Mühlacker für Tourismus aufwerten

Erstellt: 10. September 2010, 00:00 Uhr
Mühlacker für Tourismus aufwerten Fachwerkhäuser prägen das Bild der Knittlinger Straße in Lienzingen. Reicht das für eine Aufnahme in die Deutsche Fachwerkstraße? Foto: Sadler

CDU möchte Aufnahme in die Deutsche Fachwerkstraße – Stadtverwaltung dämpft Euphorie

Die CDU-Gemeinderatsfraktion möchte Mühlacker für den Tourismus interessanter machen. Deshalb soll die Stadtverwaltung prüfen, ob die Kommune oder einzelne Stadtteile in die Deutsche Fachwerkstraße einbezogen werden können. Doch die Chancen dafür stehen nicht gut.

Von Thomas Sadler

Mühlacker. Auf die Idee gebracht hat den Fraktionsvorsitzenden Günter Bächle der Moderator von SWR-Badenradio. Der habe unlängst bei einem Besuch des Senders in Lienzingen von dem Stadtteil mit seinen rund 100 Fachwerkhäusern regelrecht geschwärmt und sich in ein „kleines Rothenburg ob der Tauber“ versetzt gefühlt. Daraufhin hat die CDU den am nächsten Dienstag auf der Tagesordnung des Gemeinderats stehenden Antrag gestellt, die Verwaltung möge untersuchen, ob Lienzingen oder ganz Mühlacker Teil der Deutschen Fachwerkstraße werden könne.
 „Wir müssen den Tourismus als Wirtschaftsfaktor stärken“, begründet Bächle den Vorstoß. Mühlacker sei keineswegs nur eine Industriestadt.

 Ginge sein Wunsch in Erfüllung, würde Lienzingen beziehungsweise Mühlacker in die Reihe der Fachwerk-Städte aufgenommen, die an der Regionalroute „Vom Neckar zum Schwarzwald und Bodensee“ liegen. Bietigheim-Bissingen und die Nachbarstadt Vaihingen können sich mit dieser Feder bereits schmücken, genauso wie Calw und Altensteig.

 Gratis ist dies freilich nicht. Einschließlich des Obolus für einen geplanten Radweg an der Fachwerkstraße müsste Mühlacker einmalig 4500 Euro und künftig mindestens circa 2000 Euro im Jahr berappen, weiß Wirtschaftsförderin Anette Leitner. Letztere Summe würde sich zusammensetzen aus gut 900 Euro als Beitrag für eine Mitgliedschaft in der Arbeitsgruppe Deutsche Fachwerkstraße und 1000 Euro Marketingumlage für die Teilstrecke. Hinzu kämen außerdem Kosten für die Ausschilderung der Route.

 Derweil hat Anette Leitner schon mal ihre Fühler ausgestreckt, um die Chancen Mühlackers auf eine Aufnahme zu erkunden. Was sie erfahren hat, ermutigt allerdings nicht gerade. Für eine Aufnahme hätte die Kommune hohe Hürden zu nehmen. So müsste sie sich mit einem Bewerbungsschreiben an die Arbeitsgruppe Deutsche Fachwerkstraße in Fulda wenden, teilt Leitner dem Gemeinderat mit. Weil das Landesdenkmalamt über die Anträge mitentscheide, habe sie genau bei dieser Stelle nachgefragt.

 Die Antwort von Professor Dr. Michael Goer fällt eher ernüchternd aus. Zwar, attestiert er immerhin, zeichne sich der Ort Lienzingen durchaus durch einen größeren Bestand an Fachwerkhäusern des 16. bis 18. Jahrhunderts aus, bei denen es sich um „Weingärtner- und Bauernhäuser“ handle. Doch dann kommt das Aber: Als es Ende der 1990er Jahre darum gegangen sei, die Fachwerkstraße um weitere Orte zu erweitern, seien sowohl Lienzingen als auch „sämtliche andere Dörfer in Baden-Württemberg außer Betracht geblieben“, da die Arbeitsgruppe „Deutsche Fachwerkstraße“ sich satzungsgemäß um „historische Städte“ kümmere. Ziel der Arbeitsgemeinschaft Historische Fachwerkstädte sei es, Städte in Deutschland „mit nennenswertem Fachwerkbestand in ihrer historischen städtebaulichen Tradition zu erhalten.

 Angesichts des Bescheids des Landesdenkmalamts hält Anette Leitner die Aussicht auf eine Aufnahme für gering. In diesen Genuss kämen nicht Dörfer, von denen es eine Vielzahl mit Fachwerkgebäuden gebe, sondern eben nur Städte. Hier hakt nun Günter Bächle ein: Wenn Lienzingen allein nicht ziehe, klappe es doch vielleicht mit der Stadt Mühlacker insgesamt, immerhin wiesen auch andere Stadtteile und Dürrmenz Fachwerk in ihrem Ortsbild auf.

 Doch Leitner bleibt skeptisch. „Wir haben tolle Fachwerkdörfer, aber wir sind keine Fachwerkstadt“, bringt sie die Crux bedauernd auf den Punkt. Dabei verweist sie auf die Homepage der Deutschen Fachwerkstraße, Regionalroute „Vom Neckar zum Schwarzwald und Bodensee“, auf der von „Fachwerkstädten mit mittelalterlichem Flair und romantischer Aura“ sowie von „prächtigen Fachwerkbauten“ in „historischen Städten“ die Rede ist. In der Tat: Kommt ein Tourist in die City, sucht er – im Gegensatz zu anderen Städten – vergebens nach einer größeren Anzahl von Fachwerkhäusern, die ihn in eine mittelalterliche Atmosphäre eintauchen lassen.

 Indes ist auch Mühlacker längst kein unbeschriebenes Blatt im weiten Feld des Tourismus mehr. So führt die Weinstraße Kraichgau-Stromberg ganz offiziell durch Mühlacker, Mühlhausen und Lomersheim, und speziell Lienzingen liegt anerkanntermaßen an der Zisterzienserroute selbiger Weinstraße.

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