Ohne uns würden Menschen hungern

Erstellt: 11. August 2006, 00:00 Uhr
Ohne uns würden Menschen hungern Susanne Kettler-Riutkenen kümmert sich auf dem Müllberg in Klaipeda um von der Gesellschaft vergessene Menschen.

„Hilfe für Litauen“ unterstützt arme Menschen im Baltikum – Eindrücke einer Reise nach Osteuropa

Sternenfels-Diefenbach – Angefangen hat alles 1994 mit einer Reise nach Litauen und einem Artikel im Mühlacker Tagblatt, in dem Heinz Daferner, die Armut in dem Baltikumstaat schilderte, der sich erst drei Jahre zuvor von der Sowjetunion losgesagt hat. „Der Artikel war Auslöser einer Welle der Hilfsbereitschaft“, erinnert sich der Diefenbacher. Daraufhin wurde der Verein „Hilfe für Litauen“ gegründet, der eigentlich nur drei Jahre bestehen sollte, heute aber immer noch existiert. Gerade erst sind Heinz und Ingrid Daferner von einer Reise nach Osteuropa zurückgekommen, bei der sie sich die Arbeit von drei Projekten angeschaut haben, die der Verein unterstützt.

VON FRANK GOERTZ

Eine Station der Reise war die 15 000-Einwohner-Stadt Jurbarkas an der Memel, nur wenige Kilometer vom Kaliningrader Gebiet der Russischen Föderation entfernt. Hier hat der Verein „Hilfe für Litauen“ in Kooperation dem Gustav-Adolf-Werk die Einrichtung einer Kindersuppenküche finanziert, die vom 28-jährigen Pfarrer Mindaugas Kairys geleitet wird. „Jurbarkas leidet unter 25 Prozent Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt in den Familien“, berichtet Daferner. Die Leidtragenden sind die Kinder. „Die Gefahr ist groß, dass sie zu streunden Straßenkindern werden, die ein Leben in Angst und Gleichgültigkeit führen“, befürchtet Mindaugas Kairys.  Die weitere Reise führte Ingrid und Heinz Daferner in die 210 000-Einwohner-Stadt Klaipeda, direkt an der Ostsee, in der sich „Hilfe für Litauen“ bereits seit Jahren engagiert. So hat der Verein die Diakoniestation Sandora mit aufgebaut und unterstützt deren Suppenküche regelmäßig. Täglich kommen hier 20 Menschen – Obdachlose und Verarmte – zum Essen. Daferner schildert ein klassisches Schicksal: „50 Jahre gearbeitet und jetzt 85 Euro Rente. Die gehen im Winter alleine für Miete, Heizung und einer minimale Versorgung mit Medikamenten drauf.“

250 Menschen leben auf und von dem Müllberg

Noch ärmer leben die rund 250 „Müllmenschen“ in der Hafenstadt. „Die Menschen auf dem Müllberg haben meistens keine Papiere. Sie existieren für den Staat nicht“, berichtet Daferner. Hinzu kommen Alkoholismus, Krankheiten, Hoffnungslosigkeit. Ihr einziger Lichtschimmer: Susanne Kettler-Riutkenen, Kapitänin und Leiterin der Heilsarmee Klaipeda. Sie betreut die Menschen nicht nur medizinisch und sozialpyschologisch, sondern hat für sie auch ein Ausstiegsmotivationsprojekt entwickelt, das ebenfalls vom Verein „Hilfe für Litauen“ unterstützt wird. „Eine ihrer mühsamen Aufgaben ist es auch, den Menschen eine Identität zu geben, indem sie ihnen Dokumente besorgt – teilweise mit Gerichtsbeschlüssen“, berichtet Daferner. „Nur mit Dokumenten können die Menschen in Jobs vermittelt werden, in denen sie ein paar Cent verdienen.“

 „Hilfe in Litauen ist nach wie vor nötig“, findet Daferner. Doch er weiß auch: „Helfen ist eine ganz sensible Sache.“ Man müsse Konzepte mit den Menschen erarbeiten und könne nicht auftreten wie der reiche Onkel aus Deutschland, der bestimmt, wo es langgeht. „Auf Augenhöhe arbeiten“ laute stattdessen die Losung. Man müsse gemeinsam überlegen und spüren was die Menschen brauchen – auch wenn sie es nicht ausdrücken. „Wenn unser Verein nicht wäre, würden viele Menschen in Litauen hungern“, sagt Daferner. Er versteht sich dabei als „Christ der Tat, der bereit ist zu teilen.“ Dabei kann der Verein „Hilfe für Litauen“ sich auf große Netzwerke – sowohl in Litauen als auch in Deutschland – verlassen. Regelmäßig schickt „Hilfe für Litauen“ Lastwagen mit Hilfsgütern auf die Reise in den Osten. Andere Projekte, etwa die Hilfe für Müllmenschen in Klaipeda oder die Kindersuppenküche in Jurbarkas, werden mit Geldspenden unterstützt. Der Vorsitzende des Vereins „Hilfe für Litauen“ hat im Laufe der Jahre aber auch festgestellt: „Es wird immer schwieriger, Geld aufzubringen.“

 Nähere Informationen über „Hilfe für Litauen“ unter den Rufnummern 07045/2556 oder 07043/2772.

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