Wanderer zwischen mehreren Welten

Erstellt: 15. Juli 2010, 00:00 Uhr
Wanderer zwischen mehreren Welten Memet Kilic will sich nicht eindimensional auf das Thema Integrationspolitik festlegen lassen. Foto: Eigner

Redaktionsbesuch: Memet Kilic, Bundestagsabgeordneter der Grünen, gewährt einen Einblick in sein Innenleben.

In Berlin ist er angekommen, in seinem Wahlkreis fest verankert, trotzdem hält er an seinem Wohnort Heidelberg fest. Memet Kilic, deutscher Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln, stellt beim Redaktionsbesuch klar, dass er zwar Sprachrohr der Migranten sei, sich aber nicht so eindimensional festlegen möchte.

Von Frank Goertz

Mühlacker. Zumindest politisch sei er in der Hauptstadt angekommen, sagt der grüne Abgeordnete für Pforzheim und den Enzkreis, der im September erstmals den Sprung in den Bundestag geschafft hat. Wobei die ersten Monate hart gewesen seien, wie er offen zugibt. Er habe sich einleben und seinen Platz in der Fraktion finden müssen – und ihn gefunden. „Mein Wunsch war ein Sitz im Innenausschuss, und den habe ich bekommen“, freut sich der Novize im Parlament. Außerdem sei er Mitglied und Obmann im Petitionsausschuss und für seine Partei Sprecher für Bürgeranliegen sowie für Migrations- und Integrationspolitik. „Ich habe alles erreicht, was ich wollte“, freut sich Kilic. Und Berlin? Wie gefällt ihm die Hauptstadt? Hier muss der Abgeordnete passen. „Ich kenne eigentlich nur den Weg zwischen meiner Wohnung an der Kochstraße in Kreuzberg und dem Bundestag“, hat er von der pulsierenden Metropole noch nicht viel mitbekommen. „Freitags geht es zurück in meinen Wahlkreis, wo ich auch die sitzungsfreien Wochen verbringe.“

 Obwohl er Abgeordneter für Pforzheim und den Enzkreis ist, hält Kilic an seinem Wohnort Heidelberg fest. Dafür gibt es einen einfachen Grund. „Die Eltern meiner Frau sind sehr betagt, haben nur lückenhafte Sprachkenntnisse und sind auf medizinische Behandlung und Betreuung durch die Familie angewiesen. Sie sind in Heidelberg einfach besser aufgehoben“, sagt Kilic und macht gleichzeitig deutlich: „Ich wohne zwar in Heidelberg, mein Lebensmittelpunkt ist aber in Pforzheim und dem Enzkreis.“ Es sei nicht wichtig, wo er schlafe, sondern worauf er sich im Leben konzentriere, findet Kilic.

„Ich habe deutsche Wurzeln, ohne
die türkischen gekappt zu haben“
Kilic zu seiner kulturellen Identität

 Ein Leben, in dem seit seinem Einzug ins Parlament nichts mehr so ist, wie es einmal war. Kilic wirkt zwar häufig wie der personifizierte Optimismus, gibt aber auch unumwunden zu, dass es hin und wieder „bestimmte Momente der kleinen Verzweiflung gibt“. Manchmal vermisse er seine Familie, vor allem seinen Sohn, der im September eingeschult wird. Und der Sohn vermisse seinen Vater – das sei dann für ihn als Vater noch schlimmer. Aber er wisse auch, dass sein Sohn stolz sei auf das, was sein Vater macht. „Ich bin mir meiner großen Verantwortung bewusst und setze mich voll und ganz für meine Sache ein“, verspricht Kilic.

 Auf öffentlichen Terminen, wie zuletzt der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Landrat Karl Röckinger, sieht man ihn häufig völlig gelöst mit seiner SPD-Kollegin Katja Mast scherzen, ganz so, als würde hier ein neues rot-grünes Bündnis geschmiedet. Aber auch über Gunther Krichbaum, den er im Wahlkampf noch attackiert hatte, findet er gute Worte. „Wir tauschen uns sehr oft konstruktiv aus. Dann sitzt Gunther Krichbaum manchmal auf der grünen Bank im Bundestag oder ich auf der schwarzen“, kennen die Abgeordneten keine Berührungsängste.  Zu Erik Schweickert habe er allerdings bislang eher wenig Kontakt gehabt, und Anette Groth begegne er nur hin und wieder im Plenum, berichtet Kilic.

 Der 43-jährige Rechtsanwalt hat bislang vor allem als Sprecher für Migrations- und Integrationspolitik von sich reden gemacht, will sich aber nicht auf dieses Themenfeld reduzieren. „Natürlich gibt es im Feld der Bundespolitik bei jedem Abgeordneten unserer Fraktion die Zuspitzung auf einzelne Themenbereiche“, sagt Kilic. Im Wahlkreis gelte diese Regel allerdings nicht: „Alle Themen der Region sind meine Themen.“ Aber als Sprecher für Bürgeranliegen sieht sich Kilic auch bundesweit eher als Universalist denn als Spezialist. „Ich bin Sprachrohr für die Bürger von A bis Z, von Atomkraft bis Zahnplombe.“

 Sein Spezialthema, die Integrations- und Migrationspolitik, trägt er aber auch bis in seinen Wahlkreis hinein. „Ich besuche viele Migrantenvereinigungen und biete mich als Vermittler an.“ Aufgrund seines eigenen Migrationshintergrunds, Kilic ist erst 1990 als Student nach Deutschland gekommen, sei er glaubwürdig und authentisch und würde die Menschen erreichen. Auch weil er wisse, was in ihren Herzen vorgeht. „Meine Wurzeln sind sehr stark“, sagt er. „Ich habe zwar deutsche Wurzeln, meine türkischen aber nie gekappt.“ Um neue Wurzeln zu schlagen, müsse man nicht zwangsläufig die alten ausreißen, findet der Sohn eines ostanatolischen Grundschullehrers, der glücklich und geborgen in einer Großfamilie aufgewachsen ist.

„Deutschland ist dringend auf
Zuwanderung angewiesen“
Kilic zu einer wichtigen Zukunftsaufgabe

 Zum „Türken“ und „Moslem“ sei er erst in Deutschland geworden, berichtet Kilic, der zugibt, dass er sich über seine kulturelle Identität nie große Gedanken gemacht hat. „Aber in Deutschland bin ich schnell einfach in eine Schublade gesteckt worden, ganz gleich, ob sie zu mir passt oder nicht.“ Inzwischen ist er ein Musterbeispiel für gelebte Integration – was für viele seiner Landsleute nicht zwangsläufig zutrifft. Er wolle nicht ethnisieren, sagt Kilic, müsse aber feststellen, dass Menschen mit Migrationshintergrund selbst bei gleicher Qualifikation deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Derartige Ausgrenzungen seien natürlich kontraproduktiv für alle Integrationsbemühungen.

 Während andere von Parallelgesellschaften reden und gar einen Intelligenztest für Migranten ins Gespräch bringen, bemüht sich Kilic um eine differenziertere Sichtweise. „Die Menschen haben eine selektive Wahrnehmung. Natürlich fallen diejenigen auf, die durchs Integrationsraster fallen“, bedauert Kilic. Aber in Deutschland würden 2,6 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben. „Wenn alle so wären, wie die wenigen Ausreißer, die das Bild der Migranten prägen, dann würde gar nichts mehr funktionieren.“

 Dabei sei Deutschland dringend auf Zuwanderung angewiesen, weiß der Bundestagsabgeordnete. Nicht nur, um die demographischen Dellen auszubügeln, sei eine Netto-Zuwanderung von 250000 Menschen pro Jahr nötig. „Momentan liegt diese Marke bei 13000“, sieht Kilic große Probleme am Horizont aufziehen – etwa im Bereich der Altenpflege. „Wo sind denn die Fachkräfte, die sich in naher Zukunft um die Senioren kümmern?“ Aber auch der Immobilienmarkt könnte ohne Zuwanderung einbrechen. „Wer soll denn in unseren Eigentumswohnungen wohnen?“, befürchtet Kilic Wertverluste auf dem Häusermarkt. „Wir dürfen Zuwanderung nicht mehr länger als Gefahr betrachten“, fordert er unmissverständlich. Dabei dürfe allerdings die freiheitlich-demokratische Grundordnung auch nicht auf dem karnevalistischen Altar der Multikulti-Gesellschaft geopfert werden. Wobei sich Kilic als „glühender Verfechter“ des Grundgesetzes sieht. Es gebe die Richtschnur für die Integration vor. „Hier sind die Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit fest verankert.“ Diese Regeln würden in alle Richtungen gelten – sowohl für Deutschland als Zuwanderungsland als auch für die Zuwanderer selbst, die die Freiheiten der Grundordnung ihrer neuen Heimat zu respektieren hätten.

Weiterlesen
Viktoria Enzberg stoppt die Negativ-Serie

Viktoria Enzberg stoppt die Negativ-Serie

A1-Liga: Zaisersweiher hält Anschluss an die Spitzenplätze. Von Georgios Kaliudis TSV Ötisheim – FV 09 Niefern 0:2  Trotz guter Partie hat Ötisheim eine Niederlage hinnehmen müssen. Im ersten Durchgang lieferten… »