der Tür und im Tante-Emma-Laden in einem kleinen südbadischen Örtchen waren die Schachteln mit den Aufklebern direkt an der Kasse aufgetürmt, gleich neben den Kaugummis, den Lollis und der Eistruhe voller Ed von Schlecks, Braunen Bären & Co.

Klein-Mirko, immerhin schon sechs Jahre alt und Bambini-Fußballer durch und durch, musste da einfach zugreifen. Die Mama zog er damals von der Wursttheke weg und konnte es kaum erwarten, endlich das ominöse Tütchen in den Händen zu halten und die Verpackung mit Schwung aufzureißen. Die Augen leuchteten, die Hände waren feucht. Und was war drin? Völler, Zenga, Maradona, Platini, Linecker und das Länderwappen von Uruguay oder so ähnlich. Es blieb nicht bei dem einen Tütchen, im Handumdrehen waren es fünf. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche, daran gab es nichts zu rütteln, schließlich war der Bub brav und half wenig später die schwere „Sparladen“-Tüte mit nach Hause zu tragen.

Ein paar Tage später brachte die Mutter noch das Stickeralbum mit. Das war wie Ostern und Weihnachten zusammen. Die Sammelleidenschaft war entfacht. Nun ging der kleine Stöpsel immer freundlich grinsend mit, wenn Mama noch Besorgungen im Sparladen bei Frau Gephard erledigen musste. Lieb und ohne zu murren ließ er die Quatschorgien der Dorfmütter vor dem Regal mit den Kaffeefiltern über sich ergehen. Er blieb hart, denn er hatte ein großes Ziel vor Augen und deshalb die aufgetürmten Sticker-Schachteln genauestens im Blick. Das machte es erträglich.
 
Mädchen, das war klar wie Kloßbrühe, tauschten Pferdesticker, Jungs investierten jeden Pfennig ihres kümmerlichen Taschengeldes in Panini-Klebebilder. Alle Fußballer der WM in einem Heft. Das war der Traum des kleinen Steppkes, der beim SV Schopfheim im Tor stand und auf dem Schulhof auch auf Beton die eine oder Parade hinlegte, natürlich sehr zur Freude der Eltern. Ging es auf den Rasen, dann wurde ebenfalls gemeckert, aber das ist ja wohl ein anderes Thema.

Vier Jahre später dann das gleiche Spiel, wieder WM, diesmal aber in Italien, doch noch immer sammelten die Mädchen Pferdeaufkleber, wir blieben natürlich dem Fußball treu. Berthold, Matthäus, Brehme und Klinsmann, alle lagen sie bei mir im Zimmer rum – im Album, das wie ein Schatz gehütet, auf den eher uninteressanten Schulbüchern lag. Die Seiten schon etwas ramponiert, ein paar Eselsohren waren auch schon am Start.

Nun zog die Lieb-Sein-Nummer allerdings nicht mehr. Mama hatte mich durchschaut. Selbst kaufen war nun angesagt. Das war auch zu Beginn der Woche noch kein Thema, die zwei Mark wurden umgehend reinvestiert und damit die deutsche Wirtschaft angekurbelt. Zwei Mark, dafür gab es vier Tütchen á 50 Pfennig. Sechs Bildchen waren da drin. Heute kostest ein Päckchen übrigens 50 Cent mit nur fünf Abziehsticker. Vier Tüten hatte ich mir also gleich am Montagnachmittag gesichert. Die Enttäuschung war wieder groß, als bald die ersten Doppelten auftauchten. Dieser Berg wurde schnell größer, trotzdem wanderten Montag für Montag zwei silberne Münzen über den Ladentisch.

Dreimal dürfen Sie raten, welches das Thema schlechthin am Dienstag in der Schule und auf dem Pausenhof war. Logo! Das Panini-Album. Florian, Daniel, Roger, Matthias und Thorsten hatten nicht nur das Heft, sondern auch die überzähligen Sticker dabei. Die Schule war kurzerhand zur Nebensache erklärt. Tauschen war angesagt, ein knallhartes Geschäft unter zehnjährigen Kids. Es wurde gefeilscht, was das Zeug hielt, wie auf dem türkischen Basar. Ohne mit der Wimper zu zucken, wurde der beste Freund zur Weißglut gebracht.

Das Tauschen war nicht das Problem, eher die finanzielle Seite. Daniel hatte zwei Omas, ich nur eine Katze, Florian hatte einen fußballverrückten Papa, ich eine akkordeonspielende Schwester und Thorsten hatte mehr Taschengeld ausgehandelt, ich lebte dagegen am Existenzminimum und habe die Worte meiner Eltern noch heute in den Ohren: „Spar Dir etwas auf, musst doch nicht das ganze Geld für die doofen Aufbepper raushauen.“ Und ob ! Irgendwie musste ich also an die Moneten ran kommen. Plötzlich war ich vom Lausbub im Werder-Trikot zum Dieb geworden. Ich hoffe nun nur, meine Mama verzeiht es mir, wenn sie es jetzt erfährt: Liebe Mama, ich habe Dir damals ein Fünf-Mark-Stück aus der Handtasche gemopst. Sorry!

Die Länder sind im Jahr 2006 vielleicht andere, doch das gesamte Drumherum das gleiche. Nachwuchskicker, aber auch Erwachsene, fiebern der Herausgabe des Albums der Gebrüder Giuseppe und Benito Panini aus Italien entgegen. Seit wenigen Tagen ist es erhältlich, in einer Auflage von 650000 Stück. Gleich am Samstag habe ich mir meines gesichert. Panini ist Kult. Manchen Sammler lässt die Suche nach bestimmten Spielern nie los. In Ebay werden zum Beispiel alte Alben, von 1974 beispielsweise, für rund 300 Euro gehandelt.

Exakt 597 Aufkleber gibt es von der Weltmeisterschaft 2006. 30 Millionen Tüten sind im Handel. Alle Jens Lehmann-Fans werden es sich überlegen, ob sie sich das in blau gehaltene Büchlein zulegen werden. Lehmann ist nicht dabei, dafür Sebastian Deisler. Der Grund ist einfach: Bei Panini werden Aufstellungen der Mannschaften nämlich früh festgelegt. Eine Sonderrolle nimmt auch England ein. Ihr Nationalteam wird in neutralen, weißen Trikots zu sehen sein, da man sich nicht über die Rechte einigen konnte.

Wenn das Heftchen immer voller wird, bekommt man(n) nicht nur immer leuchtendere Augen, sondern die Besitzer kommen auch auf die verrücktesten Ideen. Wer ist der älteste Profi? Wer sieht wem ähnlich? Super auch: Welcher Profi hat die größte Nase? Oder einen Namen, der überhaupt nicht zu diesem Land passt? Die eher weiblichen Fans fragen sich natürlich: Wer ist der hübscheste Kicker? Die Jungs wollen natürlich gerade das Gegenteil wissen. Vor vielen Jahren war das einfach. Kennen Sie Ivan Ivanov? Wenn 2006 Bulgarien mitspielen würde, hätten Sie den hässlichsten Balltreter schon gefunden. Riesige Fischaugen, dichter, ungepflegter Bart und eine riesige Mähne.

Auch wenn der Sparladen in Schopfheim-Wiechs schon vor längerer Zeit einer Wohnung weichen musste, Platini seine Fußballstiefel an den Nagel gehängt hat und Florian schon lange nichts mehr mit Fußball am Hut hat, ich werde wieder und weiter fleißig sammeln, dann tauschen und irgendwann dann das Album wohl beim Umzug wegschmeißen. Ich Trottel! Der Preis und die Spieler sind andere, aber noch immer stehen die aufgetürmten Schachteln direkt an der Kasse, neben den Kaugummis, den Lollis und der Eistruhe mit dem Braunen Bären, den, so habe ich kürzlich mit strahlendem Gesicht festgestellt, gibt es wieder.

Mirko Bähr

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