Schutzengel passen auf junge Fahrer auf

Erstellt: 31. Mai 2011, 00:00 Uhr
Schutzengel passen auf junge Fahrer auf Am Simulator merkt Schutzengel Christoph Lehnert, wie gefährlich es ist, unter Alkoholeinfluss zu fahren. Can Ükten und Caner Ögüt (hinten rechts) können kaum fassen, wie schwer dem 20-Jährigen das Lenken und Reagieren fällt. Foto: Bettinger

Einrichtung feiert in Pforzheim ihren dritten Geburtstag – Jugendliche verhindern Alkoholfahrten und schlichten Konflikte

Seit drei Jahren bildet die Pforzheimer Polizei junge Menschen zu Schutzengeln aus. Sie sollen auf Fremde wie Freunde aufpassen, Konflikte schlichten und Fahrten unter Alkohol verhindern. Jetzt feierten die „Engel“ eine Party im ahg-Autohaus.

Von Stefanie Bettinger

Pforzheim. Mit 80 Stundenkilometern brettert Christoph Lehnert über die Landstraße. Es ist ein kleines Auto, entgegenkommen sollte dem 20-Jährigen trotzdem keiner. Beide Fahrstreifen braucht er, bisweilen auch den Grünstreifen. „Halt doch endlich das Lenkrad still“, will man ihm ständig zurufen. Das Auto müsste längst schrottreif sein, aber zum Glück ist es nur ein Fahrsimulator, in dem Christoph sitzt. Der Jugendverkehrsschutz Mannheim hat ihn für die Party an die Pforzheimer ausgeliehen. Fahren unter Alkoholeinfluss von bis zu 1,6 Promille kann er simulieren. Je höher der Wert und erschöpfter der Fahrer desto kleiner das Sichtfeld – Christoph bekommt den für angetrunkene Fahrer typischen Tunnelblick. Das Lenkrad reagiert nur noch verzögert auf seine Bemühungen. Ans rechtzeitige Schalten, Blinken und den Rückspiegelblick denkt der 20-Jährige nicht mehr: „Ich konzentriere mich auf die Fahrbahn“, sagt er zu seinem Beifahrer Can Ükten, der nur noch lacht. Denn die Fahrbahn hat Christoph schon vor langer Zeit verlassen.

 Genau für solche Situationen gibt es die Schutzengel. Wäre es ein echtes Auto, und würde Christoph tatsächlich mit 1,6 Promille über die Landstraße rasen, würde Can Ükten sich nicht mehr so wohl fühlen in seiner Haut.

 „Wir bringen den jungen Menschen bei, wie sie dem Fahrer ohne großes Aufsehen klar machen können, dass er nicht mehr fahren sollte“, erklärt Polizeihauptkommissar Andreas Stäble, der seit sechs Wochen die Pforzheimer Verkehrsprävention leitet. „Ich-Botschaft“ nennt er das. 1160 Schutzengel gibt es zurzeit. Anlass für die Gründung der Initiative war ein tatsächlicher und tödlich ausgegangener Verkehrsunfall im Jahr 2008.

 Damals waren fünf junge Männer im Alter von 16 bis 21 Jahren auf der Unteren Wilferdinger Straße unterwegs gewesen, als sie aufgrund überhöhter Geschwindigkeit mit dem Gegenverkehr zusammenstießen. Zwei starben, die anderen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Keiner der Gruppe war angeschnallt.
 Hat sich vielleicht einer von ihnen unwohl gefühlt, sich aber nicht zu helfen gewusst? Deshalb ist Christoph seit einem halben Jahr Schutzengel. In seinem Freundeskreis hat er seither ein paar Mal schon besonnen eingegriffen, um Schlimmeres zu verhindern. „Ich weiß jetzt, wie ich mich verhalten muss, wenn es kritisch wird“, sagt er selbstbewusst.

 Gelernt hat er das in einem vierstündigen Workshop der Polizei Pforzheim. 14 Trainer bringen dort den Teilnehmern zwischen 16 und 24 Jahren bei, was die Hauptunfallursachen bei jungen Fahrern sind, wie man Gewalt unter Jugendlichen eindämmen kann und wie man mit alkoholisierten oder unter Drogen stehenden Menschen umgeht. Auch Zivilcourage steht auf dem Stundenplan. „Wenn tatsächlich etwas passiert, brauchen wir die Schutzengel vor Ort auch als Zeugen. Sie müssen wissen, was in einer Unfallsituation zu tun ist“, sagt Stäble. Nach erfolgreichem Bestehen bekommt jeder einen Ausweis, der bis zum 25. Lebensjahr gilt. Christoph und Can haben ihren immer dabei, weil sie damit auch Vergünstigungen in Discotheken und Geschäften erhalten. In weiteren Workshops geben die Polizisten Tipps in Sachen Sicherheit am Steuer, Selbstbehauptung und Erste Hilfe.

 Hauptkommissar Stäble zieht ein positives Fazit nach drei Jahren: Die Zahl junger Menschen als Hauptunfallverursacher ist merklich zurückgegangen in Pforzheim und dem Enzkreis, Gleiches gilt für Gewaltdelikte mit jugendlicher Beteiligung.
 Christoph dagegen fährt die Karre an die Wand. Totalschaden. Seine Bilanz nach sechs Minuten Alkoholfahrt: 21-mal von der Fahrbahn abgekommen, zwei rote Ampeln überfahren, dreimal zu schnell gewesen und viermal auf die Gegenfahrbahn gerollt. Richtig schwammig im Kopf fühle er sich jetzt.

 Bis es mit dem Auto nach Hause geht, hat sich das aber wieder gelegt, denn Alkohol am Steuer – das ist gegen die Schutzengelkonvention.
 Übrigens: Auf der Party beim Autohaus gab es auch Gewinner unter den Schutzengeln: Sponsoren und Freunde hatten unter anderem einen Mini für ein Jahr und einen Roller für drei Monate gesponsert.

Info

Wie wird man Schutzengel?

Wer zwischen 16 und 24 Jahre alt ist, meldet sich im Internet unter www.schutzengel-pforzheim.de an. Die nächsten Basiskurse in Pforzheim finden am 31. Mai, 30. Juni und 8. Juli statt. Sie dauern jeweils vier Stunden. Ein Führerschein ist nicht erforderlich. Schutzengel erhalten nach der Ausbildung Ausweis und Urkunde. Regelmäßig finden gemeinsame Ausflüge und Partys statt. (bet)

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