Restauratorin rettet Madonna

Erstellt: 30. März 2012, 23:30 Uhr
Restauratorin rettet Madonna Die Maulbronner Madonna wurde aufwendig restauriert und soll bald in der sanierten Klosterkirche einen Platz einnehmen, der ihrer würdig ist.

Von Isabel Hansen

Maulbronn. Seit 1956 blickte die Maulbronner Madonna hinab in die Klosterkirche, doch kaum einer der Besucher erwiderte den Blick. Fast schon vergessen nagte der Zahn der Zeit an dem Kunstwerk, die Feuchtigkeit in der Nische setzte ihr zu. „Bei meinem ersten Rundgang in der Kirche habe sogar ich die Skulptur übersehen“, gibt Diplom-Restauratorin Magdalena Schlesinger zu. Sie untersuchte die Madonna im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, bevor sie die Himmelskönigin im Auftrag der Organisation Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg restaurierte. Insgesamt zehn Monate arbeitete sie an dem Projekt. Eine Zeit mit aufwendigen Untersuchungen, aufregenden Entdeckungen und feinsten Retuschierungen.

„Ziel der Arbeit war es, den Gesamteindruck wieder zu beruhigen“, erklärt Schlesinger. Braune Flecken, wahrscheinlich Folgen eines Pilzbefalls, blaue Übermalungen aus dem 20. Jahrhundert, durchschimmernde weiße Grundierung an Farbkanten, Risse, Kittungen und grob überpinselte Reparaturen tauchten die Maulbronner Madonna in ein schlechtes Licht. Mit Skalpell. Lösungsmitteln und feinsten Pinselstrichen unter der Lupe gelang es der Restauratorin, der sakralen Figur ihr erhabenes Aussehen zurückzugeben, Flecken zu entfernen, Farbfragmente zu neuem Leben zu erwecken.

Krone und Rosenzepter sind für immer verloren

„Hätten wir das alles in Auftrag geben müssen, hätten Untersuchung und Restaurierung zwischen 30000 bis 50000 Euro gekostet“, schätzt Professor Volker Schaible von der Staatlichen Akademie für Bildende Künste. „So beläuft sich die Investition auf rund 5000 Euro.“

Dabei handelt es sich bei der Holzfigur des frühen 14. Jahrhunderts um ein herausragendes Meisterwerk, wie Diplom-Restaurator Dr. Felix Muhle erklärt. Schon die Höhe der Skulptur von 1,70 Meter ist ungewöhnlich. „Die fließende Faltenführung und die leichte Körperbewegung zeigen Einflüsse französischer Bildhauerkunst“, nennt Muhle typische Merkmale. „Vermutlich stammt die Madonna aus der damaligen Kunstmetropole Köln.“

Einen Fehler durfte sich der Schnitzer bei der Herstellung nicht erlauben: Die 70 Zentimeter breite und 50 Zentimeter tiefe Figur wurde aus einem einzigen Stamm eines riesigen Walnussbaumes geschnitzt. Der Thronsockel aus Eichenholz grenzt die Geburtsstunde der Madonna ein. Der Jahrringkalender legt das Fälldatum der Eiche zwischen 1307 bis 1317 fest.

Dass die Madonna mehr als 500 Jahre unbeschadet überstanden hat, ist auch einem Kniff der damaligen Künstler zu verdanken. An der Rückseite ist die Skulptur stark ausgehöhlt. Ebenso wie der Hohlkanal in der Köpermitte, den Restauratorin Schlesinger beim Röntgen entdeckte, sollte dieses Detail Spannungen im Material reduzieren und Risse vermeiden.

Übel mitgespielt wurde der Maulbronner Madonna erst viel später. Diverse Befestigungen zeigen, dass Kopf und Arm von Madonna und Kind abgebrochen waren. Für immer verloren gegangen sind die Krone, das Rosenzepter und eventuell ein Vogel, den das Kind in der Hand hielt.

Die Madonna wartet im Depot auf ihren großen Auftritt

Bis hin zu der Bortenverzierung des Mantelsaumes mit längst abgefallenen viereckigen Glassteinen, Perlen aus aufgetupfter Grundiermasse und floral anmutenden Schlagpunzen in der bis auf Fragmente verblassten Vergoldung kann Restauratorin Magdalena Schlesinger heute sagen, wie die Madonna ursprünglich aussah: Goldener Mantel, goldenes Kleid, goldene Haare – im Mittelalter dürfte die Himmelskönigin einen strahlenden ersten Eindruck bei den Gläubigen hinterlassen haben.

Eine besondere Entdeckung für die Expertin war der Eichhörnchen-Pelz, mit dem der Mantel gefüttert war. „Das Tragen des sogenannten Fehhaares war ganz hohen Würdenträgern vorbehalten. Das Muster war bei der Madonna außerordentlich fein gezeichnet“, erklärt Schlesinger.

Der Platz, den die Madonna in der wiedereröffneten Klosterkirche einnehmen soll, werde der Würde ihres Amtes und der Erhabenheit ihres Anblickes angemessen sein, verspricht Dr. Gabriele Kleiber, Kunsthistorikerin und stellvertretende Bereichsleiterin Entwicklung bei den Staatlichen Schlössern und Gärten. Bis 2013 auch die Klosterkirche restauriert ist, muss die Maulbronner Madonna allerdings noch sicher verstaut im Depot der Denkmalspfleger auf ihren großen Auftritt warten.

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