Kormorane auf der Abschussliste

Erstellt: 28. Februar 2007, 00:00 Uhr
Kormorane auf der Abschussliste Der gefiederte Fischfeinschmecker ist nicht überall gern gesehen.Foto: Axel Jahn

Entrüstete Spaziergängerin entdeckt Kadaver in Enz – Bis Mitte März dürfen die Vögel geschossen werden

Mühlacker – Ein schöner Spaziergang an der Enz endet für eine Lomersheimerin mit einem Schrecken: Zuerst hört sie einen Schuss, dann sieht sie den leblosen Körper eines Kormorans den Fluss hinuntertreiben. Die Frau ist entsetzt. Indes: Die Vögel, die den Fischbestand in den Flüssen kräftig reduzieren, dürfen im Enzkreis trotz Bedenken von Artenschutzbeauftragten bis Mitte März geschossen werden.

VON THOMAS SADLER

Es war Montag, der 19. Februar, 15 Uhr. Gaby Hoffmann und eine Freundin waren an der Enz zwischen Lomersheim und Mühlhausen unterwegs, um einen Platz aufzusuchen, an dem Kormorane ruhen. Plötzlich ertönte ein Schuss. „Mir fiel auf, dass er genau aus der Richtung kam, wo auch der Schlafplatz der Kormorane war, und im nächsten Moment waren wir total überwältigt von der Vielzahl an Tieren, die plötzlich die Enz heruntergeflogen kamen“, teilt Gaby Hoffmann dem Mühlacker Tagblatt mit. Zuerst sah sie vier Gänsesäger, dann zwei Schwärme Stockenten und einen Schwarm aufgeregter Krähen und schließlich vier Kormorane. Als die beiden Frauen weiterliefen, entdeckten sie im Wasser den Kadaver eines frisch geschossenen Kormorans.

 „Ich finde es unverantwortlich, dass man die toten Tiere nicht einmal mehr einsammelt“, entrüstet sich Hoffmann, die bei ihrem Spaziergang noch zwei weitere Schüsse hörte. „Ich finde es furchtbar, dass man die Kormorane, die eigentlich die Gesundheitspolizei bei Fischüberbesetzung darstellen, einfach abschießt, nur weil sie ein paar Fische fressen. Der Rückgang an den Fischbeständen ist menschengemacht und nicht den Kormoranen anzulasten“, meint sie. Gleichzeitig teilt sie einen Seitenhieb an die Angler aus. „Der ,Angelsport’, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat, stellt unter den Freizeitnutzern am Gewässer einen der wichtigsten Störfaktoren dar, der auch von den Natur- und Vogelschützern oftmals unterschätzt wird.“ Dies führe an vielen Stellen zu einer eingeschränkten Nutzbarkeit für Vögel und andere Tiere. Die „dauernde Anwesenheit“ von Anglern blockiere diese Plätze als Brut-, Rast und Nahrungsplatz.
 Hermann Fasching, Vorsitzender des ASV Mühlacker, wehrt sich energisch gegen Unterstellungen, die seiner Ansicht nach haltlos sind. „Wir möchten dem Kormoran nichts Böses“, versichert er. Doch habe diese Vogelart „überhandgenommen“, weshalb nun „eine sinnvolle Dezimierung“ nötig sei. Die Kormorane, von denen ein Exemplar täglich ein bis eineinhalb Kilo Fisch vertilge, fielen in Schwärmen ein, beklagt der Angler. Eine Folge dieses Treibens: „Wir hätten schöne Äschenbestände, aber da finden Sie fast nichts mehr“, so Fasching zum MT. Die Fischer würden es begrüßen, wenn die Kormoranschützer, von denen er auch schon „Anfeindungen“ zu spüren bekommen habe, den Anglern mal ein paar tausend Euro zur Verfügung stellen würden, so Fasching süffisant. Denn durch die Vögel entstehe den Vereinen, die die Enz mit Fischen besetzen, ein großer Schaden.

 „Der Rückgang an Fischbeständen ist menschengemacht und nicht den Kormoranen anzulasten“, kontert Gaby Hoffmann. Ebenfalls problematisch für Bachforellen und Äschen sei das Ansteigen der Temperatur von Gewässern.

 Klar: Ob Strömer, Äsche oder Elritze – den Kormoranen schmeckten auch diese auf der Roten Liste stehenden Fischarten, doch hauptsächlich mache sich der Vogel über andere Fische her, meint Thomas Köberle, Artenschutzbeauftragter des BUND, Region Nordschwarzwald. Auf keinen Fall rotte der Kormoran ganze Fischarten aus, betont er. Vom Abschießen der Kormorane hält Köberle, der durchaus Verständnis für die Verärgerung von Anglern aufbringt, nichts. Begründung: Je mehr Tiere getötet würden, desto mehr Nahrung fänden die Überlebenden, die sich umso stärker vermehrten. Kormorane schießen dürfe ohnehin nur ein Jagdpächter oder ein vom ihm Beauftragter. Nach dem Erlegen eines Kormorans müsse das Tier gesichert und daraufhin untersucht werden, ob es beringt ist.

 Die Abschussgenehmigung des Enzkreises läuft seit September 2006 und gilt bis 15. März 2007. Dies bestätigt Rüdiger Jungkind vom Landratsamt auf Anfrage unserer Zeitung. Allerdings darf nicht überall geschossen werden: Zum Beispiel in Naturschutzgebieten sei es nicht erlaubt. Jedoch könne das Regierungspräsidium Ausnahmen genehmigen.

 Der Abschuss zwischen Lomersheim und Mühlhausen, von dem er bereits gehört habe, sei wahrscheinlich rechtens gewesen, sagt Jungkind. Allerdings kenne er den genauen Schussstandort noch nicht.

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