Von Mittenwald nach Tramin

Erstellt: 28. August 2008, 00:00 Uhr
Von Mittenwald nach Tramin Lena am Reschensee: mit der Handykamera aufgenommene Reisestation.

Neunjährige aus Schützingen trotzt bei Radtour über die Alpen ihrer Krankheit Zöliakie

Eine ganz besondere sportliche Herausforderung hat Lena Widmaier in dieser Woche gemeistert. Die Neunjährige aus Schützingen radelte mit ihrem Stiefvater von Mittenwald aus über die Alpen nach Tramin. Und das, obwohl sie an Zöliakie leidet, einer angeborenen, nicht heilbaren Verdauungskrankheit, die ihr viele Nahrungsmittel verbietet.

 „281 Kilometer, 2781 Höhenmeter“, schickte Lena Widmaier per SMS stolz an ihre Großmutter Brigitte Grausam in Illingen. Und dem MT berichtet die aufgeweckte Neunjährige am Telefon: „Mir geht’s gut. Ich hab’ keinen Muskelkater.“ Bereits als ihr Stiefvater Jürgen Glöckler vor einem Jahr durch die Alpen radelte, verkündete Lena: „Das will ich auch machen.“ Zur Erstkommunion im Frühjahr bekam sie die nötige Ausrüstung geschenkt: ein schickes Mountainbike mit 18 Gängen.

 Am vergangenen Samstag radelten Lena und Jürgen Glöckler im bayerischen Mittenwald los. Von dort ging es erst einmal über Seefeld hinab ins Inntal und dann flussaufwärts in Richtung Reschenpass. In Pfunds, wo die Reschenpassstraße vom Inntal links abzweigt, fuhren sie aber erst einmal geradeaus weiter in die Schweiz bis nach Tschlin-Martina, von wo eine Serpentinenstraße hinauf nach Nauders zur Reschenpassstraße führt. Einige Kilometer Umweg und etwa 100 Höhenmeter mehr, die sich jedoch lohnten. „Da haben uns nicht mehr als 30 Autos überholt. Wunderbar ruhig zu fahren“, berichtet Glöckler.

 Eine Ruhe, die Lena ein wenig unterbrach: „Ich alter Ochs strampel mir am Berg die Lunge raus, und sie fängt hinter mir an, ein Liedchen zu pfeifen“, wundert sich der 43-Jährige, woher die Neunjährige die Energie nimmt. Er selbst hatte allerdings noch einen 30 Kilogramm schweren Anhänger mit Proviant, einem Gaskocher und Kochgeschirr zu ziehen. Denn bei Lenas Ernährung geht die Familie auf Nummer sicher. Nichts, das auch nur eine Spur von Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel oder Hafer enthält, darf die Neunjährige essen. Schon ein Viertelgramm des im Getreide enthaltenen Gluten pro Tag würde den Darm von Lena schädigen. „Wenn man darauf nicht dauerhaft achtet, kann ein schwer diagnostizier- und behandelbarer Darmkrebs entstehen, der tödlich enden kann.“ Bei den Betroffenen ruft diese auch „einheimische Sprue“ genannte Unverträglichkeit des Dünndarms gegen Gluten Symptome wie Durchfall, Völlegefühl, Übelkeit, Gewichtsverlust, Blutarmut, Vitamin- und Eiweißmangel hervor. Im Kindesalter kann es so auch zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen kommen.

 In Restaurants ist die Familie deshalb vorsichtig. Theoretisch darf Lena zwar Reis oder Pommes Frites essen, aber: „Man weiß nie, ob in dem Frittenfett zuvor ein paniertes Schnitzel gemacht wurde. Oder Nudeln in dem Topf, in dem der Reis gekocht wurde“, erklärt Jürgen Glöckler. Deshalb hatten die beiden Lenas komplette Verpflegung im Anhänger dabei, unter anderem spezielle glutenfreie Brötchen.

 Am Dienstag haben Lena, die in Schützingen auch in der Leichtathletik und im Mädchenturnen aktiv ist, und ihr Stiefpapa die letzte Etappe nach Tramin geschafft. Drei Tage eher als geplant. „Wir sind am letzten Tag 108 Kilometer gefahren“, ist sie auf ihre Leistung stolz. Geplant waren nur 80, aber schon nach 50 Kilometern erschienen der Neunjährigen die übrigen 30 zu wenig. „Komm, wir fahren gleich bis nach Tramin“, forderte sie Jürgen Glöckler auf.

 Am Wochenende wollen sie wieder zurück in Schützingen sein. Allerdings werden sie auf der Rückreise von Bozen bis auf den Brenner den Zug nehmen, und ebenso von Innsbruck nach Mittenwald, wo sie das Auto abgestellt hatten.

 „Die Strecke vom Brenner runter nach Innsbruck wollen wir unserem Kilometerkonto noch gutschreiben“, sagt Glöckler und lacht. Steffen-Michael Eigner

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