Pluspunkte für das Zukunftskonto

Erstellt: 30. Oktober 2008, 00:00 Uhr
Pluspunkte für das Zukunftskonto Schülerin Ronja (r.) stellt sich bei „Chefin“ Lisa vor – nach allen Regeln der „Knigge“-Kunst, versteht sich. Foto: Becker

Neuntklässler der Schule am Silahopp absolvieren in ihren Herbstferien ein „Knigge-Training“ und mehr

Pforzheim/Maulbronn – Ein gutes Zeugnis ist eine Sache. Sich und seine Fähigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz richtig verkaufen zu können, eine andere. Damit auch die Verpackung stimmt, haben Maulbronner Schüler gestern an einem „Knigge-Training“ teilgenommen.

VON CAROLIN BECKER

Der Chef Tim hätte den Bewerber Oguz vielleicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Hätte der aus lauter Erleichterung über den guten Verlauf des Telefongesprächs nicht abrupt den Hörer aufgelegt, als er von der freien Stelle erfuhr. Weil aber sowohl Chef als auch Anrufer im wirklichen Leben im Hauptberuf Schüler sind und die Szene unter professioneller Anleitung nur gespielt haben, ist nichts verloren. „Ihr nehmt beide einen Lernerfolg mit“, ermuntert die Trainerin ihre Schützlinge. Statt die Herbstferien auf dem Sofa oder vor dem Computer zu verbringen, lassen sich Tim, Oguz und elf weitere Neuntklässler der Maulbronner Schule am Silahopp die ganze Woche über fit für das Rennen um einen Ausbildungsplatz machen.
 „Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Hauptschüler nicht für eine Sache zu begeistern wären, sammeln wir in unserem Projekt ,Berufswahlcamp‘ ganz andere Erfahrungen“, betont Schulleiter Joachim Eichhorn. So opferten die Jungen und Mädchen freiwillig ihre Herbstferien, um – ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung verschiedener Sponsoren und der Agentur für Arbeit – Schlüsselqualifikationen zu erwerben. Diese sollen die Chancen für einen geglückten Einstieg ins Berufsleben verbessern.

 Seit Montag haben die Teilnehmer des Berufswahlcamps tatsächlich kaum einen Gedanken an die Herbstferien verschwendet. Stattdessen folgen sie in Pforzheim einem gut gefüllten Trainingsplan. Ganztägig werden sie beim freien Bildungsträger BBQ in Fächern unterrichtet, die sonst nicht auf ihrem Stundenplan stehen. Vom Kennenlernen verschiedener Berufe über den Erwerb so genannter „Soft Skills“ bis hin zum Bewerbungstraining und Einzelcoaching reicht die Palette. „Die Schüler zeigen sich sehr motiviert“, berichtet Karin Kastner von der Bereichsleitung des gemeinnützigen Bildungsträgers, der unter anderem Netzwerke zwischen Schulen und der Wirtschaft betreut. Einige der jungen Maulbronner hätten schon ein klares Berufsziel im Auge, während andere noch eher orientierungslos seien. „Am Ende der Woche wollen wir jeden Teilnehmer sensibilisiert haben, ihm eine klarere Vorstellung von den verschiedenen Möglichkeiten vermittelt und sein Selbstbewusstsein gestärkt haben“, gibt sie das Ziel vor. Zum Selbstbewusstsein, wörtlich verstanden, gehöre auch das Gefühl für das richtige Benehmen. „Das fängt damit an, dass der Schüler, wenn er sich telefonisch nach einem Praktikumsplatz erkundigt, seinen Namen nennt, beinhaltet weiter, dass er beim Vorstellungsgespräch die Mütze abnimmt, und hört damit auf, dass er als Praktikant abends weiß, dass er seinen Arbeitsplatz aufgeräumt zu hinterlassen hat“, listet Karin Kastner einige jener Dinge auf, die den Schülern an diesem Mittwoch in zwei Trainingseinheiten nahegebracht werden. Häufig zähle schon der erste Telefonkontakt, unterstreicht sie die Bedeutung des „Knigge“-Unterrichts. „Zwar gibt es immer wieder Klagen über die Jugend, aber wir bekommen auch andere Rückmeldungen. So hat neulich ein Personalchef nach einem Gespräch mit einem Schüler einen so positiven Eindruck gewonnen, dass er den jungen Mann unbedingt kennenlernen wollte.“

 Das Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht gehört ebenfalls zum Übungsprogramm. So sieht sich Lisa, in Windeseile zur Chefin befördert, der Bewerberin Ronja gegenüber, die gerne den Ausbildungsplatz im Hotel ergattern möchte. Wer begrüßt nun wen und wie? Wer bringt das Gespräch in Gang? Im Rollenspiel lernen die Schüler, sich in beide Situationen hineinzudenken.

 So ergeht es auch Tim und Oguz. Beide spielen das Telefongespräch zwischen Chef und Bewerber auch in der umgekehrten Konstellation durch. Tim sei zu zurückhaltend mit Informationen über sich selbst gewesen, wird die Trainerin später bemängeln, dem Kandidaten aber ansonsten Ermutigendes auf den Weg geben. „Gut, dass du dich trotzdem am Ende bedankt hast, obwohl die Auskunft negativ war“, lobt sie. Auch der Tonfall sei freundlich gewesen. „Ihr macht schließlich Reklame für euch“, betont die Expertin. „Wer am Telefon einen besonders guten Eindruck hinterlässt, dessen Name landet vielleicht auf dem Notizzettel“, ergänzt Karin Kastner. Und ein solcher Vermerk kann mitunter so bedeutsam sein wie eine gute Note im Zeugnis.

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