Klosterschule kämpft gegen Klischees

Erstellt: 28. Februar 2011, 00:00 Uhr
Klosterschule kämpft gegen Klischees Klosterschule kämpft gegen Klischees

Nicht alle Schüler werden Pfarrer: Evangelisches Seminar Maulbronn gibt Einblick in seinen Alltag und seine Angebote

Im Wahlkampf wird viel über die Bildungspolitik an öffentlichen Schulen im Zeichen der sinkenden Schülerzahlen diskutiert. Keinen Schülermangel gibt es am Evangelischen Seminar im Kloster Maulbronn. Die Internatsschule kann sich ihre Bewerber aussuchen.

Von Ulrike Stahlfeld

Maulbronn. Am Sonntag öffnete die 1566 von Herzog Christoph von Württemberg gegründete Schule ihre Türen für die Öffentlichkeit und stellte den Besuchern, darunter interessierte Eltern und mögliche neue Anwärter für das Internat, ihren Alltag und ihre Angebote vor. Der Informationstag mit Besichtigungen, Aufführungen und Beratungen bot gleichzeitig die Chance, aufzuräumen mit alten Klischees.

 Zum Beispiel jenem, dass alle Seminaristen anschließend Pfarrer würden. Auch müssten die Schüler, die sich für einen Platz bewerben, nicht zwingend Latein können oder ein Instrument spielen. Doch der Schulleiter, Ephorus Tobias Küenzlen, wundert sich, wie lange sich die einschlägigen Vorurteile über die Klosterschule halten. „Dabei war es zu allen Zeiten so, das die Schule alle Berufsgruppen hervorbrachte“, stellt er klar. Besonders hartnäckig halte sich das Gerücht, das Seminar sei fest in männlicher Hand: „Wir nehmen schon seit 40 Jahren Mädchen auf.“

 Die hätten vermutlich längst die zahlenmäßige Oberhand im Internatsleben gewonnen, hätte die Schulleitung nicht ein wachsames Auge auf das Gleichgewicht der Geschlechter, was nicht nur die Unterbringung in den jeweiligen Trakten erleichtert. Tobias Küenzlen: „Die pädagogische Situation ist dadurch auch natürlicher.“

 Regelmäßig gibt es mehr Bewerber als Plätze, und daran hat auch die Einführung der Oberstufe in Maulbronn nichts geändert. „Für uns ist es wichtig, Schüler zu finden, die zusammenpassen und eine Gemeinschaft bilden wollen und können“, betont der Ephorus, dass grundsätzlich jeder Bewerber eine Chance auf Aufnahme hat –  unabhängig von seinen Noten. Allerdings, räumt der Schulleiter ein, sollten die Seminaristen im Allgemeinen interessiert und motiviert sein. Die eigentliche „Auswahl“, relativiert Küenzlen das vermeintlich strenge schulische Ausleseverfahren, finde bereits zuhause in der Familie statt, denn es gehöre Mut bei Eltern und Kindern dazu, sich für den Wechsel ins Internat zu entscheiden: „Welcher Junge und welches Mädchen mit 14 Jahren überlegt sich diesen Schritt nach draußen?“ Dass bei den Seminaristen das Interesse an Themen wie Politik, Geschichte und Kultur höher sei als im Durchschnitt, sei insbesondere an den positiven Reaktionen der Besucher, zum Beispiel aus der Politik, abzulesen.

 Das Lernen geht im Seminar weit über den reinen Unterrichtsstoff hinaus, betont Küenzlen, weil das Leben im Internat, das die Kinder und Jugendlichen präge, schon die Hälfte der Bildungserfolge bedeute. Die Schüler lernten, was Demokratie und gegenseitige Rücksichtnahme bedeuteten.

 Mit den neu hinzugekommenen Klassenstufen elf und zwölf hat sich auch das Internatsleben geändert: „Wir müssen uns umstellen, wir haben jetzt auch junge Erwachsene hier bei uns.“ Im kommenden Schuljahr kommt die Klasse 12 hinzu, dann werden die ersten Abiturienten das Maulbronner Seminar verlassen. „Es läuft gut“, zieht der Ephorus ein positives Zwischenresümee aus der organisatorischen Umstellung. 75 Schüler der Klassen 9 bis 11 lernen und leben derzeit im Kloster.

 In der Vergangenheit mussten die Elftklässler nach zwei Jahren in Maulbronn in das Seminar Blaubeuren umziehen, um dort das Abitur zu machen. Das Seminar Blaubeuren, das früher nur eine Oberstufe hatte, verfügt inzwischen ebenfalls über die Klassen 9 und 10 und hat wie Maulbronn künftig 100 Plätze in vier Klassen.

 Der Reiz des Klosters als Weltkulturerbe spiele eine nicht unerhebliche Rolle für die Entscheidung, das Seminar zu besuchen, sagt der Ephorus über die Bedeutung der Kulisse. Sogar ein Mädchen aus den USA gehört zu seinen Schülern. Gleichzeitig profitierten die Kinder und Jugendlichen von der kulturellen Vielfalt in Maulbronn. „Das ist eine Prägung, die sie an einer normalen Schule nicht bekommen“, sagt der Ephorus, um sich umgehend gegen einen falschen Eindruck und neue Vorurteile zu wehren. Um das Seminar zu besuchen, müsse der Schüler keinesfalls „super gut, super musikalisch oder super fromm“ sein. Küenzlen: „Wir sind für alle offen.“

Info

Zwischen Tradition und Moderne: das Evangelische Seminar

Die Seminare Maulbronn und Blaubeuren wurden 1556 als evangelische Klosterschulen durch Herzog Christoph von Württemberg gegründet und 1928 in eine von Kirche und Staat gemeinsam getragene Stiftung überführt. Sie sind die beiden letzten noch existierenden von ursprünglich 13 Klosterschulen, die Herzog Christoph in allen württembergischen Männerklöstern einrichtete, um begabten Jungen – unabhängig vom Stand und Vermögen der Familie – eine erstklassige Ausbildung zu ermöglichen und so seinem mit sonstigen Reichtümern nicht gesegneten Land eine Bildungselite zu verschaffen.

 Gemeinsame Merkmale der Seminare heutiger Prägung sind die Orientierung am christlichen Glauben, die kleine Schülerzahl und das familiäre Miteinander von Lehrern und Schülern. In Maulbronn gibt es, weil die Internatsschule neu um eine Oberstufe erweitert wurde, derzeit 75 Schüler in den Klassen 9, 10 und 11. Kommt im nächsten Jahr die Klasse 12 dazu, hat das Seminar wie Blaubeuren 100 Plätze. Die Schülerzahl pro Klasse ist auf 25 beschränkt.

 Schwerpunkte im Unterricht sind neben alten und neuen Sprachen und Religion vor allem die Musik. Angebote wie Seminarchor und -orchester, Schullandheim, Studienfahrten, Besuche von Konzerten und Museen, diverse Arbeitsgemeinschaften (Kammermusik, Theater-AG, Computer-AG, Latein-AG für Französisch-Schüler, Garten-AG, Theologie-AG und Sport-AG) runden die Erziehung am Seminar ab.

www.semi-maulbronn.de/wikipedia.de

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