Über der Kirche dröhnen die Bomber

Erstellt: 24. Dezember 2009, 00:00 Uhr
Über der Kirche dröhnen die Bomber Erinnerungen an einen ganz besonderen Tag im Kriegswinter 1944: Lore Augenstein (li., mit einem Bild von ihrer goldenen Konfirmation), Sigmar Wagner und Inge Hof (mit dem einzigen Foto ihrer Konfirmandenfeier) erzählen von schönen und von traurigen Momenten an Heiligabend vor 65 Jahren. Foto: Filitz

Erinnerungen an eine außergewöhnliche Konfirmation an Heiligabend im Kriegswinter 1944

Der 24. Dezember, ein bitterkalter Wintertag. Zur frühen Stunde schimmert ein blasses Licht durch die Fenster der Andreaskirche in Dürrmenz. Vor der Pforte: eine große Kinderschar, die an diesem ganz besonderen Tag und in schwerer Zeit ihre Konfirmation feiert. An Heiligabend 1944.

Von Eva Filitz

Mühlacker. So mancher, der 65 Jahre später die weihnachtlichen Gottesdienste in der Pauluskirche oder in der Andreaskirche besucht, wird sich heute zurückerinnern, wie er einst als junger Mensch, vom Krieg geprägt, vor den Altar trat.

 Mehr als 100 Mädchen und Jungen aus Mühlacker und Dürrmenz sollten an diesem Tag konfirmiert werden, und verantwortlich für den ungewöhnlichen Termin war – natürlich – der Zweite Weltkrieg, der auch Mühlacker nicht verschonte. In dünnen Kleidern froren die Kinder in der ungeheizten Kirche, darunter Inge Hahnenkratt und Lore Mahler, die sich beide sehr auf ihr Fest gefreut hatten. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Aus Inge Hahnenkratt wurde Inge Hof, Lore Mahler heiratete Günther Augenstein. Bei dem Treffen, das kurz vor Weihnachten ihr Klassenkamerad Sigmar Wagner arrangierte, kamen beim Erzählen und Erinnern Emotionen hoch, es gab feuchte Augen.

 „Den Krieg hat man förmlich gerochen. Unser Pfarrer Otto Rieger hat darauf gedrungen, die Konfirmation unseres Jahrgangs vorzuziehen. Er befürchtete, dass im März 1945 keine Feier mehr möglich sein könnte“, berichtet Inge Hof. „An diesem Tag hörten wir ständig die Flieger in Richtung Heilbronn. Die Einsegnung war recht kurz und eilig, aber trotzdem spürten wir eine feierliche Atmosphäre.“ Kurz fielen auch die Konfirmationssprüche aus; allein deshalb, weil so viele Kinder teilnahmen. „Mein Spruch lautet: ‚Seid geduldig und stärkt eure Herzen‘. Er hat mich mein ganzes Leben begleitet“, sagt Lore Augenstein. Auch Inge Hof hat ihren Konfirmandenspruch nicht vergessen: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.“ Wegen der ständigen Bedrohung durch die feindlichen Bomber seien nach dem Gottesdienst alle rasch nach Hause geeilt. Es gab keinen Fotografen für ein Erinnerungsfoto, kein großes Festmahl, keine Geschenke.

 Und auch nicht viele Gäste. „Weil zu dieser Zeit keine Verkehrsmittel zur Verfügung standen, konnten meine Verwandten aus Ölbronn nicht kommen, es wäre auch zu gefährlich gewesen“, erinnert sich Inge Hof. Ein kleines Foto mit vier Personen darauf hat sie 65 Jahre gehütet wie einen Schatz: „Das war meine Feier. Meine Mutter, meine Schwester und eine Evakuierte aus Leverkusen waren dabei. Mein Vater war erst ein halbes Jahr vorher gestorben, deshalb sehen alle so unglücklich aus.“
 „Alle Sachen waren geliehen.

Dass ich kein eigenes schönes Kleid hatte,
hat mich traurig gemacht“
Lore Augenstein, Konfirmandenjahrgang 1944

 Lore Augenstein erinnert sich an Hasenbraten und Spätzle. Neben der Mutter saßen damals drei Tanten, Oma und Opa mit am Tisch. Der Vater war schon seit 1939 an der Front. „Meine Mutter hatte Maiskörner in der Kaffeemühle gemahlen und daraus einen Kuchen gebacken. Der sah so gelb aus, als wären zehn Eier drin. Ich hatte lauter geliehene Sachen an. Dass ich kein eigenes schönes Kleid hatte, hat mich traurig gemacht.“ Auch den kleinen Tannenbaum mit den Glaskugeln auf einem Hocker mit weißem Deckchen hat sie nicht vergessen. Ob es damals in der Kirche einen geschmückten Tannenbaum gegeben hat? Auf Anhieb weiß das niemand mehr.

 „Aber wir haben auch lustige Zeiten erlebt, oder?“, lachen sich die Freundinnen an und lassen kichernd wie einst als Backfische die kleinen Erlebnisse auf dem Weg zum Konfirmandenunterricht Revue passieren. „Und in der Schule mussten wir Nachtwache halten. Was wir als 13-Jährige bewachen sollten, wussten wir zwar nicht; aber es war einfach eine Gaudi für uns.“

 „Der Krieg wirkte ja in alle Bereiche des Lebens hinein. Schon im September 1943 wurden wir aus der Schule entlassen und zu Kriegshilfsdiensten eingezogen. Ich absolvierte ein Pflichtjahr“, erzählt Inge Hof. „Ich habe bei der Firma Atlan Kunststoffteile für Gasmasken bearbeitet und später in der Seifenfabrik Seife verpackt“, denkt Lore Augenstein zurück und ist sich mit ihren Freunden darin einig, dass ihr Start ins Erwachsenenleben ohne den Krieg ganz anders verlaufen wäre.

 In trauriger Erinnerung geblieben ist den Dreien noch das Schicksal des Schulkameraden Helmut Sommer, der auf der alten Eisenbahnbrücke an der Friedrichstraße von einer Fliegerbombe getötet wurde. „Der Vater hat seinen toten Sohn auf einem Leiterwägele heimgefahren.“

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