Sebastian Kienle fährt Weltrekord

Erstellt: 19. Juli 2010, 00:00 Uhr
Sebastian Kienle fährt Weltrekord „Sehr, sehr tiefes Tief“: Im Ziel ist Sebastian Kienle völlig erschöpft – aber glücklich. Foto: dpa

Triathlet aus Knittlingen sorgt in Roth für eine Sensation: Platz zwei beim Ironman-Debüt in weniger als acht Sunden

Ab sofort darf sich Sebastian Kienle Deutscher Meister auf der Ironman-Strecke nennen. Der 26-Jährige aus Knittlingen hat gestern beim Klassiker in Roth die gesamte Weltelite düpiert. Nur der Däne Rasmus Henning war schneller. Kienle zimmerte obendrein einen Weltrekord auf die Radstrecke.

Von Steffen-Michael Eigner

Roth. Vier Stunden, 14 Minuten und sieben Sekunden – nie hat ein Triathlet die 180 Kilometer lange Radstrecke bei einem Ironman-Wettbewerb schneller bewältigt. Sebastian Kienle raste geradezu durch Franken. Und auch seine Gesamtzeit mit 7:59:06 Stunden war eine absolute Weltklasse-Leistung. Dabei hatte der 26-Jährige zuvor noch nie in seiner Karriere an einem Rennen über die volle Ironman-Distanz teilgenommen. „Wir wussten ja, dass er auf dem Rad gut ist. Aber dass er so gut ist – unfassbar“, war Christine Schleifer geradezu baff von der Leistung ihres Lebensgefährten. Die Langstreckenläuferin aus Mühlacker hatte das Rennen von einem Bus aus verfolgt, der Pressevertreter zu verschiedenen Streckenabschnitten kutschierte.

Jeder vierte Triathlon-Kenner
hatte zuvor auf Kienle getippt

 Auch Kienle selbst wusste zu seiner eigenen Leistung nur noch ein Wort zu sagen: „Unglaublich.“ Etliche Kenner der Szene hatten den Knittlinger allerdings schon zuvor auf der Rechnung gehabt: Bei einer Abstimmung auf dem Triathlon-Portal tri2b.com im Internet hatten 25 Prozent der Nutzer auf Kienle als Sieger von Roth getippt. Nur der Spanier Eneko Llanos bekam mehr Stimmen (41 Prozent). 15 Prozent glaubten an den zweimaligen Hawaii-Champion Normann Stadler, zehn Prozent an eine erfolgreiche Titelverteidigung von Michael Göhner. Auf den tatsächlichen Sieger Rasmus Henning hatten nur sechs Prozent getippt.

 Auf der 3,8 Kilometer langen Schwimmstrecke im Main-Donau-Kanal hatte sich Sebastian Kienle in Allerherrgottsfrühe (Startschuss um 6 Uhr) noch im großen Pulk bewegt. Mit rund fünf Minuten Rückstand auf ein Spitzentrio mit Rasmus Henning (Dänemark), Pete Jacobs (Australien) und Eneko Llanos (Spanien) stieg der Knittlinger aus dem Wasser. „Meine Schwimmleistung war ganz in Ordnung“, resümierte Kienle später, dem auf der Radstrecke zugute kam, dass der zweimalige Hawaii-Champion Normann Stadler mit ihm unterwegs war. „Wir haben uns gegenseitig angespornt“, berichtete Kienle nach dem Zieleinlauf gegenüber dem Mühlacker Tagblatt. Stadler allerdings musste später auf der Laufstrecke mit einer Wadenverletzung aufgeben.
 Da allerdings lag Kienle bereits in Führung. Als erster war der Knittlinger nach seinem Weltrekord-Ritt in die Laufschuhe geschlüpft und auf die Marathonstrecke gegangen. Der Däne Henning folgte ihm mit etwas mehr als vier Minuten Rückstand. Beide hatten zu diesem Zeitpunkt schon ein über fünfstündiges Rennen in den Beinen. „Die äußeren Umstände waren aber perfekt, etwas kühler als an den Tagen zuvor. Und wenn man diese Bruthitze gewohnt war, dann kann man so auch Höchstleistung bringen“, analysiert Kienle, der auch auf der Marathonstrecke lange in Führung lag. Dann jedoch kam der Einbruch. Bei Kilometer 28,5 hatte Kienle noch 53 Sekunden Vorsprung, zwei Kilometer weiter lag er bereits 54 Sekunden hinter dem Dänen Rasmus Henning. Immerhin aber hatte er noch ein Polster von rund sechs Minuten auf den nächsten Verfolger, den Spanier Eneko Llanos.

„Elend langsam“ ist am Ende
immer noch zu schnell

 „Alle hatten mir vorher gesagt, ich soll auf der Laufstrecke langsam machen. Es hat sich auch elend langsam angefühlt, war aber am Ende doch zu schnell. Ich bin in ein sehr, sehr tiefes Tief gefallen. Henning ist geradezu an mir vorbeigeflogen. Und mein Tief hielt bis ins Ziel an.“, berichtet Kienle von der Tortur der letzten 15 Kilometer. „Ich dachte immer nur: Ja nicht gehen, ja nicht gehen! Aber für die anderen hinter mir war es ja auch schwer.“

 Schwer genug jedenfalls, um Sebastian Kienle nicht mehr einzuholen. Der Knittlinger vom Tri-Team Heuchelberg kam 6:30 Minuten nach Henning als Zweiter ins Ziel, holte sich als bester Deutscher damit den Titel des Deutschen Meisters. Platz drei ging an den Spanier Llanos mit fast zehn Minuten Rückstand auf den dänischen Sieger und mehr als sechs Minuten Vorsprung auf den Viertplatzierten Australier Pete Jacobs.
 Seinem gestrigen Überraschungscoup zum Trotz will Sebastian Kienle zunächst weiterhin mehr auf der halben Ironmanstrecke unterwegs sein. „Ich weiß jetzt, wie brutal hart so ein Ironman ist. Deshalb werde ich auch im kommenden Jahr nicht mehr als ein Rennen auf der vollen Distanz bestreiten“, kündigte der 26-jährige Knittlinger an. Vielleicht dann auf den Lavafeldern von Hawaii?

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