Schädlingsbekämpfung mit Sex-Appeal

Erstellt: 30. April 2010, 00:00 Uhr
Schädlingsbekämpfung mit Sex-Appeal Beinarbeit: Die Schädlingsbekämpfung in den Weinbergen erfordert eine gute Kondition von Wengertern und ihren Helfern. Fotos: Hansen

Wengerter leisten im Frühjahr Fleißarbeit – Duftwolke verwirrt die Traubenwickler-Motte
 
Das findet der Traubenwickler dufte: In den vergangenen Tagen haben die Wengerter überall im westlichen Stromberg zehntausende brauner Plastik-Ampullen mit Sexuallockstoffen des Motten-Weibchens aufgehängt, die das Männchen in die Irre führen. So bekämpfen die Wengerter einen der gefährlichsten Schädlinge im Weinbau ganz ohne Insektizide.

Von Isabel Hansen

Knittlingen-Freudenstein/Enzkreis.  Mindestens zwei Generationen der Falter entwickeln sich jedes Jahr. „Die Raupen der ersten Generation, des so genannten Heuwurms, fressen die Gescheine und können sich auf den Ertrag auswirken“, erklärt Dieter Epple von der Weingärtnergenossenschaft Freudenstein. „Die Schäden sind bei der zweiten Generation, dem Sauerwurm, deutlich größer. Die Raupen fressen Löcher in die Beeren. Die ideale Eingangspforte für Pilze, die beispielsweise Sauerfäule verursachen.“

 Eine Krankheit, die besonders von den Rotwein-Spezialisten, zu denen sich auch die Wengerter vom westlichen Stromberg zählen, gefürchtet wird. „Bei unseren Lemberger-Vorzeige-Qualitäten setzen wir auf die klassische Maischegärung über mehrere Tage; faule Trauben haben viel Zeit, den Geschmack zu verderben“, so Epple.

 Weil Motten keine Grenzen kennen, ist nur die gemeinsame Schädlingsbekämpfung auf der rund 250 Hektar umfassenden Rebfläche im westlichen Stromberg mit Anbaugebieten in Oberderdingen, Knittlingen, Freudenstein, Diefenbach und Sternenfels erfolgversprechend.

 Eine echte Fleißarbeit: Immerhin müssen pro Hektar rund 500 der Verdampfer aufgehängt werden, damit eine durchgehende Duftwolke aus Sexuallockstoffen entsteht, welche die Männchen so verwirrt, dass sie ihre Partnerin nicht mehr finden. „Die Flüssigkeit wird langsam über mehrere Monate abgegeben“, berichtet Epple, dass in den kleinen braunen Plastik-Kapseln mehr steckt, als dem ersten Anschein nach zu vermuten wäre.

 Trotzdem wird nichts dem Zufall überlassen und regelmäßig überprüft, wie viele Schädlingen den Wengertern auf den Leim gehen. „In und um die Anbaugebiete installieren wir Pheromon-Fallen, in denen sich die Falter am Klebstoffboden verfangen. So kontrollieren wir Entwicklung und Flughöhe der Falter und können rechtzeitig Löcher im Duft-Teppich ausmachen“, erläutert Epple.

 Auch der Zeitpunkt muss stimmen und wird fast schon akribisch berechnet: „Ab dem ersten Januar addieren wir die Höchsttemperaturen von den Tagen, an denen es wärmer als null Grad ist. Liegt die Summe bei 950 Grad, müssen wir loslegen.“ Eine Vorreiterrolle hat die WG Diefenbach gespielt. „Die haben zwischen 1981 oder 1983 auf die damals noch ganz neue Methode gesetzt und echte Überzeugungsarbeit geleistet“, erinnert sich Epple.

 Ein Paradebeispiel für die logistische Meisterleistung ist die Kooperation zwischen der Faust-Schule und den Wengertern in Knittlingen oder die jüngste Gemeinschaftsaktion in Freudenstein. In nicht einmal drei Stunden haben die rund 50 Teilnehmer ihre Aufgabe erledigt.

 Einer der Aktiven war Günter Hauf, der sich seit Jahren auch durch das Gestrüpp kämpft, um die Wegränder zu versorgen. Ein Profi: „Die Sträucher sind zwar sehr dicht, trotzdem stoße ich mittlerweile immer auf die gleichen Stellen und finde die leeren Teile vom vergangenen Jahr.“ Ein Kurierfahrer sicherte den kontinuierlichen Material-Nachschub der Fußtruppen, die auf der rund 20 Hektar großen Fläche Weinstock für Weinstock abgehen. „Kondition braucht es schon. Rauf und runter, wieder rauf und runter. Das geht ordentlich in die Beine“, hat Markus Scholl aus Knittlingen bei der Arbeit wieder einmal zu spüren bekommen, warum es Weinberg und Steillage heißt. Dabei hat er reichlich Unterstützung mitgebracht: „Meine beiden Schwestern, meine Freundin, mein Schwager und mein 13-jähriger Neffe haben mich begleitet“, hat Scholl die ganze Familie mobilisiert. Schließlich hat er ein gutes Werbeinstrument in der Hand. Als Lohn für die Hängepartie lockte eine Hocketse mitten in den Weinbergen.

 Da haben es die Besucher der Weintour Westlicher Stromberg wesentlich leichter, in den Genuss der hiesigen Weine und Weinberge zu kommen. Am 16. Mai öffnen die Betriebe und Weingenossenschaften aus Oberderdingen, Freudenstein, Diefenbach, Sternenfels und Knittlingen nicht nur ihre Keller, sondern organisieren auch Führungen oder Schlepper-Touren. Praktisch für Kenner mit Köpfchen: der Shuttlebus-Service vom Hauptbahnhof Bretten.

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