Vereinter Kampf gegen Preistreiberei

Erstellt: 30. November 2006, 00:00 Uhr
Vereinter Kampf gegen Preistreiberei Vor dem Auge der Fernsehkamera: Mühlackers Wirtschaftsbeirat macht mobil gegen die Preisspirale bei Strom und Gas.

Mühlacker Wirtschaftsbeirat und Interessenverbände verabschieden gemeinsame Energie-Resolution

Mühlacker – Der Wirtschaftsstandort Mühlacker funkt SOS: Angesichts explodierender Kosten für Strom und Gas drohen örtliche Unternehmen bereits offen mit der Verlagerung ihrer Produktion in billigere Gefilde. Zuvor allerdings machen Wirtschaft, Verbände und Kommunalpolitik ihrem Ärger über die Preistreiberei Luft – mit einer gemeinsamen Resolution an die Politik.

VON THOMAS EIER

Die größten Arbeitgeber der Stadt haben beim gestrigen Energie-Gipfel im Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Mühlacker beeindruckende Zahlen vorgelegt. Beeindruckend in negativer Hinsicht.

 Auf fast eine halbe Million Euro summieren sich für die Firma Behr mit ihren drei Standorten in Mühlacker, Pforzheim und Vaihingen die Mehrkosten für ihre Gasversorgung. Eine Kostensteigerung, wie ein verärgerter Prokurist Heinz Mühleisen klar machte, um stattliche 64 Prozent. Sogar 1,5 Millionen Euro zahlt laut Geschäftsführer Manfred Schmidt-Basler der Mühlacker Fliesen-Hersteller Steuler drauf. Preiserhöhung in diesem Fall: 76 Prozent fürs Gas und über 22 Prozent für Strom. Über 50 Prozent Kostensteigerung klagt derweil Werner Abele von der gleichnamigen Aluminium-Gießerei, und Reinhard Schwitalla von der Wienerberger-Gruppe sieht angesichts der in nur drei Jahren um 60 bis 70 Prozent gestiegenen Energiekosten das Ziegelwerk Mühlacker in akuter Gefahr. „Wir bezahlen hier 500000 Euro mehr als an anderen Standorten in Deutschland“, zeigte Schwitalla das Missverhältnis auf. Dabei ist Wienerberger gleich an 32 Standorten in Deutschland vertreten; von den rund 220 Werken, die im billigeren Ausland produzieren, ganz zu schweigen.

 Tenor der Unternehmen: Wenn sich die Preisspirale für Energie weiter dreht, werden Mühlacker und die Region unweigerlich Firmen und Arbeitsplätze verlieren. In Lothringen, verglich Heinz Mühleisen aus Sicht der Firma Behr, habe die jüngste Preissteigerung nur fünf Prozent betragen, am Standort in Tschechien gar „null Prozent“. Dies bei ohnehin deutlich niedrigeren Ausgangspreisen. Behr hat damit das gleiche Problem wie Wienerberger: Selbst im firmeninternen Vergleich werden die Werke im besonders teuren Baden-Württemberg zunehmend unrentabel.
 „Das sind erschreckende Szenarien“, zeigte sich Stefan Klumpp als Vorsitzender des Gewerbe-, Handels- und Verkehrsvereins geschockt. Die Industrie, aber auch der Handel und das Handwerk seien allesamt betroffen – wie auch der Privatkunde. „Es geht dadurch unglaublich viel Kaufkraft verloren“, forderte Klumpp ein Ende der „unsäglichen Preissteigerungen“.

 In dieser Forderung herrschte Einigkeit im Wirtschaftsbeirat Mühlacker, der in seinem Kampf gegen überhöhte Energiepreise Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald und die Handwerkskammer Karlsruhe an seiner Seite weiß. Mit einer gemeinsamen Resolution, die gestern übergeben wurde, treten die Stadtwerke Mühlacker, die örtliche Industrie, das Gewerbe und der Handel, IHK und Handwerkskammer und die Stadt Mühlacker mit allen Gemeinderatsfraktionen gegenüber den Kartellbehörden und der Politik in Land, Bund und EU für einen, so wörtlich, „funktionierenden Wettbewerb mit konkurrenzfähigen Preisen auf dem Strom- und Gasmarkt“ ein. „Wir sitzen hier“, beklagte Verlegerin Brigitte Wetzel als Vertreterin des Medienhauses Mühlacker das extreme Preisniveau in Baden-Württemberg, „total in der Falle.“

Stadtrat: Fühlt sich wie in einer Bananenrepublik

Während die beiden persönlich anwesenden Abgeordneten Thomas Knapp (SPD) und Dr. Hans-Ulrich Rülke (FDP) der Resolution aus Mühlacker ihre Unterstützung zusagten, dabei allerdings den vergleichsweise geringen Einfluss der Landespolitik andeuteten, machte Jürgen Meeh als Gastgeber und Geschäftsführer der Stadtwerke Mühlacker konkrete Vorschläge für ein Eingreifen des Gesetzgebers in den Energiemarkt. „Ich freue mich, dass heute nicht wir angegriffen werden“, beschrieb Meeh die Machtlosigkeit kleinerer Energielieferanten wie der Stadtwerke, die überhöhte Preise an ihre Kunden weitergeben müssten. So gebe es auf dem Gasmarkt für den Einkäufer keinerlei Auswahl unter verschiedenen Angeboten, und auch auf dem Strommarkt dränge sich der Verdacht auf, die vier großen Stromkonzerne stimmten ihre Preisgestaltung ab. Stadtrat Klemens Köberle formulierte es deutlicher: „Man fühlt sich wie in einer Bananenrepublik.“

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