Richter betätigt sich als Friedensengel

Erstellt: 22. Oktober 2010, 00:00 Uhr

Erbitterter Streit zwischen Hausbewohnern endet nicht mit einem Urteilsspruch – Strafanträge zurückgenommen

Maulbronn/Mühlacker (weg). Am Ende der Verhandlung wegen Körperverletzung und Beleidigung waren alle allen dankbar. Und am dankbarsten müssen alle zusammen Amtsgerichtsdirektor Bernd Lindner sein. Denn der fällte kein Urteil, sondern betätigte sich als eine Art Friedensengel in einer erbittert zerstrittenen Hausgemeinschaft, die den Namen „Gemeinschaft“ nur verdient, weil die Parteien ein gemeinsames Dach über dem Kopf haben.

 Angeklagt war die 37-jährige Ingenieurin Maria (Namen geändert), die seit drei Jahren mit drei Familien Reich in einem Haus mit vier Wohnungen lebt. Reichs senior, beide gehbehindert, Erika Reich und Ottilie Reich. Letztere sind Schwestern, Töchter von Familie Reich senior. Begonnen hatte alles, nach Marias Meinung, mit einer fehlerhaft ausgestellten Nebenkostenrechnung. Und dann war da natürlich noch die Sache mit der schwäbischen Hausordnung. Die hatte Maria nicht beachtet. Monatelang nicht, wie Erika, die Sprecherin der Familien, dem Richter gegenüber klagte. Daher hatte sie im Sommer letzten Jahres bei Maria geklingelt und sie energisch darauf hingewiesen, dass sie putzen müsse. Worauf Maria sich in eine Furie verwandelt, sie an den Haaren gepackt und ihr diese gleich büschelweise ausgerissen habe. Die Treppe habe sie sie auch noch hinuntergeschubst.

 Man grüßte sich nicht mehr. Die einzigen Worte, die man noch wechselte, war Marias Empfehlung an Herrn Reich senior, er möge „sich verpissen“. Oder die Damen der Familien mit „Huren“ titulierte. Und einmal Frau Reich senior angeblich im Waschhaus eine Ohrfeige gab. Das Maß war also voll, Erika erstattete Anzeige.

 Maria erklärte dem Richter, das sei alles gelogen. Die Betroffenen würden lügen und die Zeugen auch. Sie sei diejenige, die beleidigt und angegriffen worden sei. Erika schilderte tief erbittert die mehr als ärgerlichen Vorfälle im Haus. Dabei wolle man dort doch nur Frieden haben. „Wie soll das denn gehen?“, erkundigte sich der Richter. „Durch eine Verurteilung? Oder durch einen Freispruch?“ Während Erika darüber nachdachte, belehrte der Richter, Rechtsfrieden entstehe nicht durch ein Urteil. Es müsse doch möglich sein, zusammen zu wohnen, ohne sich zu beleidigen. Der Prozess werde sich hinziehen, malte er ein düsteres Zukunftsbild. Es sei denn, die Familie verzichte auf ihre Strafanträge und ziehe sie zurück. Dann werde Maria nicht bestraft. Dafür trage sie dann aber vielleicht die Gerichtskosten, die sonst ja derjenige tragen müsse, der einen Strafantrag zurückziehe. Maria nickte. Erika sprach draußen mit ihrer Familie. Danach waren alle bereit, auf Strafverfolgung zu verzichten. Erika und Verteidiger Norbert Willging reichten einander die Hand. Staatsanwältin Sigrid Micol stellte das Verfahren gegen Maria ein.

 Dass die Strafanträge zurückgenommen wurden, sei ein „großes Entgegenkommen“ der Familie Reich, stellte der Richter zufrieden fest. Und die Familie Reich sei Maria zu Dank verpflichtet, die die Kosten übernähme. Alle nickten. Der Friede kann nun Einzug halten.

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