Schulen harren gespannt der Dinge

Erstellt: 31. März 2011, 00:00 Uhr
Schulen harren gespannt der Dinge Erst wenige Wochen her und doch ein Bild aus der Vergangenheit: Mitte Januar besucht Ministerpräsident Stefan Mappus in Begleitung der Kultusministerin Marion Schick seine ehemalige Schule, das Theodor-Heuss-Gymnasium in Mühlacker. Die CDU hielt eisern am dreigliedrigen Bildungssystem fest, während die neue grün-rote Regierung ganz andere Pläne hat. Archivfoto: Tilo Keller

Machtwechsel im Land wird, je nach Schulart und Ausgangslage, unterschiedlich bewertet

Die Karten in der Bildungspolitik werden neu gemischt, und den Eltern ist dabei vor allem eines wichtig: Dass ihr Kind nicht den Schwarzen Peter zieht. Doch es gibt auch Schulleiter, die im Wechsel eine Chance sehen – für ihren Schulstandort und für ein neues Verhältnis von Schulen und Politik.

Von Thomas Eier

Mühlacker/Maulbronn/Knittlingen. Nach dem politischen Knall herrscht gespannte Ruhe, und was für Baden-Württemberg im Allgemeinen gilt, trifft in besonderem Maße auf die Schulen und Schulträger zu. Die neuen Regierungsparteien Grüne und SPD hatten im Wahlkampf offensiv für neue Bildungsstrategien geworben, die vom Ziel eines längeren gemeinsamen Lernens über eine Abschaffung der Werkrealschule nach CDU/FDP-Modell bis hin zu parallel laufenden G8- und G9-Zügen an den Gymnasien reichen.

 Je nach Schulstandort und Schulart überwiegen bei den Verantwortlichen die Befürchtungen oder die Hoffnungen. Thomas Mühlbayer, Schulleiter des Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasiums, macht keinen Hehl daraus, dass er über die grün-roten Konzepte für eine Gemeinschafts- oder Verbundschule alles andere als glücklich ist: „Dann können wir mittel- bis langfristig das Gymnasium beerdigen.“

 Dabei hält Mühlbayer weder etwas von der Einheitsschule noch vom Einheitslehrer. „Ich befürchte, das geht auf Kosten der Qualität“, verweist er auf Beispiele aus Bremen und Hamburg, wo die Schüler von Gemeinschaftsschulen deutlich schlechter abschnitten als ihre Altersgenossen im bislang dreigegliederten Schulsystem in Baden-Württemberg. „Diese Spitzenstellung sollten wir nicht ohne Not aufgeben.“

 Thomas Mühlbayer, der die Idee für einen parallelen G8- und G9-Zug eher als organisatorische denn ideologische Herausforderung betrachtet, kämpft für ein starkes Gymnasium in Mühlacker – und Joachim Eichhorn um die Zukunft seiner Grund- und Hauptschule in Maulbronn.

 So unterschiedlich die Ausgangslage, so unterschiedlich die Bewertung der politischen Umwälzungen im Land: „Ich bin zufrieden“, gibt Eichhorn offen zu. Er erwarte nicht nur ein Umdenken in der Bildungspolitik, sondern vor allem einen neuen Umgang der Politik und der Schulbehörden mit den Schulen, die sich im hierarchischen System der Vergangenheit nicht selten als „Befehlsempfänger“ gefühlt hätten. Gleichzeitig sind seine Erwartungen sehr konkret, sehe er doch neue Perspektiven für seine „kleine, verträumte Hauptschule auf dem Land“.

 Rein sachlich betrachtet ist die Schule am Silahopp eine Grund-, Haupt- und Werkrealschule – Letzteres noch nach alter Prägung – mit 324 Schülern, davon 120 in der einzügigen Hauptschule, der nach dem Werkrealschulkonzept der alten Landesregierung schon der Verlust der Selbstständigkeit drohte. Die Verhandlungen mit Knittlingen über eine gemeinsame Werkrealschule neuer Art liegen derzeit auf Eis, und der Ausgang der Landtagswahl wird kaum dazu führen, dass die Gespräche vorzeitig wieder aufgenommen werden. „Eine baldige Fusion mit Knittlingen auf der Ebene der Hauptschule sehe ich momentan nicht“, sagt Eichhorn.

 Stattdessen hat er sich bereits zu einem Gespräch mit Bürgermeister Felchle angemeldet, um die möglichen Auswirkungen des Machtwechsels auf die Maulbronner Schulpolitik zu diskutieren. Die Schülerzahlen allein sieht Eichhorn nicht als eine akute Gefahr für seine Hauptschule an, die bei vergleichsweise hohen Übergangszahlen aus der Grundschule auch in den nächsten Jahren „stabil einzügig“ sei. Deshalb empfinde er die Zusicherung der neuen Koalitionsparteien, die Schulen verstärkt in die politischen Weichenstellungen einzubinden, als ein positives Signal für eine weitere Stärkung des Schulstandorts.

 Eichhorn ist für alle neuen Ideen offen, wenngleich er die Tatsache, dass es stärkere und schwächere, fleißige und weniger fleißige Schüler gibt, keinesfalls ausblenden will. Eine „Verbundschule“ nach SPD-Prägung mit der Möglichkeit, vor Ort gleich noch die mittlere Reife zu erwerben, sei – „Wenn wir uns anstrengen“ – generell auch in Maulbronn vorstellbar.

 Wesentlich leichter, gibt allerdings Dr. Hans-Joachim Blum, Leiter der Mörike-Realschule in Mühlacker, zu bedenken, wäre ein möglicher Zusammenschluss dort, wo verschiedene Schularten ohnehin buchstäblich eng beieinander liegen – wie etwa auf dem gemeinsamen Schulgelände in Illingen, Knittlingen oder Heimsheim. „In Mühlacker bräuchte es schon ein gut ausgearbeitetes und gut begleitetes Konzept mit Hand und Fuߓ, will Blum neue Ansätze keinesfalls generell verdammen. Andererseits sei die (Mörike-)Realschule ein Erfolgsmodell, das in der Förderung und Ausstattung – anders als die Werkrealschulen und Gymnasien –  nicht immer die verdiente Beachtung gefunden habe.

 Dem kann Reinhold Hildebrandt nur beipflichten. Der Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Mühlacker Schulen rät den Eltern zur Gelassenheit und ist sich mit den Schulleitern aller Schularten darin einig, dass es keinen Radikalumbruch über Nacht geben kann und geben wird; schon deshalb, weil vielerorts, wie in Mühlacker, weder die strukturellen noch die baulichen Bedingungen für eine schnelle Zusammenlegung von Schularten gegeben seien.

 „Wir müssen erst mal abwarten“, heißt es deshalb kurz und knapp aus dem Amt für Bildung und Kultur in Mühlacker, während Elternsprecher Hildebrandt zumindest in einem Punkt keinen Aufschub duldet: „Was rasch umzusetzen ist, ist eine bessere Lehrerversorgung, und das insbesondere der Realschulen.“

Info

Die geplante Abschaffung der Studiengebühren und die Folgen
Aus Schülern werden Studenten, und die können sich über die Zusage der künftigen grün-roten Koalition freuen, die Studiengebühren wieder abzuschaffen. Allerdings gibt es die Sorge, ohne das Geld leide womöglich die Qualität der Ausbildung.

 Die Hochschule Pforzheim konnte 2010 über 2,5 Millionen Euro verfügen, die aus den Einnahmen über Studiengebühren von 500 Euro pro Semester geflossen sind. „Den Wegfall der Gebühren kann die Hochschule nicht kompensieren“, warnt Rektor Professor Dr. Martin Erhardt. „Öffentliche Mittel allein reichen nicht aus, die Finanzierung sicherzustellen.“ Das Geld werde eingesetzt, um den Service für die Studierenden und ihre Betreuung zu verbessern. Finanziert würden Tutoren, Arbeitsplätze und Beratungen für Studenten, Sprachkurse oder der Ausbau des W-Lan-Netzes. Studenten in „sozialen Randlagen“ seien befreit, für Familien mit mehreren Kindern greife die Geschwisterregelung.

 Die Studenten entscheiden über die Verwendung der Mittel mit. Wie Stefan Rose, Vorsitzender der AStA, berichtet, löse die geplante Abschaffung der Studiengebühren nicht nur Jubel aus. Viele seiner Kommilitonen befürchteten dadurch eine Verschlechterung des Angebots. (the)
 

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