Spuren auf der Landkarte des Gehirns

Erstellt: 9. März 2007, 00:00 Uhr
Spuren auf der Landkarte des Gehirns Stühlerücken im kleinen Mühlehof-Saal: Bei der Veranstaltung über die Thesen Manfred Spitzers geht es eng zu. Fotos: Filitz

Großes Interesse an (Film-)Vortrag im Mühlehof zum Thema Lernen – Debatte über Bildungslandschaft

Mühlacker – Die Filmdokumentation über den Vortrag „Lernen – Die Entdeckung des Selbstverständlichen“ des Neurobiologen und Hirnforschers Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer wollten mehr Zuschauer sehen, als der kleine Mühlehof-Saal fassen konnte. Die anschließende Diskussion zeigte Schwachstellen auch in Mühlackers Bildungslandschaft auf.

VON EVA FILITZ

Eingeladen hatte die Volkshochschule Mühlacker, der Gesamtelternbeirat der Schulen in Mühlacker, der Familientreff sowie die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche.

 Wo immer es möglich war, wurde im Saal noch ein Stuhl hingestellt. Dennoch fanden 30 bis 40 Personen keinen Platz. Sie hielten stehend aus, viele eng gedrängt vor der Tür.

 Dass die Thematik des Abends weite Kreise ziehen würde, dafür stand schon die „geballte Kraft“ der vier Initiatoren. Die Forschungsergebnisse des Neurobiologen legten neue Zusammenhänge zwischen allem Tun und der entsprechenden Reaktion im menschlichen Hirn offen. Mit seiner lockeren, aber dennoch eindringlichen Art, auch schwierige Sachverhalte verständlich zu machen, gelang es dem Professor, seine Zuhörer zu fesseln und für den Begriff „Lernen“ in vielschichtiger Weise zu sensibilisieren. Der Referent schien persönlich anwesend zu sein.

 „Das Hirn ist sozusagen die Hardware und speichert ständig Erfahrungen“, so der Einstieg ins Thema. Die „Landkarte“ des Hirns entstehe bereits im Mutterleib und ändere sich im Laufe des Lebens nur wenig. Die Hirnrinde speichere sehr langsam, und viel „Gleiches“ müsse geschehen, um Spuren im Hirn zu bilden. Dies sei sinnvoll, damit nicht jede unbedeutende Begebenheit festgehalten werde. Seine Forschungsergebnisse belegte Spitzer anschaulich mit Beispielen.

 „Das Hirn will immer lernen, es kann nicht anders“, so der Übergang von der wissenschaftlichen Neurologie zum praktischen Lernen. Spitzer umriss die Entwicklung des Kleinkindes, dessen frühes Sprachverständnis und bereits formierte Sprachstrukturen. Lernen mache dem Hirn Freude, fand der Lernforscher heraus, außer man setze es ins Komaoder mache ihm Angst oder übe Druck aus, und schlug damit die Brücke zu unseren gängigen Schulmustern. „Pisa ist ein Problem unserer Gesellschaft“, so seine Schlussfolgerung. Spitzer prangerte den ungezügelter Fernsehkonsum an, der Kinder emotional in die falsche Richtung lenke. 70 Morde würden pro Woche im Fernsehen gezeigt, die emotionale Beteiligung des Zuschauers hinterlasse im Hirn Spuren. Bewiesen sei, dass die Abhängigkeit zwischen Fernsehen und Gewalt so stark sei wie die zwischen Rauchen und Lungenkrebs. Emotionale Beteiligung sei aber auch die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, doch werden die Bedürfnisse des Kindes oder Schülers oft nicht geweckt oder wahrgenommen. Ergebnis: krankmachende Null-Bock-Stimmung, besonders in Schulen anzutreffen. Deutschland habe mehr psychosomatische Klinikbetten mit Lehrern belegt als der Rest der Welt. Nicht die Schule sei schuld, sondern die gesellschaftlichen Randbedingungen. Wichtig für die Schule von heute sei es, den Unterricht so zu gestalten, dass Probleme in einer positiven Lernumgebung gelöst werden können.

„Verantwortung beginnt im Elternhaus“

Für Dr. Roland Peter, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats, war die letzte Aussage die wichtigste des Abends. In Mühlacker sei einiges in dieser Richtung auf den Weg gebracht, wenn auch noch nicht genug. Unterschiedlichste Diskussionsbeiträge machten die ganze Brisanz des Themas deutlich. Einig waren sich alle über die negativen Folgen des Fernsehens. „Es gibt einen Ausschaltknopf“, mahnte eine Mutter an. Die Verantwortung beginne beim Elternhaus, was da versäumt werde, könne nicht Kindergärten und Schulen aufgehalst werden. Mangelnde Orientierung bei Jugendlichen wurde angesprochen und Defizite bei Eltern, die nicht wüssten, was für ihre Kinder gut sei.

 Gudrun Aichele, Mentorin für Sprach- und Medienpädagogik, führte aus: „Kinder entwickeln ihre Sinne im Tun, im Handeln. Zum Lernen brauchen Kinder die Tat“ „Alles seit Jahren bekannt“, so eine andere Stimme. Weitere Diskussionsbeiträge: Pro und Kontra für die Ganztagsschule, zu große Kindergartengruppen, zu große Klassen, dann die Überforderung vieler Kinder, die oft einen Terminplan hätten wie ein Manager, Leistungs- und Konsumzwang. „Wieso leben wir so, wie wir jetzt leben?“ wurde auch gefragt – Antwort offen. Auch die positive Lernumgebung bedarf noch einer genauen Definition.

Weiterlesen

Ein weißer Fleck auf der Verbrechenskarte

Ölbronn-Dürrn. Die Doppelgemeinde Ölbronn-Dürrn ist ein nahezu weißer Fleck auf der Landkarte der Kriminalität. Im Gemeinderat stellte Hauptkommissar Reinhold Wilser vom Posten Kieselbronn die Statistik des Jahres 2011 über die… »