Luft wird trotz Umweltzone verpestet

Erstellt: 31. Dezember 2009, 00:00 Uhr
Luft wird trotz Umweltzone verpestet Seit Anfang 2009 gibt es in Mühlacker eine Umweltzone. Fahrzeuge ohne rote, gelbe oder grüne Plakette müssen draußen bleiben. Archivfoto: Eier

Seit einem Jahr ist Mühlacker Innenstadt für „Stinker“ tabu – Fahrverbote werden verschärft – Feinstaub und Stickoxide

Am 1. Januar 2010 wird die Mühlacker Umweltzone ein Jahr alt. Erhöhte Feinstaubwerte und Stickoxide sind derweil immer noch ein Problem. 2012 und 2013 sollen die Fahrverbote innerhalb der ausgewiesenen Bereiche ausgeweitet werden.

Von Thomas Sadler

Mühlacker. 64 „Umweltzone“-Schilder stehen seit Anfang 2009 an den Zufahrten zur Mühlacker Innenstadt, aus der fahrbare „Stinker“, die weder eine grüne noch eine gelbe oder wenigstens eine rote Plakette aufweisen, verbannt werden. Neben der City umfasst die Zone die B10 zwischen Mühlehof und Osttangente, also die Stuttgarter Straße.

 Von einem Fahrverbot betroffen sind indes die allerwenigsten Autofahrer: Nur knapp fünf Prozent haben bei der Einführung der Umweltzone über keine der drei Abzeichen verfügt. Abgesehen davon, gibt es zahlreiche Befreiungen. 172 Ausnahmegenehmigungen, in vielen Fällen zugunsten betagter Lkws von Firmen, seien bislang für Mühlacker beantragt worden, weiß Jürgen Trautz, Leiter der Kfz-Zulassungsstelle des Enzkreises. Und fast alle, nämlich 162, seien – für die Dauer von einem Jahr – abgesegnet worden.

 Entsprechend begrenzt ist denn auch der Nutzen der ein Jahr alten Regelung. Positiv sei immerhin, dass etliche Autofahrer durch die Umweltzone und die Plakettenpflicht ermutigt worden seien, ihr zu viele Abgase ausstoßendes Vehikel nachrüsten zu lassen, sagt Bürgermeister Winfried Abicht. Für zusätzliche Motivation habe ein großzügiger Zuschuss vom Bund gesorgt, der fast die Hälfte der Einbaukosten von Rußfiltern in Diesel-Fahrzeuge übernehme. Winfried Abicht weiß, wovon er spricht. Auch er selbst hat seinen neun Jahre alten VW Passat umweltfreundlicher ausstatten lassen und dadurch seine frühere gelbe Plakette gegen eine grüne eintauschen können. Extra-Vorteil: „Trotz des Filters verbraucht mein Auto weniger Sprit als vorher“, freut er sich.

 Günstig auf die verpestete Luft ausgewirkt habe sich außerdem die staatliche Abwrackprämie, dank der viele alte Karossen von den Straßen verschwunden seien. „Bezuschussung und Prämie brachten mehr als die Androhung von Fahrverboten“, resümiert der Bürgermeister.

 Nach Abichts Kenntnisstand lagen der Verwaltung 2009 „kaum Verstöße“ vor, wobei die Stadt innerhalb der innerstädtischen Zone lediglich stichprobenartig innerhalb des ruhenden Verkehrs kontrolliere. Kurioser Fall: Ein französisches Touristenpaar, das ahnungslos und ohne Plakette auf seinem Weg nach Stuttgart durch Mühlacker kam, was normalerweise 40 Euro Bußgeld plus etwa 25 Euro Bearbeitungsgebühr kostet, erhielt – mit unbürokratischer Unterstützung der Kommune – den auch in der Hauptstadt erforderlichen „Bäbber“.

 Auch die Polizei hat nichts Spektakuläres zu vermelden. „Keine Beanstandungen“, habe es im zu Ende gehenden Jahr gegeben, teilt Sprecher Wolfgang Schick mit. Was wohl auch daran liegt, dass die Beamten, wie sie am Jahresanfang ankündigten, keine gezielten Schwerpunktkontrollen vornehmen, sondern lediglich im Rahmen der normalen Streifentätigkeit nebenbei ein Auge auf die Plaketten haben.

Zulässiger Feinstaubwert an 29 Tagen überschritten

 Bei allen Verbesserungen, die Umweltzone, Subventionen und Geld fürs Verschrotten auch gebracht haben, so kann von einer Lösung des Emission-Dilemmas nach wie vor nicht die Rede sein. So sei der zulässige Feinstaubgrenzwert an der Stuttgarter Straße bis zum 13. Dezember an 29 Tagen überschritten worden, was zum Teil auch an bestimmten Wetterlagen mit geringem Luftaustausch liege, zieht der stellvertretende Ordnungsamtsleiter Ulrich Saur eine erste Bilanz. Viel fehlt also nicht mehr zu den pro Jahr erlaubten 35 Tagen.

 „Es muss weiter an der Abgastechnik an alten Autos gearbeitet werden“, appelliert Winfried Abicht deshalb konsequent. Darüber hinaus führe an einer stärkeren Förderung des Hybrid-Autos, gerade für den Einsatz im Stadtverkehr, kein Weg vorbei, meint er vorausschauend.

 Zumal das Augenmerk der Abgaskontrolleure 2010 verstärkt nicht nur auf Feinstaub, sondern auch auf die von Fahrzeugen, vor allem von Lastwagen, ausgestoßenen Stickoxide gerichtet werde. Denn im nächsten Jahr gelten erstmals verbindliche NOx-Grenzwerte der EU. Ab 2011, meint Abicht, „muss dann ein neues Maßnahmenbündel kommen“. Die derzeit geltende Euro-5-Regelung reiche nicht aus, um die Luft ausreichend vor Dreck zu schützen. Bedauerlich dabei: Das strengere Euro-6 werde erst ab dem Jahr 2014 Vorschrift.

 Was nicht heißt, dass sich bis dahin gar nichts tut. Ab Januar 2012 dürften generell – in Stuttgart schon früher – nur noch Autos mit gelber oder grüner Plakette in die Umweltzonen einfahren, kündigt Uwe Herzel, Sprecher des Regierungspräsidiums Karlsruhe, an. Für „die Roten“ heißt es dann: Wir müssen draußen bleiben. Und gehe es nach der Absicht des Umweltministeriums, würden die Verbote zu Anfang 2013 ein weiteres Mal verschärft. Dann soll es nur noch für Fahrzeuge mit grünem Aufkleber grünes Licht geben.

 „Wir halten die Umweltzonen, durch die die Abgastechnik vorangetrieben wird, immer noch für das wirksamste Mittel im Kampf gegen den Feinstaub“, stellt Herzel fest. „Sorgenkind“ seien die Stickoxide. „Die EU hätte strengere Abgasvorschriften früher auf den Weg bringen müssen“, kritisiert der Behördensprecher.

 Übrigens: Bei den Stickoxiden ermittelt die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Mühlacker keine Kurzzeitwerte, sondern lediglich einen Jahresmittelwert. Und der liegt noch nicht vor.

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