Vereine: Auflagen sind fern der Praxis

Erstellt: 31. Juli 2010, 00:00 Uhr
Vereine: Auflagen sind fern der Praxis Der Einsatz einer Spülmaschine ist beim Vereins- oder Straßenfest dringend angeraten – ansonsten wird die korrekte Reinigung des Festgeschirrs zur aufwendigen Angelegenheit. Archivfoto

Behördliche Verordnungen für die Bewirtung beim Straßenfest bereiten den Teilnehmern einiges Kopfzerbrechen

In den Vereinen ist der Ärger groß. Eine Unmenge behördlicher Auflagen, die in der Praxis kaum zu erfüllen seien, könnte ihrer Ansicht nach das Aus für die bunte Vielfalt des Mühlacker Straßenfests bedeuten.

Von Eva Filitz und Thomas Eier

Mühlacker. Seit Jahren leidet das Mühlacker Straßenfest unter einem Teilnehmerschwund, weil Aufwand und Ertrag für die Vereine und ihre ehrenamtlichen Helfer nicht immer in einem gesunden Verhältnis stehen. Diese Diskrepanz könnte sich durch eine zunehmende Bürokratie noch spürbar verschärfen, befürchten die Sprecher der Vereine.

 Anlass für den Ärger sind die strengeren Vorgaben für die Standbetreiber, die in einem „Leitfaden für den Umgang mit Lebensmitteln auf Vereins- und Straßenfesten“ des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum zusammengefasst sind und teilweise auf Unverständnis stoßen, wie sich in einer Sondersitzung der Straßenfest-Vereine zeigte. Bei dem Treffen im Jugendhaus hatte Lebensmittelkontrolleur Oliver Epe vom Landratsamt Enzkreis die undankbare Aufgabe, die zahlreichen Auflagen aufzulisten – was ihm rasch die ersten Zwischenrufe einbrachte, nach dem Motto: Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns erst gar nicht für das Straßenfest angemeldet.

 Das Thema weckt Emotionen, und während Organisationschef Jochen Schray, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Vereinsvorstände, sich darum bemühte, Ruhe zu bewahren und Kompromisse zu finden, reagierten die rund 30 Vertreter der Vereine mit Galgenhumor. Die dahinter stehenden Befürchtungen sind allerdings ernster Art: Müssten die Vorschriften zu 100 Prozent umgesetzt werden, so der Einwand der Straßenfest-Vereine, sei das weder zu bezahlen noch organisatorisch und personell überhaupt machbar.

 Routinierten Mitstreitern fällt es schwer einzusehen, warum das, was 36 Jahre lang ohne schlimme Folgen für die Besucher funktioniert hat, beim 37. Straßenfest plötzlich nicht mehr gelten soll. Heiß diskutiert wurde beispielsweise die Frage nach den Schläuchen für die Frischwasserzufuhr, die nicht mehr über handelsübliche Gartenschläuche, sondern nur noch über teure Trinkwasserschläuche erfolgen soll. Wie Jochen Schray im Vorfeld des Treffens recherchiert hatte, kostet ein Meter dieser speziellen Schläuche bis zu 4,10 Euro – und bei Schlauchleitungen von bis zu 200 Metern ins Enzvorland werde diese Anschaffung ruck, zuck zu einer massiven Belastung für die Vereine. Was die Frage der Wasseranschlüsse betrifft, wünschte sich ein Vertreter der Vereine die Unterstützung der Stadtwerke: „Wir machen ja das Fest auch für das Image der Stadt.“

Oliver Epe, Mitarbeiter des Verbraucherschutz- und Veterinäramtes, verwies auf die rechtlichen Grundlagen für eine Teilnahme und auf die mögliche Haftung des Standbetreibers, erläuterte anhand einer Skizze die baulichen Bedingungen für eine Bewirtung der Besucher und sprach über die sachgerechte Lagerung und Verarbeitung der Lebensmittel, erläuterte die Kennzeichnungspflicht und die wichtigsten Hygieneregeln fürs Personal. Wobei sich die Gastgeber beim Straßenfest einig sind, dass Sauberkeit und Sorgfalt im Umgang mit Speisen auch in der Hobby-Gastronomie wichtig sind, um die Gesundheit der Gäste nicht zu gefährden. Warum allerdings der Aufbau eines Stands bei einem Vereinsfest bis ins Detail geregelt werden muss – mit festem Dach und festem Boden, rückwärtig und seitlich geschlossen, mit hellen, glatten und abwaschbaren Wänden und einem Spuckschutz über der Speisenauslage –, will nicht jedem ehrenamtlichen Helfer einleuchten. Ein fester Boden –  für die Stände und Zelte im Enzvorland?

 Die Kritik zielte nicht auf Oliver Epe, galt der doch nur als Überbringer der Nachricht, nicht als Urheber des zusätzlichen Aufwands für Standbetreiber. Epe riet den Vereinen, im Vorfeld sehr gründlich zu planen und sich das Angebot an Speisen und Getränken gut zu überlegen. Immerhin: Was die „vereinfachte Belehrung“ der ehrenamtlichen Helfer betrifft, gibt es gegenüber der bislang vorgeschriebenen „infektionshygienischen Belehrung“ eine Erleichterung – wenngleich dies nichts an der zivil- und strafrechtlichen Verantwortung dessen ändere, der Lebensmittel in Umlauf bringe. Ein schwacher Trost also angesichts einer Entwicklung, die selbst ein sachlicher Jochen Schray wenig erfreut auf den Punkt brachte: „Jedes Jahr“, stöhnte er, „nehmen die Verordnungen zu.“

Info
„Speisen dürfen nicht angeniest oder angehustet werden“
Auszug aus dem „Leitfaden für den Umgang mit Lebensmitteln auf Vereins-
und Straßenfesten“ des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum:

Lebensmittelverkaufsstände müssen so aufgestellt werden, dass eine
nachteilige Beeinflussung der Lebensmittel durch zum Beispiel Staub,
Gerüche, Insekten, Witterungseinflüsse, Rauch oder auch Abfälle
vermieden wird.

Sie müssen überdacht sowie seitlich und rückwärts umschlossen sein.

Offene Lebensmittel müssen an der Vorderseite des Verkaufsstandes durch
eine ausreichende Abschirmung (z.B. vor Husten oder Niesen von Kunden
und Passanten) geschützt werden.

Es muss neben einer Geschirrspülmöglichkeit eine leicht erreichbare
Handwaschgelegenheit mit ausreichender Warm- und Kaltwasserzufuhr,
Flüssigseife sowie Einmalhandtüchern vorhanden sein. (. . .)

Trinkwasserschlauchleitungen müssen ein DVGW-Zertifikat besitzen oder
der KTW-Empfehlung und dem DVGW-Merkblatt W270 entsprechen.
Handelsübliche Gartenschläuche erfüllen nicht diese Anforderungen (. .
.)

Bei der Zubereitung von kühlpflichtigen Lebensmitteln ist darauf zu
achten, dass die Lebensmittel der Kühllagerung bedarfsgerecht und nicht
in zu großem Vorrat entnommen werden (z.B. Stapeln von Bratwurst auf
dem Grill).

Bei Lebensmitteln gibt es umfangreiche Kennzeichnungsvorschriften zum
Schutz des Verbrauchers vor Gesundheitsgefährdung und Täuschung. Die
Kennzeichnung erfolgt auf einem Preisaushang oder einer Speisekarte.
Hier sind bei offen abgegebenen Lebensmitteln mindestens
anzugeben: Die Verkehrsbezeichnung des Lebensmittels. Die enthaltenen
Zusatzstoffe wie zum Beispiel Farbstoffe, Konservierungsstoffe,
Geschmacksverstärker, Phosphate oder auch bestimmte Aromastoffe wie
Koffein oder Chinin in Getränken (Details siehe Merkblatt
„Kenntlichmachung von Zusatzstoffen im Gastronomiebereich)

Speisen dürfen nicht angeniest oder angehustet werden

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