Schüler begeistern im Klassik-Mekka

Erstellt: 26. April 2012, 23:30 Uhr
Schüler begeistern im Klassik-Mekka Großer Auftritt: Talentierte Schüler des Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasiums präsentieren in der Berliner Philharmonie Grieg-Werke in ungewöhnlichen Arrangements.

Berlin/Mühlacker. Das Berliner Publikum ist verwöhnt. Kein Wunder: Die Größen der Klassik-Szene geben sich in der Philharmonie die Klinke in die Hand. Wo regelmäßig die Berliner Philharmoniker zu hören sind, wo Star-Dirigenten wie Sir Simon Rattle und – ganz aktuell in diesen Tagen – Gustavo Dudamel den Taktstock schwingen, da haben sich am Montagabend auch talentierte Nachwuchsmusiker des Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) den verdienten Beifall der Zuhörer im Kammermusiksaal abgeholt.

Dass sie nicht nur als Konzertbesucher, sondern als Akteure die für Musiker heiligen Hallen betreten durften, haben die Schüler ihrem Musiklehrer Wolfhard Bickel zu verdanken, der sich schon seit Jahren mit dem Modell des Klassenmusizierens beschäftigt und sich mit mehreren Veröffentlichungen zu diesem Thema einen Namen gemacht hat. Basierend auf der Idee, dass jeder Schüler einer Klasse ins Musizieren einbezogen werden soll, kommt ein kunterbuntes Klangbild auf der Grundlage des Orff’schen Instrumentariums zustande. Ob an Glockenspiel, Xylophon, Metallophon oder Triangel – für die Mitglieder des Klassenorchesters ist nicht technische Virtuosität, sondern das stimmige Zusammenspiel Trumpf. „Einzelne Passagen sind dabei zwar nicht sonderlich schwierig, im Zusammenklang ergibt sich aber ausdrucksstarke Musik“, erläutert Schüler Yannis das Prinzip, mit dem sein Lehrer über die Grenzen Deutschlands hinaus für Furore gesorgt hat.

„Im Sommer wurde ich vom norwegischen Außenministerium nach Bergen eingeladen“, berichtet Wolfhard Bickel. Ziel der Skandinavier sei es, Schülern die norwegische Kultur, insbesondere auch die Musik Edvard Griegs, näherzubringen. Diesem Zweck diene das Projekt „Edvard Grieg in der Schule“, für das Bickel schließlich Arrangements bekannter Werke des Komponisten für Klassenorchester zu Papier gebracht habe. „Als ich die Ergebnisse im Oktober in der norwegischen Botschaft in Berlin vorgestellt habe, waren die Verantwortlichen davon so angetan, dass sie mich mit einem Klassenorchester zum Konzert in die Philharmonie eingeladen haben“, erläutert der Pädagoge die Hintergründe der insgesamt fünftägigen Reise in die Hauptstadt, die er am Freitag vergangener Woche gemeinsam mit seinem Musiklehrerkollegen Dominik Becki und den Schülern der beiden Musik-Neigungskurse antrat. Das Fortbewegungsmittel der Wahl waren zwei Kleinbusse – schließlich mussten nicht nur die Künstler, sondern auch entsprechend viele Instrumente transportiert werden.

Auch wenn die Arrangements prinzipiell durchaus für jüngere Schüler geeignet seien, habe sich doch kurz vor dem Auftritt auch bei den talentierten Musikern aus dem aktuellen und dem künftigen Abi-Jahrgang allein schon wegen des respekteinflößenden Namens „Philharmonie“ die Anspannung deutlich bemerkbar gemacht, blickt Wolfhard Bickel auf das Konzert am Montag zurück, das die Mühlacker Delegation gemeinsam mit 14 weiteren Gruppen aus ganz Deutschland gestaltete.

Zuhörer reagieren „regelrecht gerührt“

Nichtsdestotrotz seien die Interpretationen von „Walzer“, „Kobold“, „Springtanz“, „Wächterlied“ und „Elfentanz“ aus den eigentlich für Klavier geschriebenen „Lyrischen Stücken“ und die Wiedergabe des rasanten Satzes „In der Halle des Bergkönigs“ aus der berühmten Peer-Gynt-Suite wunderbar gelungen. Das Publikum im rund 1200 Plätze bietenden Kammermusiksaal habe begeistert reagiert, erzählt Bickel. „Ich wurde häufig angesprochen, gerade die Vertreter des norwegischen Außenministeriums waren regelrecht gerührt.“

Auch die Schüler hätten den Abend genossen – nicht nur der Musik wegen. „Für uns gab es die Möglichkeit zum kulturellen Dialog, vor allem hinter der Bühne kam es zu interessanten Begegnungen, und über allem stand natürlich die Möglichkeit, in der voll besetzten Philharmonie zu spielen“, ordnet Yannis Haug-Jurgan die Reise nach Berlin ein, an deren Kosten sich das norwegische Außenministerium beteiligt habe. Die Tage in der Hauptstadt seien ausgefüllt gewesen mit reichlich Kultur, einer Besichtigung des Reichstags und einem Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Katja Mast.

Hat auch für Schüler und Lehrer mittlerweile der Alltag abseits von Philharmonie und großer Politik wieder begonnen, so wird der Ausflug doch in mehrfacher Hinsicht ein Nachspiel haben. Zum einen werden Wolfhard Bickels Arrangements, ergänzt um methodische Anregungen, sowohl in Deutschland als auch in Norwegen veröffentlicht.

Zum anderen hat der erfolgreiche Auftritt in Berlin eine weitere Einladung nach sich gezogen: 2013 werden die Neigungskurs-Schüler mit dem Gewandhaus in Leipzig ein weiteres Musik-Mekka erobern – dann mit Arrangements für ein noch bunter gemischtes Orchester. Schließlich soll sich auch das verwöhnte Leipziger Publikum von einer Tatsache überzeugen: Mühlacker klingt gut.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte vom Auftritt der THG-Schüler in der Philharmonie, kann auf Youtube ein Video anschauen: http://youtu.be/fj14hx6ZJN8. Doch auch live kommen Musikfreunde auf ihre Kosten. Dieselben Stücke, die in Berlin zu hören waren, stehen auch auf dem Programm des Konzerts des THG-Orchesters, das am Dienstag, 8. Mai, um 19.30 Uhr im Mühlehof stattfindet.

Weiterlesen
Frust vor dem Fest

Frust vor dem Fest

Landfrauen kritisieren Christbaum-Beseitigung – Schultes will Vandalismus vermeiden Weihnachten ist das Fest der Liebe. Doch ausgerechnet kurz vor dem Fest hängt in Illingen der Haussegen zwischen dem Vorstand der örtlichen… »