Nervenkitzel und historische Flugzeuge

Erstellt: 17. September 2007, 00:00 Uhr
Nervenkitzel und historische Flugzeuge Dichter Flugverkehr hat am Wochenende während des Flugplatzfestes über Mühlacker geherrscht. Unsere Luftaufnahme zeigt das Gelände der Mühlacker Sportflieger auf dem Hangenstein. Fotos: Kollros

Tausende besuchen bei Kaiserwetter die Flugtage der Mühlacker Sportflieger auf dem Hangenstein

Mühlacker – Der Traum vom Fliegen und die damit verbundene Faszination scheint ungebrochen. Nicht anders ist es zu erklären, dass das Fluggelände am Hangensteiner Hof oben über Dürrmenz auch bei der neuerlichen Auflage dieses attraktiven Events von den Besuchermassen nur so überrannt wurde.

VON NORBERT KOLLROS
„Unser Flugplatzfest ist sicher eines der am meisten besuchten Vereinsfeste in der Umgebung“, gab sich Vorsitzender Jörg Brunhorn gestern Nachmittag beim Anblick der unzähligen Schaulustigen überzeugt. „Natürlich strengen wir uns auch an, den Besuchern viele Attraktionen in der Luft und teilweise auch am Boden zu bieten“, ergänzte sein Stellvertreter Matthias Spiller, der dabei auch auf die enorm lange organisatorische Vorlaufzeit von mehreren Monaten verwies. Wobei über allem die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen stehe, so Spiller weiter, der allein den Umfang des Genehmigungspapiers des Regierungspräsidiums auf 18 Seiten bezifferte.

 Aber am Samstag war dieser bürokratische Wust vergessen, da überwog auch bei den Organisatoren allein die Freude darüber, den Besuchern ein Mammutprogramm präsentieren zu können. Rund zwei Dutzend Gastflieger hatten sich fürs Wochenende mit ihren unterschiedlichsten Fluggeräten angesagt. „Man kennt viele Fliegerkollegen und die Qualität unseres Festes spricht sich in diesen Kreisen eben auch herum“, so Brunhorn weiter. Immerhin besäßen die Flugtage auf dem Hangenstein mittlerweile eine gut zehnjährige Tradition. Blickfang war natürlich auch in diesem Jahr wieder die legendäre „Antonov 2“, die mit ihrem sonoren Motorengeräusch auch unüberhörbar war. Sie startete wieder zu zahlreichen Rundflügen über Mühlacker und das Enztal, jeweils in Elfer-Gruppen ermöglichte die Crew von „Classic Wings“ dieses besondere Flugerlebnis. Am Steuerknüppel saß der Boeing-737-Berufspilot Roland Ott, der auf eine Erfahrung von über 13000 Flugstunden verweisen kann und sich selbst als „Antonov-Pilot aus Leidenschaft“ bezeichnet. Dem weltgrößten einmotorigen Doppeldecker die Schau zu stehlen, war für die zahlreichen weiteren Fluggeräte nicht einfach, aber Moderator Claus Reinacher verstand es mit profunder Sachkenntnis, das Interesse der Zuschauer immer wieder aufs aktuelle Geschehen zu locken, etwa den Helikopter „Bell Jet Ranger“, der gleichfalls für Passagierflüge im Dauereinsatz in den Lüften war. Diese Maschine mit Turbinen-Technik hatte derweil ihre Platzpremiere auf dem Hangenstein.

Doppeldecker diente der Jagdflug-Ausbildung

Mit einer Rarität wartete Dieter Frommer von den Sindelfinger Flugsportlern beim Fest in Mühlacker auf. Er hatte einen knallgelben, erst vor zwei Jahren von Grund auf restaurierten Doppeldecker „Bücker-Jungmann“ mitgebracht, der mittlerweile exakt 50 Jahre alt ist. Dieses Schulflugzeug wurde seit 1934 gebaut und diente vornehmlich der Jagdflug-Ausbildung etwa von Messerschmidt-109-Piloten. Auch in diesem Zweisitzer konnten Gastpiloten Platz nehmen.

 Geradezu putzig stellte sich daneben der einsitzige Schulsegler „Grunau Baby III“ dar, ein Modell, mit dem ganze Segelflug-Generationen ihren Traum vom Fliegen verwirklichten. Auch Ernst Costabel, Urgestein vom Hangenstein, kam beim Anblick des Oldtimers aus dem Jahr 1953 ins Schwärmen: „Ja, damit haben wir das Segelfliegen gelernt“, meinte der knapp 90-Jährige, und man merkte dem einstigen Fluglehrer an: Es pupferte in ihm – aber erst kürzlich von einer Herzoperation genesen, verbietet es sich ihm derzeit, selbst wieder in die Lüfte aufzusteigen. Aber dafür konnte er stolz die Flugkünste eines Enkels Sascha Costabel beobachten, der mit einem für Kunstflug konzipierten MDM-1-Solo-Fox seine Kunstflugfiguren an den Himmel zeichnete. „Männchen“, „Turn“, „Vier-Zeiten-Rollen“ oder Loopings waren solche Figuren, mit denen der aktuelle Elite-Flugsportler vom Hangen-stein seine Zuschauer immer wieder ins Staunen versetzte. „Kunstflug ist eigentlich mein Winterhobby, dann wenn wir wenig Thermik haben, ansonsten bin ich passionierter Langstreckler“, so der 37-Jährige, der in der Rhein-Neckar-Enz-Wertung aktuell das Feld anführt.

 Auch der Vereinsnachwuchs stellte sich vor und warb um neue Mitglieder. Immerhin kann man mit der Segelflug-Ausbildung schon als 14-Jähriger beginnen und wenn man die nötige Reife besitzt, auch schon als 15-Jähriger in direktem Funkkontakt mit seinem Fluglehrer seine ersten Alleinflüge absolvieren. Die Pilotenlizenz kann dann ab dem Alter von 16 Jahren ausgehändigt erhalten.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm rundete das Geschehen am Hangenstein ab. Wer ein dickes Nervenkostüm besaß, konnte etwa einen Tandemsprung mit einem erfahrenen Fallschirmspringer absolvieren. Dass die Fliegerei indes auch vom Boden aus betrieben werden kann, stellten Modellflieger wie Michael Müller aus Mühlacker unter Beweis. Er zeigte beispielsweise Kunstflug mit ferngesteuerten Hubschraubern.

  Wie nah freilich Spaß und Schicksal auch beim Hobby mit Modellflugzeugen beieinander liegen können, wurde bewusst, als einem Böblinger Modellflieger das teure Fluggerät wegen eines technischen Defekts abstürzte und unreparabel am Boden zerbarst.

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