Warum glaubt ihr mir denn nicht?

Erstellt: 19. Oktober 2006, 00:00 Uhr
Warum glaubt ihr mir denn nicht? So viel war noch nie los bei einem Fan-Forum: Die Verantwortlichen stehen den Anhängern Rede und Antwort. Foto: Simecek

Bei den Steelers ist Feuer unter dem Dach – Stuttgart-Spiel scheidet die Geister – Großes Resonanz beim Fanforum

Miese Zuschauerzahlen, schlechte Stimmung, dazu ein Team, dass nicht überzeugen kann. Beim Eishockey-Zweitligist SC Bietigheim-Bissingen knistert es gewaltig im Gebälk. Da kam das Fan-Forum gerade richtig. Trainer, Spieler und Verantwortliche stellten sich den Schlachtenbummlern. Und sie hatten einiges klar zu stellen.

VON MIRKO BÄHR

Klar ist: Über allem schwebt das geplante Match der Steelers am 22. Dezember in Stuttgart. In der Porsche-Arena geht es gegen den großen Rivalen aus Schwenningen. Für Präsident Eduard Fehr ist es eine einmalige Sache, für viele Fans der Beginn des Umzuges in die Landeshauptstadt. Die Fronten sind verhärtet. Das Forum sollte die angespannte Situation etwas lockern.

 Eines wurde bei der Diskussion auch deutlich: Es liegen nicht nur die Fans mit dem Verein im Clinch, vielmehr hängt auch bei den Schlachtenbummlern untereinander der Haussegen schief. Die einen halten vom Gastspiel in Stuttgart nichts, machen das mit Boykottaufrufen und -aktionen deutlich, andere können auch wenig mit dem Match auf fremdem Eis anfangen, wollen jedoch das Team nicht im Stich lassen, und wieder andere glauben der Vorstandschaft, die immer wieder standhaft erklärt, dass dieser Aufritt einmalig sei, und treiben die Truppe nach vorn.

 Seit 1998 ist Alexander Appich aus Iptingen im Ellental Dauergast. „Ein Kumpel hat mich mal mitgenommen, wir hatten einen Sitzplatz. Ich habe die Fans bewundert, diese tolle Stimmung.“ Eine Woche später war er einer von ihnen, stand, kaufte sich das Trikot und pushte das Heimteam nach vorn. Nicht nur zuhause, wenn es ihm möglich ist, unterstützt er seinen Verein auch auswärts. Der 29-Jährige steckt in der Zwickmühle, so wie viele seiner Kollegen. Auf der einen Seite wollen sie ihr Team anfeuern, auf der anderen, wollen sie ihren Unmut gegenüber der Führungsriege kundtun. Und deshalb ist die Stimmung derzeit alles andere als erstliga-tauglich.

 Die Spruchbänder werden verkehrt herum aufgehängt, die Spieler nur sporadisch und auch nicht von allen unterstützt. Grüppchenbildung in der Fankurve. Das Lager ist gespalten. „Es sind zu wenige da, die sich beteiligen, es fehlt das Fanatische, es fehlt die Identifikation“, lässt ein SCBB-Anhänger wissen und wendet sich an Seinesgleichen. „Der Funke muss auf die Mannschaft überspringen“. Jeder Einzelne sei gefragt. „Das Potenzial ist da.“

 Alexander Appich weiß genau, was dieser Fan damit meint. „Es gab schon Spiele, da musste ich zwei Stunden vorher da sein, damit ich meinen Platz bekomme“, blickt er zurück. Dem gelernten Koch, der seit vier Jahren eine Dauerkarte hat, fehlt die Würze. Er kennt den Grund: „Das Stuttgart-Spiel.“ Keiner wisse so recht, wo er dran sein. Ist es denn wirklich nur eine einmalige Sache? Appich fürchtet sich vor der Schlagzeile: „Steelers gewinnen das Derby in der Porsche-Arena“. Dann, so befürchtet der Iptinger, werde es der Verein bestimmt noch einmal probieren, und nochmals… Der Anfang vom Ende im Bietigheimer Ellental?

Fan-Forum: Es herrschte eine angespannte Atmosphäre.

Klar, dass die Stimmung am Dienstagabend angespannt war. Klar auch, dass die Begegnung gegen die Wild Wings das Hauptthema war, auch wenn sich beide Seiten zu Beginn etwas schwer taten, diesen Punkt auf den Tisch zu bringen. „Warum“, fragte ein Fan provozierend, „warum findet das Forum gerade jetzt statt, es ist doch alles super?“ Präsident Eduard Fehr, Schatzmeister Hartmut Wittig, Geschäftsführer Alexander Jäger, Trainer Uli Liebsch und die Kapitäne des Teams, Jochen Molling, Markus Wieland und Terry Campbell, hatten sich eingefunden und beantworten geduldig alle Fragen. Vor allem der Präsident war gefordert. „Ich bin enttäuscht“, ließ er wissen. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Er wurde nicht müde zu betonen, dass man nur einem Wunsch des Hauptsponsors, ohne den es übrigens kein Zweitliga-Eishockey in Bietigheim geben würde, nachkomme. Man wolle nicht umziehen. Nur dann, wenn der DEL-Aufstieg Tatsache sei und die Stadt Bietigheim einem Umbau der Halle nicht nachkomme, müsse man sich Gedanken machen. Man sei jedoch sehr zuversichtlich, führe Gespräche mit der Stadt. Auch Markus Wieland hält von einem Umzug wenig: „Ich spiele seit fünf Jahren hier. Es wäre ein ‘Schmarrn‘, wenn wir es endlich in die DEL schaffen würden und dann weg gehen.“

 Aber nicht nur dieses Thema brannte den Fans unter den Kufen. Auch die Tatsache, dass das Team derzeit schwächelt und den Erwartungen alles andere als gerecht wird, scheint ein weiterer Faktor, neben dem schönen Wetter der jüngsten Vergangenheit, dafür zu sein, dass die Zuschauerzahlen rapide abgesackt sind. „Wir wissen, dass es nicht perfekt läuft“, betonten Spieler und Trainer. Allerdings arbeite man hart und sei zuversichtlich, dass es wieder besser werde. „Es gibt immer Höhen und Tiefen“, ließ Terry Campbell wissen. „Der Wille ist da und das wird sich auszahlen.“

Eduard Fehr: „Ich stehe zu meinem Wort.“

Beide Seiten sollten wieder zusammenfinden: „Wir müssen eine Solidargemeinschaft bilden. Jetzt schauen wir uns ein Match in Stuttgart an, und gut. Ich stehe zu meinem Wort“, ließ Fehr die Fans wissen. Und Hartmut Wittig appellierte: „Wenn ihr Fans des Vereins seid, dann unterstützt das Team auch dann, wenn es nicht so läuft.“ Es fehle das klare Bekenntnis der Fans, hinter dem Team zu stehen. „Lasst uns nach vorne schauen, wir haben eine lange Vorrunde vor uns.“

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