Tatzen bei Zuwiderhandlung

Erstellt: 28. November 2007, 00:00 Uhr
Tatzen bei Zuwiderhandlung Reise in die Vergangenheit: Die Klasse 3a der Illinger Grundschule erlebt Schule wie anno dazumal. Foto: Goertz

Reise in die Vergangenheit: Illinger Kinder erleben die Schule wie anno dazumal – Lederhose ist so alt wie der Opa

Ein Klassenzimmer auf einer Reise durch die Zeit: „Lasset uns beten“, beginnt Lehrerin Ursula Ziegler im hoch geschlossenen schwarzen Kleid ihre Unterrichtsstunde in der 3a der Illinger Grundschule. Doch das „Vater unser“ wird durch lautes Klopfen an der Tür unterbrochen. Nach dem „Amen“ erbarmt sich die Lehrerin, eine Schülerin tritt ein, mit Schürze und Kopftuch bekleidet. „Warum kommst Du so spät?“, will die strenge Pädagogin wissen. „Ich musste noch im Stall helfen“, antwortet das Mädchen kleinlaut. Sie darf sich setzen.

 Bevor sich die Lehrerin ihrem Bildungsauftrag zuwendet, werden erst einmal die Hände auf Hygiene überprüft. Der Rohrstock dient als verlängerter Zeigefinger.
 Ein Rückfall in die Pädagogik längst vergangener Tage. Ein gewollter Rückfall. Mit Schule wie anno dazumal beschäftigt sich derzeit ein Projekt an der Illinger Schule. Dabei bleibt es nicht bei trockener Theorie. Gestern haben die Schüler am eigenen Leib erfahren dürfen, was es hieß, anno 1917 die Schulbank zu drücken.
 Das Jahr 1917 ist kein Zufall. „Sonst dürfte ich gar nicht hier an der Tafel stehen“, erklärt Ursula Ziegler. „Erst seit 1917, als die meisten Männer im Krieg waren, dürfen auch Frauen unterrichten.“

 Wie ein kleines Theaterstück wird die besondere Schulstunde inszeniert. Nicht nur dem Disziplinkodex – gerade sitzen, Füße eng aneinander, Hände auf den Tisch, dem Lehrer immer immer in die Augen schauen, absolute Ruhe und bei Antworten aufstehen – unterwerfen sich die Illinger Schüler bereitwillig. Auch mit ihrer Kleidung lassen sie die „gute alte Zeit“ lebendig werden. „Meine Lederhose ist so alt wie mein Opa“, hat Tristan gestern Morgen die Jeans im Kleiderschrank gelassen. Und auch die Mädchen sind von ihren Müttern und Großmüttern ausgestattet worden, um modisch wie einst gekleidet die Schulbank zu drücken.

 Die Kinder finden Gefallen an dem strengen Unterricht und können ihm erstaunlich gute Seiten abgewinnen: „Die alte Schule war besser, weil die Lehrer strenger waren. Da wird es schneller leise“, erklärt Kim. Auch Isabel findet es „toll, dass es so ruhig ist“. Tristan sieht die Sache etwas differenzierter: „Eine Woche lang macht es Spaß, aber nicht auf Dauer, wenn man in der Ecke stehen muss.“ „Ich kam mir gut vor in der Ecke“, entgegnet Alexander, der kurz zuvor wegen ungebührlichen Verhaltens bestraft worden ist. Wobei er noch glimpflich davongekommen ist. „Tatzen bei Zuwiderhandlungen“, nennt Ursula Ziegler eine weitere Disziplinarmaßnahme, der sich die Lehrer einst bedienen durften. Schließlich diente der Rohrstock nicht nur dazu, an der Tafel etwas anzuzeigen. Er landete auch schon einmal auf den Händen oder dem Hosenboden.
 Welche Schule ist denn nun besser ? Die von 1917 oder die von 2007 ? „Ich finde beide gleich gut“, sagt Paulina, um im gleichen Atemzug zu relativieren: „Aber heute kann ich Fußball spielen und muss nicht immer eine Schürze tragen.“

 Sportstunden – oder besser: Leibesübungen – waren für die Mädchen vor 90 Jahren tabu. Ihnen wurde eher im Fach Handarbeit das nötige Rüstzeug für das Leben vermittelt. Aber selbst wenn die Knaben sich vor 90 Jahren sportlich ertüchtigen durften, möchte Tristan heute nicht mit der Schulzeit seiner Urgroßeltern tauschen. „Die hatten früher beim Fußball alte Lappen an. Wir haben richtige Trikots.“

 Einen handfesten Vorteil kann Manuel Schiefertafel und Kreide abgewinnen: „Damals mussten die Kinder nicht so viel schleppen.“ Und noch einen bemerkenswerten Pluspunkt verteilt er an die Schule von anno dazumal: „Früher haben sich die Kinder gewünscht, dass sie in die Schule gehen dürfen. Heute finden einige die Schule doof“, erzählt der Drittklässler von großen Unterschieden in der Motivation. Dafür waren die Platzverhältnisse vor Jahrzehnten nicht mit denen von heute zu vergleichen. „Das ist doof , wenn man so eng aneinander sitzen muss“, hält Christian wenig davon, mit 75 Kindern in einer Klasse zu sitzen.

 Manchmal sind die Wahrnehmungen von Mädchen und Jungen in Illingen recht unterschiedlich. Während eine Schülerin erleichtert ist, dass die Jungs den Mädchen nicht mehr die Zöpfe in die Tinte tunken, echot es aus der anderen Ecke des Klassenzimmers: „Ich finde es viel besser, wenn man es machen kann.“

 Das außergewöhnliche Geschichtsprojekt in Illingen wird noch eine Zeit lang fortgesetzt. Die Kinder haben schon das Grab des Schulmeisters Dillmann auf dem Friedhof besucht und setzen sich weiter mit den Lebensumständen im alten Illingen auseinander. Denn manchmal erscheint erst im Kontrast mit der alten Zeit die eigene Realität in einem viel deutlicheren Licht. Frank Goertz

Weiterlesen
Dem Hallenturnier fehlt es an Helfern

Dem Hallenturnier fehlt es an Helfern

Jugendleiter der Spvgg Zaisersweiher denkt an Rücktritt – Wettbewerbe für die Junioren ein ErlebnisMaulbronn – Fast 90 Mannschaften haben sich am Wochenende am Hallen-Jugendfußballturnier der Spvgg Zaisersweiher beteiligt. In der Maulbronner… »