Lomersheimer Statisten machen Dampf

Erstellt: 30. Dezember 2010, 00:00 Uhr
Lomersheimer Statisten machen Dampf Claudia und Rudolf Lang sind im Kinderstück „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ die Seele der „Emma“. Ohne die beiden Hobbyschauspieler bewegt sich das liebenswerte Stahlross auf der Bühne keinen Zentimeter. Die beiden Lomersheimer arbeiten als Statisten am Pforzheimer Stadttheater und machen bei jedem Auftritt neue spannende Erfahrungen. Foto: Tilo Keller

Hartes Training, heikle Momente und jede Menge Spaß am Schauspiel: Claudia und Rudolf Lang sind die Seele der „Emma“

Claudia und Rudolf Lang aus Lomersheim teilen eine gemeinsame Leidenschaft. Sie stehen im Pforzheimer Theater als Statisten auf der Bühne. Zurzeit erwecken die Hobbyschauspieler abwechselnd die „Emma“ zum Leben.

Von Maik Disselhoff

Mühlacker-Lomersheim/Pforzheim. Sie schnaufen, tuten, blinzeln und weinen. In ihrem Kessel stehen sie mächtig unter Druck und machen Dampf. Außerdem ziehen sie gegen die furchteinflößende Frau Mahlzahn in den Kampf: Claudia und Rudolf Lang aus Lomersheim sorgen im Kinderstück „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, das derzeit am Pforzheimer Stadttheater läuft, abwechselnd dafür, dass sich die Lokomotive „Emma“ auf der Bühne schnaubend in Bewegung setzt.

 Claudia Lang hat es während der kraftraubenden, eineinhalbstündigen Inszenierung einen Tick leichter als ihr Mann. „Ich kann in der Emma immerhin stehen“, sagt die Statistin mit einem Lachen. Rudolf Lang, der sich im kleinen Stahlross krumm machen muss, steht seit rund einem Jahr in Pforzheim auf der Bühne. Der ehemalige Verkaufstrainer hatte sich auf eine Anzeige des Theaters hin gemeldet, das für die Oper „Falstaff“ starke Männer gesucht hatte. Der 64-Jährige, der beim TSV Phönix Lomersheim über Jahre hinweg zum Laienensemble gehört hatte, stemmte auch die Aufgabe im Profitheater mit Bravour. „Wir mussten Falstaff, einen 100-Kilo-Mann, zu viert aus einem Wäschekorb herausheben und zum Fenster hinauswerfen“, erinnert sich der Rentner an seine erste Rolle.

 Nach der gelungenen Premiere folgte der nächste Auftritt in der Oper „Zar und Zimmermann“. Danach hatte der Lomersheimer im Stück „Cabaret“ eine heikle Mission zu erfüllen. „Ich spielte einen Nazi, der erst im Publikum sitzt, dann plötzlich aufsteht, laut in ein Lied einstimmt und den Hitlergruß zeigt.“ Eine Herausforderung, für die Lang seinen ganzen Mut brauchte. „Cabaret“ habe ihn nachdenklich gestimmt. „Das ernste Stück, das 1930 spielt, führt die Folgen des Antisemitismus eindrücklich vor Augen.“

Lok „Emma“ kracht bei der Generalprobe in die Kulissen

 In „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ sind die Lomersheimer, die die Rolle der Emma abwechselnd ausfüllen, auf andere Art gefordert. Heikle Momente gibt es allerdings auch in dieser Inszenierung. Claudia Lang, die durch ihren Mann zur leidenschaftlichen Statistin geworden ist, erzählt, dass sie ausgerechnet bei der Generalprobe in der Lokomotive den Überblick verloren und in der Folge auf Lummerland einen Tunnel mitgenommen habe. Damit so was während der Vorstellungen nicht passiert, wird hart trainiert. Als „sehr intensiv“ beschreibt die 62-Jährige die Proben. Teilweise stand das Ensemble im Vorfeld der Premiere zweimal täglich auf der Bühne, um zu üben. Mit Profis zu spielen, mache viel Spaß, betont Claudia Lang. „Die Schauspieler sind total angenehme Menschen, sehr aufgeschlossen und freundlich. Man gehört auch als Statist gleich zum Ensemble dazu.“

 Der Blick aufs Theater hat sich durch das eigene Engagement bei den Langs verändert: „Ich bewundere das Können der Profis, die innerhalb einer Sekunde in ihre Rolle schlüpfen und diese von der Haarspitze bis zum Zeh verkörpern, jetzt noch mehr als früher.“ Die Schauspieler, ergänzt Rudolf Lang, seien echte Persönlichkeiten, voller Kreativität und Fantasie. Und in der Regisseurin von Jim Knopf, Milena Paulovics, sieht der 64-Jährige eine Respektsperson. „Die Frau weiß, was sie will“, urteilt der Mann, der einmal Manager und Verkäufer einer Bausparkasse geschult hat. Paulovics sei in der Sache bestimmt, und ihre Kritik äußere sie immer konstruktiv.

 Theater ohne Lampenfieber gibt’s nicht. Davon kann auch Claudia Lang ein Lied singen, die ihre Gefühlslage vor dem Auftritt mit dem Wort „furchtbar“ umschreibt. „Da hilft dann nur volle Konzentration“, so die Lomersheimerin zu ihrem Rezept gegen die Angst vor dem peinlichen Blackout. Wer denkt, Statisten könnten sich immer in der Masse oder am Bühnenrand vor dem kritischen Publikum verstecken, der irrt. Claudia Lang absolvierte als alte Flämin in der Oper „Zar und Zimmermann“ bereits einen Solopart und musste dabei auch noch tänzerisches Geschick beweisen.

 Was seine eigene Person betrifft, ist Rudolf Lang vor einem Schnitzer auf der Bühne nicht bang, das Lampenfieber hält sich bei ihm in Grenzen. „Um mich geht’s gar nicht, aber wenn ein Fehler passiert, fällt das gleich auf das ganze Theater zurück – und die geben sich doch alle so viel Mühe“, sagt der Hobbyschauspieler, der die Profis, die häufig nur mit befristeten Verträgen ausgestattet sind, für ihre Arbeitseinstellung bewundert.
 Das schöne am Theaterspielen sei, dass es nie langweilig werde, sind sich die Lomersheimer einig. Auch wenn ein Stück zum x-ten Mal gespielt werde. Die aktuelle Inszenierung kann Claudia Lang übrigens nicht nur Kindern ans Herz legen. „Ich würde sagen, dass die Geschichte etwas für die ganze Familie ist.“ Schließlich lerne Jim Knopf im Laufe der Geschichte, in der der junge Kerl zu einem erwachsenen Mann werde, auf was es im Leben am Ende ankomme: „Auf echte Freundschaft und Toleranz gegenüber anderen Kulturen.“

Weitere Vorstellungen im freien Verkauf sind am Donnerstag, 6. Januar, um 10 und 12 Uhr, sowie am Sonntag, 23. Januar, um 15 und 17 Uhr.

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