Senkrechtstarter mit Bodenhaftung

Erstellt: 30. September 2011, 23:00 Uhr
Senkrechtstarter mit Bodenhaftung Erfolgreiches Trio: Sängerin Marie Mangas, Pianist Michael Knapp und Schlagzeuger Hannes Mondon (re.).

Mühlacker/Wiernsheim. Fernsehkameras und Scheinwerfer überall, Regisseure und Assistenten, die hektisch letzte Anweisungen durchs Studio brüllen, Eltern und Lehrer, die auf der Zuschauertribüne mehr Adrenalin produzieren als die Musiker auf der Bühne: Das alles klingt wahrlich nicht nach dem Umfeld, in dem sich normale 14- und 15-Jährige üblicherweise bewegen. Und doch haben sich die Wiernsheimer Marie Mangas, Michael Knapp und Hannes Mondon in der bunten Erfurter Kinderkanal-Fernsehwelt bewährt, bundesweit mit ihren Auftritten Anhänger gewonnen und aus „Iptingen bei Stuttgart“ eine Marke gemacht. Genau eine Woche nach der Finalshow sitzen sie im Verlagshaus des Mühlacker Tagblatt, kneten gedankenverloren eine Plüschausgabe von Bernd, dem Brot, und können im Grunde noch nicht recht fassen, was ihnen da in den vergangenen Wochen widerfahren ist.

Die Augen leuchten, wenn die drei Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums von den Tagen in Erfurt erzählen. Erfurt – das ist für die Schützlinge des Wiernsheimer Musikpädagogen Robert Burgert quasi zum Synonym geworden für einen bedeutenden Fortschritt in der musikalischen Entwicklung jedes einzelnen Mitglieds des Trios einerseits, andererseits für den Spaß, den die HansMs dort an ihren Auftritten und den vielfältigen Begegnungen mit anderen Musikern gefunden haben. „Wahnsinnig nett“ seien die Mitarbeiter des Senders gewesen, erinnert sich Michael beispielsweise an den Chauffeur, der den Nachwuchsmusikern am Ende den Plüsch-Bernd geschenkt habe.

„Klar, darauf freuen wir uns“, blicken Hannes, Marie und Michael deshalb gespannt auf einen für November geplanten Drehtermin voraus, bei dem ein „Best of“ entstehen soll. Für weniger realistisch dagegen halten es die HansMs, mitten im Schuljahr zwei Vertreter für eine Kika-Quizshow zu entsenden. Der Sender werbe zwar mit der Band, sei aber noch nicht persönlich auf sie zugekommen, sagt Michael, der hinter die Aktion ein großes Fragezeichen setzt. „Schließlich kann uns die Schule auch nicht andauernd freistellen.“

Apropos Schule: Dort hat mit zweiwöchiger Verspätung auch für die „Besten Stimmen“ wieder der Alltag begonnen, der so profane Aufgaben wie das Ausarbeiten eines englischsprachigen Vortrags zum Thema Handball – gemeinsames Hobby der drei Musiker – beinhaltet, aber auch mit ganz ungewohnten Seiten aufwartet. „Die Spanisch-Lehrerin hat ein Bild von unserem Auftritt in den Unterricht eingebaut, das wir auf Spanisch beschreiben mussten“, erzählt Marie, die außerdem festgestellt hat, dass sich plötzlich kleine Mädchen auf der Treppe nach ihr umdrehen und sie schüchtern grüßen. „Das ist süß“, findet die 14-Jährige, die ebenso wie ihre männlichen Kollegen schon fleißig Autogrammkarten geschrieben hat.

„Nur weil wir im Fernsehen waren, sind wir ja nichts Besseres“

„Wir können zwischen echten Freunden und Promi-Freunden unterscheiden“, betonen die Wiernsheimer. Und doch bringt die neue Popularität auch neue Herausforderungen mit sich. „Abends bin ich eine ganze Weile damit beschäftigt, die Anfragen der Fans zu beantworten“, berichtet Michael von elektronischen Hausaufgaben, um die das ohnehin nicht kleine Arbeitspensum aus Schule, Sport und Musik angewachsen ist. „Die meisten fragen einfach, wie es uns geht“, erzählt Hannes. Hoch im Kurs stehe auch die Auskunft, ob die drei Bandmitglieder noch zu haben seien. Eine junge Dame, der Vorwahl nach zu schließen aus Sachsen-Anhalt, rufe fünfmal täglich bei ihm an, ergänzt Michael. Ein Gespräch mit ihrem Idol zu führen, traue sie sich aber nicht.

TV-Ruhm hin oder her, von Pflichten im Haushalt entbindet das die drei HansMs freilich nicht. „Wir bleiben auf dem Boden“, versichern alle drei unisono. Dafür sorgten schon die Familien. „Nur weil wir mal im Fernsehen waren, sind wir ja nichts Besseres“, bringt es Hannes auf den Punkt, „Sonderrechte fände ich auch doof.“ Schließlich sei bis vor kurzem an Starrummel nicht im Entferntesten zu denken gewesen, blickt Robert Burgert, Leiter der Musikschule Musikkeller, zurück auf die Bewerbung um die Teilnahme am Kika-Wettbewerb, die eigentlich nur zum ohnehin geplanten Vorsatz gepasst habe, das erste Video von der im Oktober 2009 gegründeten Schülerband zu produzieren. „Dass wir überhaupt genommen wurden, hat uns schon riesig überrascht“, verweist der 35-Jährige auf die minimalistische Besetzung der Gruppe, die auf Gesang, Klavier und Cajón, aber gar nicht auf laute Partystimmung setze. „Irgendwie müssen wir doch den Nerv der Zuschauer getroffen haben“, freut sich Burgert, der seinen Schülern große Musikalität, eine sympathische Art, ungekünsteltes Auftreten vor der Kamera und nicht zuletzt die Fähigkeit attestiert, Tipps und Verbesserungsvorschläge rasch umzusetzen.

Nun allerdings stehe für die HansMs ein gewisser Umbruch an. Die Zukunft gehöre weniger den bisher interpretierten Coversongs als eigenen Stücken. Opus eins sei bereits weit gediehen, verrät der Musiklehrer. Während Hannes und Michael an der musikalischen Grundlage feilten, kümmere sich Marie um den Text. „Die Premiere des ersten eigenen Lieds planen wir für das Dankeschön-Konzert, das Anfang November in der Kreuzbachhalle in Iptingen stattfinden soll“, blickt Burgert auf das von Bürgermeister Karlheinz Oehler spontan ermöglichte Highlight voraus. Mit von der Partie soll auch die Gruppe Remedy sein, zu der die HansMs während der Wettbewerbsrunden freundschaftliche Kontakte geknüpft haben.

Der erste Auftritt steigt aber bereits am 8. Oktober im Wiernsheimer Schützenhaus. Das Kupferdächle in Pforzheim bietet dem Trio am 22. Oktober eine weitere Gelegenheit, die Nerven für das vom Sender versprochene Konzert vor Tausenden Zuhörern zu stählen. „Wir wissen noch nicht, für welche Band wir als Vorgruppe auftreten werden“, sagt Michael. Ort und Zeitpunkt stünden ebenfalls noch nicht fest. Doch auch abgesehen davon lägen interessante Anfragen vor – etwa von einem internationalen Handball-Camp. Der Organisator, ein früherer Nationalspieler, sei durch seine Kinder, fleißige „Voter“, auf die Gruppe aufmerksam geworden.

„Wir wollen auf jeden Fall erst mal die Schule beenden“

Eine Profi-Karriere als Musiker sehen Hannes, Marie und Michael dennoch derzeit nicht am Horizont. „Auf jeden Fall erst mal die Schule beenden“, nennt Marie als vorrangiges Ziel. Ihre beruflichen Vorstellungen bewegten sich unabhängig von der Musik in Richtung Grafik-Design, während Michael die Luft- und Raumfahrttechnik reizen würde und Hannes zur Polizei möchte. Zwischen Referaten und Klausuren, zwischen Handballtraining und Fanpost soll dennoch Spielraum für die HansMs bleiben – ohne Erfolgdruck, dafür aber mit viel Spaß. „Darum geht es, nicht um Berühmtheit oder Geld“, stellt Michael klar. Die Trophäe kann ihnen ohnehin keiner mehr nehmen, und ihr Brot haben sie als Musiker auch schon verdient. Auch wenn es Bernd heißt und heftiger geknetet wurde, als der Bäcker erlaubt.

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