Rainer Moser sucht die Sportskanone

Erstellt: 31. August 2010, 00:00 Uhr
Rainer Moser sucht die Sportskanone Die Arbeit mit Kindern macht Rainer Moser sichtlich Spaß. An der Reckstange daheim im Garten bringt er auch mal seinem fünfjährigen Neffen Noah den Unterschwung bei. Fotos: Eigner

Ex-Nationalturner fördert Bewegung bei Kindern – Vorbeugung gegen Haltungsschäden – Basis für Athletenlaufbahn

Den landläufigen Eindruck, dass Kinder heutzutage über weniger körperliche Fähigkeiten verfügen als noch vor 20 oder 30 Jahren, kann Rainer Moser nur bestätigen. Der 38-jährige Ex-Nationalturner aus Mühlacker plädiert deshalb dafür, Kinder möglichst früh an den Sport heranzuführen.

Von Steffen-Michael Eigner

Mühlacker. Einen Purzelbaum schlagen, auf einem Bein balancieren oder in der Rumpfbeuge mit durchgedrückten Knien die eigenen Zehen mit den Fingern berühren – Übungen, die noch vor 20 Jahren fast alle Kinder im Grundschulalter zuwege brachten. Heute ist dies nicht mehr selbstverständlich, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. Die Beweglichkeit der Kinder hat sich nach einer Studie von AOK, Deutschem Olympischen Sportbund und Wissenschaftlichen Institut der Ärzte seit 2000 um bis zu 20 Prozent verschlechtert. Die Kinder springen weniger weit, laufen langsamer und balancieren schlechter. 15 Prozent der Kinder seien übergewichtig. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren kann der Studie zufolge nicht schwimmen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen hätten Haltungsschäden.

 Was wissenschaftliche Forschungen belegen, beobachtet auch Rainer Moser in seinen Sportkursen, wenngleich der Mühlackerer freilich keine konkreten Zahlen erfasst hat. Doch so offensichtliche „Sportskanonen“, wie der Ex-Nationalturner eine war, müsse man mittlerweile suchen. Immer häufiger seien in seinen Kursen hingegen Kinder, bei denen er schon von vornherein erkenne, dass aus ihnen keine Leistungssportler mehr werden. Moser rät deshalb dazu, bereits im Vorschulalter mit altersgerechtem Sport zu beginnen, so wie es auch bei ihm selbst der Fall war.

 Als Dreijähriger kam Moser beim TV Mühlacker ins Babyturnen. „Ich bin einfach mit meiner älteren Schwester mitgegangen“, erzählt der heute 38-Jährige. Rasch erkannten die damaligen Übungsleiter sein Bewegungstalent. Zunächst Helmut Pupp und Heiner Dürr, später Franz Kruschina förderten den Turnfloh. Auch von seinen Eltern erfuhr Rainer Moser Unterstützung. Auf Anraten Kruschinas trainierte er als Achtjähriger zusätzlich einmal pro Woche an der Sportschule in Ostfildern-Ruit. „Das war die Voraussetzung für bessere Leistungen. In Ruit gab es eine Schnitzelgrube, nur damit kann man einen Doppelsalto lernen.“ Unzählige Male landete Moser also fortan in den weichen Schaumstoffschnitzeln, und der Erfolg blieb nicht aus.

 Als 14-Jähriger wurde Rainer Moser 1986 Deutscher Meister seiner Altersklasse. In der Jugend-Nationalmannschaft bestritt er einen Länderkampf gegen Großbritannien und die Schweiz. Lediglich Probleme mit dem Wachstum verhinderten seinen ganz großen Durchbruch. Und als die Wachstumsschübe überstanden waren und er topfit gewesen wäre, durchkreuzte die deutsche Wiedervereinigung seinen Traum von den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona.

 Bei den vorangegangenen Deutschen Meisterschaften war Moser der fünftbeste Westdeutsche gewesen. Doch die Konkurrenz aus den neuen Bundesländern war zu stark. Der Mühlackerer schaffte es nicht in den Olympiakader, wenngleich er mit seiner Stuttgarter Mannschaft den DM-Titel gewann: „Ich habe im Einzel immer für Mühlacker geturnt, in der Mannschaft für Stuttgart. Dank Doppelstartrecht war das möglich.“ Insgesamt viermal zwischen 1990 und 1997 war Rainer Moser mit der Stuttgarter Riege Deutscher Mannschafts-Meister. Von 1998 bis 2003 war der Mühlackerer noch für die KTV Straubenhardt in der Bundesliga aktiv.

 Inzwischen aber hat sich der ehemalige Spitzensportler vor allem dem Breiten- und Gesundheitssport verschrieben. Diesen Schwerpunkt setzte Rainer Moser bereits in seinem Sportstudium an der Universität Tübingen, wenngleich er einige Zeit mit dem ehemaligen Weltklasseturner Valeri Belenki für den Schwäbischen Turnerbund (STB) nach künftigen Meistern suchte: „Wir waren in Sachen Talentsichtung in Grundschulen unterwegs.“

 Rainer Mosers größtes Anliegen bleibt dennoch, Kinder und Jugendliche für den Sport zu begeistern – egal, ob sie später Topathleten werden wollen oder nicht. Dafür hat er 2006 seine eigene Kindersportschule gegründet, deren Angebot sich an Drei- bis Zehnjährige richtet. „Die Kinder altersgerecht fördern und ihnen die motorischen Grundlagen mitgeben – genau das ist mein Ziel“, betont Rainer Moser und fügt hinzu: „Das nutzt dem Kind in jeder Sportart. Es ist ja nicht gesagt, dass es ausgerechnet zum Kunstturnen will.“ Ganz abgesehen davon, dass das Training Übergewicht und Haltungsschäden vorbeuge.

Drei Schnupperkurse im Sommerferienprogramm

 Seine Kindersportschule ist nicht das einzige berufliche Standbein des 38-Jährigen. Moser gibt im Auftrag einer Krankenkasse Sportkurse für Rücken- und Schlaganfallpatienten sowie Diabetiker. Außerdem ist er für den TV Mühlacker und andere Vereine als Turntrainer aktiv. Ein eigener Stützpunkt in Mühlacker mit feststehenden Geräten und einer Schnitzelgrube wäre sein Traum. „Aber das bleibt wohl Utopie. Stadt und Schulen müssten da mitmachen. Selbst Bauherr will ich nicht werden.“ Eher hegt Rainer Moser die Hoffnung, fest in den Schuldienst zu wechseln. Schon jetzt ist er als Sportlehrer an verschiedenen Schulen tätig, allerdings immer nur vertretungsweise.

 In den Sommerferien engagiert sich Rainer Moser ehrenamtlich. Jüngst betreute er ein Turncamp in Monheim bei Donauwörth. „Einfach, weil mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht.“ Und in den kommenden Tagen veranstaltet er im Rahmen des Mühlacker Sommerferienprogramms „Bewegungswelten“ in der Enztalsporthalle (3., 6. und 9. September, jeweils von 9 bis 11 Uhr). „Wer Spaß an Bewegung hat, kann gerne zum Schnuppern kommen“, lädt Rainer Moser ein.

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