Täter kündigen Amok oft an

Erstellt: 31. März 2009, 00:00 Uhr
Täter kündigen Amok oft an Der Leiter der Polizeidirektion Pforzheim, Burkhard Metzger, fordert auf einer Infoveranstaltung bessere Schließsysteme an Schulen. Fotos: Goertz, Disselhoff

Konsequenzen aus den schrecklichen Ereignisse von Winnenden

Pforzheim/Enzkreis – Als Folge des Amoklaufs von Winnenden hat gestern Burkhard Metzger, Leiter der Polizeidirektion Pforzheim, auf einer Informationsveranstaltung im CongressCentrum vor rund 400 Lehrern, Elternvertretern und Schülern bessere Sicherheitsstandards an den Schulen in Pforzheim und dem Enzkreis gefordert.

VON FRANK GOERTZ

Unter anderem sollen bessere Schließsysteme, eine schnelle Alarmauslösung und differenzierte Alarmsignale für Brand und Amokläufe die schlimmsten Folgen von Gewaltausbrüchen wie in Winnenden lindern helfen. Bei Bränden muss das Gebäude so schnell wie möglich evakuiert werden, bei Amokläufen sollen sich die Lehrer mit ihren Klassen einschließen.

 „Wir wollen diese Sicherheitsstandards möglichst noch bis Ende des Jahres an allen Schulen realisieren“, gibt Pforzheims OB Christel Augenstein ein ehrgeiziges Ziel vor. Wie genau die einheitlichen Standards aussehen sollen, wird ein Arbeitskreis „Sicherheit an Schulen“ festlegen, der im April zum ersten Mal zusammenkommt. „Es gibt aber keine absolute Sicherheit“, weiß Augenstein. „Wir müssen die Balance finden zwischen den beiden Polen Sicherheit und Freiheit. Unsere Schulen sollen keine Festungen sein, die Kinder sollen in angstfreier Umgebung lernen.“

 Christel Augenstein möchte die Debatte nach dem Amoklauf in Winnenden nicht nur auf bauliche und organisatorische Maßnahmen an den Schulen beschränkt wissen. „Wir brauchen aufmerksame und fürsorgliche Eltern, sensible Lehrer und mehr Psychologen und Schulsozialarbeiter.“ Vor allem für die letzte Forderung kassierte sie Applaus. In der anschließenden Diskussion beklagten etliche Lehrer und Elternvertreter viel zu große Klassen, und fehlende Stellen für Schulsozialarbeiter. Augenstein warnte allerdings auch davor, die Schulsozialarbeit als Allheilmittel zu betrachten. „Die Schule kann nicht all das reparieren, was im Elternhaus womöglich versäumt wird.“

 Dass Amokläufe kein Phänomen sind, bei denen sich Gewalt aus dem Nichts ihren zerstörerischen Weg bahnt, sondern das Ende einer langen Entwicklung mit klaren Warnsignalen, führte Günther Haas von der Polizeidirektion Pforzheim dem Auditorium deutlich vor Augen. „81 Prozent aller Amokläufer kündigen ihre Tat an, 59 Prozent sogar mehrfach“, so Haas. Haas führte als Beispiel das Internet-Video des Amokläufers von Emsdetten vor, der im November 2006 an der Geschwister-Scholl-Realschule zahlreiche Menschen verletzt hat, ehe er sich selbst richtete. Es zeigt einen jungen Mann, der sich als Opfer von Mobbing betrachtet und deshalb seinen Amoklauf von langer Hand plant. Zitat: „Sie schlugen mich, sie bespuckten mich, sich lachten über mich. Jetzt erschieße ich sie. Ich kann tun, was ich will.“

 Frustrierende Lebenserwartungen, sozialer Rückzug, Amok-Phantasien und ein Initialereignis – laut Haas gibt es in unterschiedlichen Stadien unterschiedliche Warnsignale, die meist aber nicht wahrgenommen oder einfach ignoriert werden. „Jeder Amoklauf hat eine Vorgeschichte, viele Täter haben sogar ein klares Beuteschema. Sie schießen nur bedingt wahllos, sondern suchen bewusst bestimmte Opfer.“ Ob psychische Krankheiten, Disfunktionen des Gehirns oder einfach nur Verrohung – etwa durch Gewaltspiele – als Auslöser in Betracht kommen, ließ Haas offen. „Wir müssen hier auch eher von einem multikausalen Ansatz ausgehen. Aber entscheidend dafür, dass aus einer Amok-Phantasie Realität wird, sind das Waffeninteresse und die Waffenkenntnisse des Täters.“

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