Mit Schirm, Charme und Methode

Erstellt: 29. Oktober 2010, 00:00 Uhr
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Pilzexperten registrieren großes Interesse an geführten Touren – Rekordverdächtige Ernte und Artenvielfalt

„Flockenstieliger Hexenröhrling“ klingt auf Anhieb wenig appetitanregend. Doch wenn die Naturparkführerin Ilse Schopper an diesen und weitere Speisepilze denkt, die sie in der zu Ende gehenden Saison entdeckt hat, gerät sie ins Schwärmen. Kein Wunder, blickt die Region doch auf ein rekordverdächtiges Jahr zurück.

Von Carolin Becker

Enzkreis/Pforzheim/Zaberfeld. Mit großen Körben, kleinen Messern und vor allem geschärften Sinnen sind sie in den vergangenen Monaten in den Wäldern der Region unterwegs gewesen: die Pilzsammler, unter denen Dietmar Gretter nach einem „Totalausfall 2009“ dieses Jahr eine Art Goldgräberstimmung ausgemacht hat. „Gute Erfolgsaussichten sprechen sich eben schnell herum“, weiß der Geschäftsführer des Naturparks Stromberg-Heuchelberg, der nicht nur im Rahmen des Naturerlebnistages ein enormes Interesse an den angebotenen Pilzwanderungen festgestellt hat. „Die Touren waren doppelt überbucht“, berichtet er und verweist auch auf die stark nachgefragten Spaziergänge der Naturparkführerin Ilse Schopper.

 „Mit der Ilse in die Pilze“ nennt die Brackenheimerin ihre regelmäßigen Wanderungen, deren Ziel sie den Teilnehmern aus Mühlacker, Knittlingen, anderen Enzkreisgemeinden, aber auch aus dem Raum Heidelberg und Karlsruhe erst bei der Anmeldung verrät. 250 Anfragen für zehn Touren seien auf sie hereingeprasselt, bilanziert die Expertin, die ihr Wissen um die insgesamt über 3000 heimischen Arten regelmäßig durch Fortbildungen bei „Pilz-Papst“ Walter Pätzold erweitert und nicht nur das Interesse an essbaren Waldgewächsen, sondern am Lebewesen Pilz in den Vordergrund stellt. Ein solides Fundament an Kenntnissen ist gefordert, will sie doch gemeinsam mit ihrem Mann Robert den neugierigen, aber meist mit wenig Vorbildung ausgestatteten Teilnehmern Grundsätzliches zum Pilz an sich, zur Technik der Ernte und zu den einzelnen Arten näherbringen. Dieses Jahr hätten sich neben „Steinpilzen in Massen“ auch seltener zu findende Exemplare etwa des Zigeunerpilzes gezeigt. Doch bei aller Freude über die Vielfalt: Der Grat, auf dem sich unerfahrene Sammler bewegen, ist schmal, betont die Expertin, die zwar selbst ebenso wie die Teilnehmer ihrer Touren von Vergiftungen verschont geblieben ist, aber auch von Fällen mit schlimmem Ausgang erfahren hat. „Häufig machen sich die Erscheinungen einer Vergiftung erst nach Tagen bemerkbar, wenn man vielleicht gar nicht mehr an die Pilzmahlzeit denkt“, schildert Ilse Schopper das Problem. Dann jedoch könne es schon zu spät, die Leber weitgehend zerstört sein.

 Erst neulich habe sie aus dem Korb eines Teilnehmers ihrer Tour einen Grünen Knollenblätterpilz gefischt. Laien könnten diesen hochgiftigen Vertreter seiner Zunft leicht mit dem Wiesenchampignon verwechseln, warnt die Naturparkführerin. Pilzberater seien verpflichtet, in einem solchen Fall den kompletten Inhalt des Sammelkorbs wegzuwerfen. Manche Empfehlungen gingen sogar so weit, selbst das Behältnis zu entsorgen. Um sich gar nicht erst in unnötige Gefahr zu bringen, sollten unerfahrene Pilz-Fans ihre Ernte von Sachverständigen prüfen lassen.

 Diesem Rat kann sich Hagen Hesse nur anschließen. „Je länger ich sammle, um so vorsichtiger werde ich, und ich mache Laien auch sehr deutlich klar, was eine Fehleinschätzung anrichten kann“, sagt der Wiernsheimer Experte, der sich von Kindesbeinen an mit den verschiedenen Arten befasst. Sein Wissen hat der studierte Landschaftsplaner in diesem Herbst unter anderem im Auftrag der Stadt Pforzheim weitergegeben. Die Resonanz auf die angebotenen Wanderungen sei im rekordverdächtigen Jahr 2010 riesig gewesen. Bei den von ihm geführten Touren sei es nicht primär um das Ernten von beispielsweise Steinpilzen und Pfifferlingen gegangen, sondern um das Sammeln von Eindrücken, um Ökologisches und Historisches – kurz: um die faszinierende Welt der Pilze.

 Bis Hesse seinem Favoriten, der Herbsttrompete, und Ilse Schopper der Frühjahrsmorchel wieder auf die Spur gehen können, vergeht einige Zeit. Die Saison, hat Schopper vor wenigen Tagen bei einem Ausflug nach Knittlingen festgestellt, sei nach den ersten Frostnächten weitgehend vorbei. Die Totentrompeten, die in Buchenwäldern noch auftauchten, seien wohl zu durchnässt, um im Kochtopf eine gute Figur abzugeben. Doch eines ist klar: Das Jahr 2010 mit seinem passenden Mix aus Feuchtigkeit und Wärme hat dem – allerdings nur gekocht genießbaren – Flockenstieligen Hexenröhrling und seinen Pilz-Kollegen jede Menge neue Fans eingebracht.

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