Nahostexperte räumt mit Klischees auf

Erstellt: 31. Januar 2009, 00:00 Uhr
Nahostexperte räumt mit Klischees auf Winfried Weithofer (l.), Politikredakteur der Stuttgarter Nachrichten, im Gespräch mit Buchautor und Auslandskorrespondent Karim El-Gawhary. Foto: Keller

Autor Karim El-Gawhary liest bei Buch Elser aus „Alltag auf Arabisch“ – Eindrücke zum Gaza-Krieg.

Mühlacker – Ganz nah dran am aktuellen weltpolitischen Geschehen waren am Donnerstag mehr als 100 Besucher auf Einladung des Mühlacker Tagblatt und von Buch Elser. Karim El-Gawhary, stellte sein Buch „Alltag auf Arabisch“ vor und bezog Stellung zum aktuellen Nahost-Konflikt.

VON EVA FILITZ

El-Gawhary, 1963 in München geboren, mit deutscher Mutter und ägyptischem Vater, Studium der Islam- und Politikwissenschaften in Berlin, verheiratet mit einer Amerikanerin, drei Kinder, lebt seit 17 Jahren mit seiner Familie in Kairo, berichtet als Nahostexperte für deutschsprachige Zeitungen, leitet seit 2004 das Nahost-Büro des Österreichischen Rundfunks in Kairo. Begleitet wurde er von Winfried Weithofer, politischer Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten und Moderator des Abends.

 „Karim El-Gawhary ist eine tragende Stütze unter unseren Auslandskorrespondenten“, stellte er den Ägypter als profunden Kenner der Nahost-Szene vor.

  „Es ist schon ein Kulturschock aus der 18-Millionenstadt Kairo nach Mühlacker zu kommen“, begann El-Gawhary. Im Fokus stand sein Buch „ Alltag auf Arabisch – Nahaufnahmen von Kairo bis nach Bagdad“, aus dem er fünf Geschichten las. Der Autor schildert mit oftmals skurrilem Humor, feiner Ironie, vielleicht auch mit ein wenig Hang zu Satire kleine Begebenheiten von kleinen Leuten. Er nimmt die staatliche Verwaltung auf die Schippe, und ohne Häme spießt er das noch immer herrschende 7000 Jahre alte pharaonisch anmutende ägyptische Beamtentum in staatlichen Amtsstuben auf.

Klischees von Karawane bis Krisengebiet

„Das Buch habe ich geschrieben, weil die Nahostregion meistens nur in zwei Klischees wahrgenommen wird: als der verheißungsvolle Orient mit Kamelkarawanen, die bei Mondschein durch die Wüste ziehen oder als Gebiet, in dem sich seit Jahren die Bevölkerung die Köpfe blutig schlägt“. Der Mensch als Individuum zähle nichts. „Von der eigentlichen Krise möchte ich gar nicht sprechen. Ich will den Menschen dieser Region einen Namen, ein Gesicht geben und zeigen, wie sie alltäglich die Krise meistern bei dem Versuch, ein halbwegs normales Leben zu führen.“

  Die Zuhörer zeigten sich wissbegierig und wollten aus direkter Sicht des Korrespondenten vor Ort Wahrheiten über den Nahostkonflikt zu hören. Fragen wurden gestellt: Welche Rolle spielt Ägypten? Zeichnet sich in den laufenden Verhandlungen eine für alle gerechte Lösung ab? Welche Schäden hat der Raketenbeschuss in Gaza angerichtet? Wäre mit der Anerkennung Israels der Frieden hergestellt?

Phosphorgranaten zerstören Leben

„Ihre Fragen zeigen, dass ich wahrhaft einen krisensicheren Job habe“, urteilte El-Gawhary, der als einer der ersten Journalisten nach dem jüngsten Wiederauflammen des Konflikts in Gaza war. Die Schrecken der letzten Kämpfe im Gazastreifen machte er wiederum an Einzelschicksalen deutlich. „Die wichtigen Dinge spielen sich hinter der Front ab, hier werden Lebensträume zerstört.“ Er berichtete von Eltern, die in ihrem zerbombten Haus menschliche Körperteile fanden, diese beerdigen im Glauben, es sei ihre Tochter, die sie dann später lebendig in einem Krankenhaus antreffen. Er erzählte von israelischen Phosphorgranaten und den grauenhaften Verletzungen unter der Zivilbevölkerung. „Ich möchte den israelischen Minister so brennen sehen, wie ich meine drei Kinder und Ehemann habe brennen sehen“, wünscht sich eine Frau, nach einem möglichen Frieden befragt. „Es gibt zwei Zerstörungen“, sagte El-Gawhary leise, die materiellen und die im Kopf, letztere sind die schlimmeren.“ Die gegenseitigen Schuldzuweisungen müssten aufhören, die Grenzen im Gazastreifen wieder geöffnet werden, man könne 1,5 Millionen Menschen nicht wegsperren. Viele Palästinenser stünden der Hamas skeptisch gegenüber, die die Bevölkerung im Stich gelassen habe, als die Israelis anrückten. Wichtig sei es, dass die Palästinenser, Fatah und Hamas sich endlich einig würden, eine Regierung bildeten, mit der Israel ohne Gesichtsverlust verhandeln könne.

 „Ich sehe Verhandlungsbereitschaft auf beiden Seiten“, so der Nahostkenner. Alle 22 Staaten der Arabischen Liga hätten längst einen Friedensplan unterzeichnet, der aber Israel Bedingungen stelle. Die Anerkennung des Unrechtes, das vier Millionen Flüchtlinge seit 1967 erlitten hätten, sei überfällig. „Macht man Bedingungen schon im Vorfeld fest, die eigentlich ans Ende von Verhandlungen gehören, werden diese garantiert scheitern“, befürchtet Karim El-Gawhary.

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