Vier-Säfte-Lehre als Grundlage der Medizin

Erstellt: 31. August 2012, 05:36 Uhr
Vier-Säfte-Lehre als Grundlage der Medizin Historikerin Dr. Dagmar Schumacher führt rund 30 Zuhörer in die Pflanzenheilkunde nach mittelalterlichen Erkenntnissen ein. Schnuppern ist gewünscht.

Maulbronn. Forschungsschwerpunkt der Kunsthistorikerin Dr. Dagmar Schumacher ist die mittelalterliche Alltagskultur. Sie hat sich mit der Heilkunst und den damit eng verbundenen Klostergärten auseinandergesetzt. In einer Sonderführung nahm sie 25 Naturinteressierte mit auf die „medizinischen Spuren“ der Mönche.

Ehe die Zuhörer praktische Kräuterkunde im neuen Kräutergärtlein betreiben konnten, führte die Referentin sie zu Orten im Kloster, die im weitesten Sinne mit Heilkunde zu tun hatten. Zunächst war da das ehemalige Infirmarium, das vom Bruder Infirmarius, dem Krankenmeister, betreut wurde. Dieses ehemalige „Hospital“ ist der älteste Teil des Klosters, heute nicht mehr frei zugänglich, da das Evangelische Seminar darin untergebracht ist. Grundlage für den Bau war die Ordensregel der Benediktiner, die zur Nächstenliebe und Barmherzigkeit verpflichtete, wobei die Sorge für die Kranken Vorrang hatte.

Vermutlich lag der einstige Kräutergarten in der Nähe der Krankenstation, denn die Kräuter wurden ja als Heilpflanzen angebaut. Der benachbarte Friedhof diente zugleich als Obstgarten. „Der Sankt Gallener Klosterplan, um 820 für den Abt von St. Gallen im Kloster Reichenau gezeichnet, gilt als Idealplan eines Benediktinerklosters, an den sich viele später erbaute Anlagen anlehnten, so auch Maulbronn“, erklärte Schumacher.

Eng mit der medikamentösen Versorgung der Patienten war auch die Ernährung verbunden, die als Gesundheitsvorsorge galt. Zwei gekochte Mahlzeiten erlaubte Benedikt, als dritter Gang durfte Obst verzehrt werden. Fleisch war verboten, nur die Kranken erhielten wenige Portionen als Zusatznahrung zur Kräftigung.

„In der Ausbildung der Ärzte gab es gravierende Unterschiede“, erklärte Schumacher, „der Medicus oder Physicus mit Universitätsausbildung, zuständig für die innere Medizin, genoss hohes Ansehen. Der Chirurgicus war für die äußeren handwerklichen Arbeiten am Patienten zuständig wie Knochenbrüche und Aderlass und war weniger geachtet. Barbiere konnten sich als Wundarzt schulen lassen – der spätere Feldscher geht darauf zurück –, und ganz unten in der Hierarchie standen die Bader, die die Verordnungen der Ärzte am Patienten auszuführen hatten. Grundlage der mittelalterlichen Medizin war die Vier-Säfte-Lehre, die auf den Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft basierte und den gesamten Kosmos mit einbezog. Bei ausgeglichenem Säfteverhältnis galt der Mensch als gesund. Erst die Entdeckung des Blutkreislaufes im 17. Jahrhundert führte zu neuen Erkenntnissen.“ Als Quelle medizinischer Kräuterkunde dienten auch Schriften der Hildegard von Bingen. „Über die Hälfte der von ihr im 12. Jahrhundert empfohlenen Mittel werden heute noch verwendet“, betonte die Referentin.

Inzwischen im Kräutergärtlein angekommen, galt es die etwa 25 verschiedenen Arten in ihrer Wirkung und Anwendung zu unterscheiden. Auch die Anlage in Hochbeeten gehe auf eine alte Empfehlung zurück und dämme den Schneckenbefall ein, hob Schumacher eine praktische Seite hervor. Salbei, Thymian, Petersilie, Rosmarin waren bekannt, anders sah es bei Andorn, Weinraute und Eberraute aus. „Eberraute duftet, und ein kleiner Zweig davon ans Revers gesteckt, sollte das Einschlafen im Gottesdienst verhindern. Die Pflanze galt auch als Liebeskraut, im Englischen heißt sie ,Kiss me quick and go‘.“

Aber die Referentin wies auch auf Gefahren durch toxische Wirkungen bestimmter Pflanzen hin, was bereits im Mittelalter bekannt war. Besonders die Behandlung der Frau war eine oft heikle Sache. Eine traurige Rolle kam dem Wermut zu, der, mit Alkohol vermischt, zum süchtig machenden Absinth wurde. In Literatur und Werken vieler Maler sind die Folgen festgehalten.

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