Lieblingsbücher irgendwie anders

Erstellt: 16. April 2011, 00:00 Uhr
Lieblingsbücher  irgendwie anders Sehr lustig, sehr traurig und sehr persönlich: Mit seinen Lieblingsbüchern taucht das Ehepaar Özer die Besucher in der Stadtbibliothek in ein Wechselbad der Gefühle. Foto: Hansen

Selma und Hasan Özer geben in der Stadtbibliothek einen Einblick in ihre Lesegewohnheiten

Von Isabel Hansen

Mühlacker. Wer an Selma und Hasan Özer denkt, dem fallen auf Anhieb zwei Dinge ein: die Herz-Apotheke am Anfang der Fußgängerzone, die sie betreiben, und das Thema Integration, für das sie sich in Mühlacker aktiv einsetzen. Doch am dritten Leseabend in der Reihe „Meine Lieblingsbücher“ überrascht das Ehepaar die Teilnehmer mit einer unerwarteten Auswahl – abseits jeder deutsch-türkischen oder türkisch-deutschen Debatte.

 Sehr bewegend las Hasan Özer aus dem Buch „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger. Der Autor beschreibt, wie die Alzheimer Krankheit seinen Vater schleichend verändert. Von der Familie jahrelang unbemerkt, rüttelt die fortschreitende Demenz an der Vater-Sohn-Beziehung. Der Sohn, ehemals stolz auf seinen Vater, ist mehr und mehr enttäuscht und wütend. „Lass dich nicht so gehen“, wirft er seinem Vater vor, wenn der jegliches Maß verliert, auf der Hochzeit über zehn Tortenstücke verdrückt und anschließend zwei Tage sterbenskrank im Bett liegt.

 „Als die Familie erfährt, dass es die Krankheit ist, die den Vater verändert, ist sie fast erleichtert“, erzählt Özer. „Jetzt, mit dem Wissen um den Grund der Charakterveränderung, findet die Familie wieder zum Vater und schafft ihm eine Welt, in der er in Würde altern kann.“ So traurig die Geschichte ist, so tröstlich ist sie auch. Immer wieder blitzen traurig-komische Elemente hervor. So scheitert jeder Versuch der Kinder, dem Vater zu erklären, dass er nicht nach Hause gehen kann, weil er schon zu Hause ist. Der Vater kontert mit erstaunlicher Logik: „Ja, auf dem Straßenschild steht der richtige Straßenname, ja an dem Haus steht die richtige Hausnummer – dann hat jemand die Schilder vertauscht.“ Und der Zuhörer, der eben vielleicht noch eine verstohlene Träne weggeblinzelt hat, kann schon wieder schmunzeln.

 Wie anders eine Ehefrau den aussichtslosen Kampf gegen eine Demenz-Erkrankung, die sie anfangs für eine verspätetet Midlife-Crisis interpretiert hat, aufnimmt, schildert das zweite Buch, das Özer mitgebracht hat. „Gute Nacht, Liebster“ von Katrin Hummel erzählt nicht nur einen Lebensweg, sondern informiert auch fundiert über eine Form der Demenz, an der auch jüngere Menschen erkranken. „Bei den Büchern habe ich wieder gelernt zu weinen“, sagt der Sprecher der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Mühlacker. Dass der Vorleser in gewisser Weise auch persönlich betroffen ist und jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis an Demenz leidet, vermuten seine Zuhörer schon, bevor es seine Frau Selma bestätigt.

 Ein Kontrastprogramm ist der Inhalt aus Selma Özers Bücherkiste: Drei Kinderbücher, an der auch Erwachsene ihren Spaß haben dürften. Ein Plädoyer für Toleranz von Kathryn Cave und Chris Riddell um den knuffigen Kerl namens „Irgendwie anders“, der dazu gehören möchte, aber nicht dazu gehört, und dem putzigen „Etwas“, die schließlich zu Freunden werden, obwohl „Etwas“ ja doch etwas anders „anders“ ist als „Irgendwie anders“.

 Da ist die Geschichte von Michael Ende und Michael Bayer von der beharrlichen Schildkröte Tranquilla Trampeltreu, die zu spät zu einer Feier kommt und doch pünktlich ist. Außerdem auf Selma Özers Literaturliste: „Ein Schaf fürs Leben“ von Maritgen Matter und Anke Faust, das vom Dialogwitz zwischen einem hungrigen Wolf und seinem potenziellen Opfer, einem naiven Schaf, lebt. Ihrer Rolle als „Ministerin für Bildung und Erziehung“ in der Familie Özer wird Selma beim Vorlesen mehr als gerecht. Der Wolf knurrt, das Schaf piepst, die Schildkröte Tranquilla redet gemütlich, die Schnecke flüstert. Mit ihrer Stimme erweckt sie die Figuren zum Leben, selbst das Märchen Rotkäppchen, von dem Selma Özer Anfang und Ende auf türkisch liest, erkennen die Zuhörer allein an der mal ängstlichen, mal drohenden Tonlage.

 Die schönste Anekdote hat Selma Özer sich bis zum Schluss aufgehoben: „Ich habe hier noch ein Exemplar von Thilo Sarrazin, das er persönlich signiert hat. Als ich ihn gebeten habe, es für Ayse, meine Tochter, zu signieren, hat er schon ein wenig irritiert geschaut“, erzählt sie.

 Niemand wird behaupten, die Özers hätten keinen Sinn für Humor.

Weiterlesen
Vorausdenken ist zu riskant

Vorausdenken ist zu riskant

Auch nach dem Überraschungs-Titel bei der DM sind die Olympischen Spiele für Roxana Nothaft vorerst kein Thema Der erste DM-Titel für Roxana Nothaft im Seniorenbereich kam überraschend. Und er wirft… »