Suche nach Erklärungen für das Scheitern

Erstellt: 30. Juni 2009, 00:00 Uhr
Suche nach Erklärungen für das Scheitern Nur kurz hat am Sonntagabend das Aufeinandertreffen zwischen Christel Augenstein und ihrem Gatten Jörg (li.) sowie dem Wahlsieger Gert Hager mit seiner Gattin Sabine gedauert.Foto: Kollros

Rülke und Mappus am Tag nach Christel Augensteins Niederlage bei der OB-Wahl: Mobilisierung der Wähler nicht gelungen

Pforzheim. Der letzte Juni-Montag in Pforzheim, der Tag nach der Wahlschlappe der jetzt noch drei Wochen amtierenden Oberbürgermeisterin Christel Augenstein: Sie und ihre Protagonisten sind scheinbar auf Tauchstation gegangen. Stimmen zum Wahlausgang sind am Tag danach nur schwer zu erhalten.

Von Norbert Kollros

 Kurz nach 10 Uhr am Vormittag: Heiko Kusche, Pressesprecher und Berater der CDU-Landtagsfraktion, vertröstet: „Ich tue mich noch schwer, etwas Zitierfähiges von mir zu geben“, sagt der Mann, der Augensteins Wahlkampf in der Phase zwischen erstem und zweitem Urnengang maßgeblich koordiniert hatte. Am frühen Nachmittag dann aber doch die mit dem Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus abgestimmte Stellungnahme:

 Es müsse längerfristige Strömungen innerhalb der Bevölkerung gegeben haben, sich auf den Herausforderer zu konzentrieren. Da habe es innerhalb der vergangenen drei Wochen trotz aufwändiger Unterstützung nicht gereicht, diese Entwicklung umzudrehen. Auch sei die erforderliche Mobilisierung der Wähler nicht gelungen. Zu dem in Bevölkerungskreisen immer wieder kritisch gestellten Frage, weshalb sich der CDU-Landespolitiker Mappus in diese Wahl einmische, meinte dessen Vertrauter: Dies sei die Reaktion darauf gewesen, dass öffentlich kritisiert worden sei, die CDU habe Augenstein als Kandidatin des gesamten bürgerlichen Lagers nicht ausreichend unterstützt.

 Im FDP-Büro in Pforzheim, normalerweise von 9 bis 17 Uhr besetzt, meldet sich an diesem Montag nur der Anrufbeantworter. Dem Versuch über die Landtagsfraktion ist dann aber Erfolg beschieden. Kreisvorsitzender Dr. Hans-Ulrich Rülke, der sich die Wiederwahl von Augenstein erhofft hat und jetzt mit dem Makel des Misserfolgs seiner so gerne als Frontfrau präsentierten Parteifreundin leben muss, hat eine ganze Reihe von Dingen ausgemacht, die die Pforzheimer ihrer Oberbürgermeisterin verübelten, so etwa ihr zweimaliger Versuch, den Wochenmarkt vom Turnplatz in die Innenstadt zu verlegen, hausgemachte Verkehrsprobleme in der Innenstadt, die verlustreiche Geldanlage bei Lehman-Brothers oder auch, dass sich verschiedene Pforzheimer Gruppierungen von Augenstein vernachlässigt fühlten.

 Rülke: „Wir haben dann alles versucht, im zweiten Wahlgang die Situation zu drehen und die Wähler mehr zu mobilisieren, aber beides scheiterte.“

 Seine Stadtratskollegin und Vorsitzende des Pforzheimer FDP-Ortsverbands, Monika Descharmes, „schmerzt diese Klatsche für unsere Oberbürgermeisterin persönlich sehr“. Dieses Ergebnis spiegle in keiner Weise ihre Leistungen wieder. Möglicherweise sei sie ihren Wahlkampf zu wenig forsch, sondern eher zögerlich und bescheiden angegangen. Es möge freilich auch zutreffen, dass das Wahlkampfaufgebot der letzten drei Wochen vom Bürger doch nicht positiv aufgenommen worden sei. „Doch was wäre uns anderes übrig geblieben?“, stellt die Pforzheimer Stadträtin in den Raum. Dass Christel Augenstein im ersten Wahlgang den Sieg nicht einfahren konnte, sei für ihr gesamtes Team „ein akutes SOS-Signal gewesen. Es musste unser Interesse sein, dass ihre Wiederwahl gewährleistet sein würde“, so die Pforzheimer Lokalpolitikerin.
 Oberbürgermeisterin Augenstein kommt an diesem Vormittag später ins Büro und verweilt dort auch nicht lange. Sie hat einen schon seit Längerem verabredeten Termin im Wirtschaftsministerium in Stuttgart. Ob sie die Zeit für einen Rückruf findet, vermag ihr Pressesprecher Michael Strohmayer am Vormittag noch nicht zu sagen – hat sie dann letztlich auch nicht.

 Den Wahlabend hat sie mit Parteifreunden und ihrem Wahlkampfteam im Pforzheimer „Ratskeller“ verbracht. Man wolle sich austauschen, meinte sie zuvor. Aber weinen werde man auch nicht. Zum Feiern freilich hätte es fürwahr auch keinen Grund gegeben – sagt am Tag nach der Wahl auch Monika Descharmes.

 Aussagen der Verliererin vom Sonntagabend lesen sich derweil etwa so: Sie werde in kein tiefes Loch fallen, sie habe ihren Beruf als Steuerberaterin, in den sie zurückkehren könne. Das Thema Kommunalpolitik indes sei für sie zu Ende, manifestiert die 59-Jährige. Nahe liegend: Der OB-Posten ist demnächst Vergangenheit, und die nächsten Gemeinderatswahlen sind erst wieder in fünf Jahren.
 Wahlsieger Gert Hager hingegen schwelgte am Sonntag in dem sicheren Gefühl, dass die Pforzheimer sein Konzept mit zehn Zukunftsperspektiven unterstützt hätten, woraus er seinen Erfolg ableitet. Dazu gehöre, die Stadt auf wirtschaftlichem Gebiet nach vorne zu bringen, aber auch viele ungelöste Verkehrsprobleme anzugehen. Auch sei seine Strategie aufgegangen, einen bürgernahen Wahlkampf zu führen: „Die Menschen wollen Politiker nicht nur von den Plakaten sehen.“

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